Schwerpunkt: Die schönsten Lieder in der Vorweihnachtszeit
Der Klang des Advents
Foto: istockphoto/mariusFM77
Musizierende Kinder
Macht hoch die Tür
Ich höre den Advent am liebsten in der Fußgängerzone. Genauer gesagt dann, wenn eine Blechbläsergruppe auf dem Marktplatz oder von einem Kirchturm herab „Macht hoch die Tür“ spielt. Das Lied im beschwingten Sechsvierteltakt klingt im dunklen Herbstgrau unerwartet. Es verkündet: Da kommt noch was. Weihnachten naht. Ich bleibe eine Weile stehen und höre zu.
Mit dem Text ist es nicht so einfach. Was soll das bloß heißen: „Macht hoch die Tür“? Und „Derhalben jauchzt, mit Freuden singt“? Tatsächlich sind die Worte über 400 Jahre alt. Der evangelische Pfarrer Georg Weissel hat sie 1623 verfasst – eigentlich nicht für den Advent, sondern aus Anlass der Einweihung einer neuen Kirche in Königsberg. Dafür griff er auf den biblischen Psalm 24 zurück. In der Übersetzung Martin Luthers heißt es dort: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.“ Für Weissel ist Jesus der König. Er soll in seine neue Kirche einziehen, vor allem aber in die Herzen der Menschen.
Die Worte „Macht hoch die Tür“ werden verständlich, wenn man sich eine ummauerte Stadt vorstellt. Wächter ziehen schwere Burgtore nach oben, um den Landesherrn und sein Gefolge hineinzulassen. Aber im Gegensatz zu Psalm 24 tritt der König in Weissels Text nicht als starker, gewaltiger, heldenhafter und kriegserprobter Kämpfer auf, sondern sanftmütig, barmherzig, gerecht und heilend. Ein König für die Armen, für die Ängstlichen und vor allem für die, die sich vor dem Sterben fürchten.
Der Liedtext sagt ihnen, dass der Tod nicht das Ende ist: Wer auf Jesus vertraut, ist auf dem „Weg zur ewgen Seligkeit“, heißt es in der fünften Strophe. Deshalb, ja, deshalb sollen die Menschen sich freuen. Oder, mit Weissels Worten: „All unsre Not zum End er bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt.“
// Barbara Dreiling
Wir sagen euch an den lieben Advent
Das Lied „Wir sagen euch an den lieben Advent“ hat für mich eine doppelte Tradition. Zum einen eine gottesdienstliche: Bei uns beginnt jeder Adventssonntag in der – je nach Wetterlage – halbdunklen Kirche. Vorne steht eine kleine Gruppe Kinder mit wechselnden Instrumenten. Zum Einzug intonieren sie die Melodie – das kann bei jungen Geigerinnen oder Cellisten schon mal quietschen, bei älteren Saxophonisten aber auch richtig toll klingen. Und während ein Kind auf der Trittleiter balancierend die Kerzen am hängenden Tannenkranz entzündet, singt die Gemeinde das Lied – jeden Sonntag etwas länger.
Auch privat haben wir ein Ritual: Wir entzünden immer am Samstagabend die nächste Kerze. Als wir Kinder bekamen, sangen wir mit ihnen bei jeder Kerze die passende Strophe. Erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier – und natürlich musste das Anzünden der Lichter gerecht verteilt werden.
Seit dem vergangenen Jahr sind mein Mann und ich wieder allein im Haus. „Sollen wir trotzdem singen?“, fragten wir uns am Vorabend des Ersten Advent. „Nur wir zwei? Ist das nicht irgendwie … seltsam?“ Ja, es ist seltsam, zumindest ein bisschen. Aber vielleicht ein Anlass zu fragen: Wem, wenn nicht mehr unseren Kindern, könnten wir den Advent in diesem Jahr ansagen? Schließlich heißt es: „Wir sagen euch an …“ Soll bedeuten: Den Advent behalten wir nicht für uns, der ist nicht nur ein persönlicher Kuschelfaktor in kalter Jahreszeit, der will verkündet werden.
Wie das gehen kann, sagt das Lied auch: Es nehme sich einer des anderen an. „Tragt eurer Güte hellen Schein, weit in die dunkle Welt hinein.“ Und: „Freut euch, ihr Christen!“ Wenn nur ein bisschen davon gelingt, ist der Advent wohl wirklich eine „heilige Zeit“.
// Susanne Haverkamp
Tochter Zion
Nach „Tochter Zion“ klingt der Advent eigentlich nur in der Kirche. Und auch dort versteht man das Lied nicht sofort. Vor allem nicht, was es im Kern aussagen will: dass Krippe und Kreuz beieinander sind.
Da soll sich „Tochter Zion“, ein lyrischer Begriff für Jerusalem und seine Bewohner, freuen, denn „dein König kommt zu dir …“ Damit ist nicht das Jesuskind gemeint, das kommt ja in Betlehem zur Welt. Nein, es geht um den Einzug Jesu in Jerusalem. „Hosianna, Davids Sohn …“, heißt es in der zweiten und dritten Strophe. So haben die Leute gejubelt, als der vermeintliche neue König in der Hauptstadt einritt: „Gründe nun dein ewig Reich …“
Trotzdem wird das Lied im Advent gesungen. In der evangelischen Kirche ist die zugrunde liegende Stelle aus dem Buch Sacharja sogar Lesung am Ersten Advent: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil, demütig ist er und reitet auf einem Esel“ (Sacharja 9,9-10).
Palmsonntag am Anfang des Advent? Naja, eben weil Krippe und Kreuz so nah beieinander liegen. Zum Beispiel an jenem Sonntagnachmittag im März, als unser Sohn dringend auf die Welt kommen wollte. Mein Mann hatte mich am Eingang des Krankenhauses abgesetzt – das ging schneller, als zuerst einen Parkplatz zu suchen. Vor der Tür stand ein Bekannter. Ich wollte nicht wortlos vorbeihasten und fragte: „Was machst du denn hier? Hast du jemanden besucht?“ Er seufzte: „Mein Vater ist gerade gestorben.“ In dem Moment kam die nächste stramme Wehe. „Das tut mir sehr leid“, sagte ich noch, „aber ich muss dann mal in den Kreißsaal.“
Krippe und Kreuz, Leben und Tod, Ankunft und Abschied – das gehört zu jedem Leben. Als Jesus geboren wurde, freute sich seine Mutter; als er am Kreuz starb, weinte sie. Wichtig ist, beides in dem Moment anzunehmen, wenn es da ist. Und da ist ja jetzt bald der Advent. Also: Freue dich!
// Susanne Haverkamp
In der Weihnachtsbäckerei
Wann hatten Sie zuletzt einen Ohrwurm? Schon länger her? Warten Sie, das können wir ändern: „Weihnachtsbäckerei“. Reicht das Wort schon aus, damit Sie die Melodie im Kopf haben? Ansonsten helfe ich gerne nach: „In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Leckerei. Zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Kleckerei, in der Weihnachtsbäckerei, in der Weihnachtsbäckerei.“ Na, wirkt es? Das Lied wird Sie nun vermutlich über Stunden begleiten.
So wie mich, wenn meine fünfjährige Tochter in der Adventszeit zum hundertsten Mal weihnachtliche Kinderlieder hört – und natürlich auch diesen Klassiker von Rolf Zuckowski. Er dachte sich das Lied im Dezember 1986 aus, als er nach einem Konzert auf dem Heimweg seine Familie anrief. Seine Frau sagte ihm, dass sie gerade Plätzchen backen. Als Zuckowski zu Hause ankam, waren die Kekse fertig – und sein Stück auch.
Es erzählt aus Kinderperspektive vom Plätzchenbacken, vom fröhlichen Miteinander und von all den Missgeschicken, die in der Küche passieren: „Butter, Mehl und Milch verrühren, zwischendurch einmal probieren, und dann kommt das Ei – vorbei!“ Mittlerweile gehört das Lied zu den meistgespielten deutschen Weihnachtsliedern, es ist sogar als Musical auf die Bühne gebracht worden.
Ich gebe zu: Wäre da nicht meine Tochter und ihre Liebe zur Musik, dann könnte ich die Adventszeit gut ohne dieses Lied verbringen. Aber mit ihr gemeinsam das Stück zu hören und zu singen, macht einfach Spaß. Es erinnert mich daran, dass wir uns alle ein bisschen Vorfreude und Aufregung auf das Weihnachtsfest bewahren sollten. Dazu gehören in der Adventszeit eben auch die Rituale und Traditionen: der Adventkranz, das Schmücken im Haus, Lichterketten im Garten, der Adventskalender – und natürlich das Plätzchenbacken.
Und beim Ausstechen von Glocken, Schneeflocken und Herzen summen wir dann: „Sind die Plätzchen, die wir stechen, erstmal auf den Ofenblechen, warten wir gespannt – verbrannt!“
// Kerstin Ostendorf
Maria durch einen Dornwald ging
Maria geht durch einen Wald voller Dornen – einen Ort, der „seit sieben Jahren kein Laub getragen“ hat. Schwanger beschreitet sie diesen Weg. Was für ein Bild: dunkel, düster – fast schon unheimlich.
Das Adventslied, das Mitte des 19. Jahrhunderts vom Eichsfeld aus Einzug fand in die Gesangbücher, hat bis heute nichts von seiner Wirkung verloren. Es steht vor allem für die Verehrung der Mutter Jesu, für die Überwindung von Widrigkeiten durch Glaube, Hoffnung und die Verheißung neuen Lebens.
Aber das Bild von Maria im Dornwald ist so ansprechend, dass es auch andere Welten erobert hat. In Clubs wird zu einer Technoversion getanzt: „Dornwald“ von Hänsel & Liebling. Auch Schlagersängerin Helene Fischer hat dem Lied ihre Stimme geliehen. Tradition als Trend. Das zeigt: Bedeutungen verändern sich, werden überführt in die Moderne, entwickeln sich weiter. Und das ist kein Angriff auf Maria oder den Glauben.
So können Maria und ihr Weg heute vielleicht für das menschliche Leben selbst stehen. Wie Maria etwas Wertvolles unter ihrem Herzen trägt, tragen auch wir Kostbares in uns: Hoffnung, Mitgefühl, den Willen, Gutes zu tun. Und während wir diese inneren Schätze durch eine oft schmerzvolle, dunkle und bisweilen bedrohliche Welt tragen, verändern wir sie. Wenn auch nur im Kleinen. Und lassen Hoffnung aufblühen – oder zumindest knospen.
Das Lied lässt sich auch politisch lesen. Etwa als Metapher für unseren Umgang mit der Umwelt – und der Möglichkeit, etwas zu bewirken. „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen“, heißt es in der dritten Strophe. Also: Wo das Leben geachtet wird – unsere Mitwelt –, da kann die Erde wieder aufblühen. Und wir können mithelfen, dass diese gute Zukunft kommt. Gerade jetzt, denn bekanntlich heißt Advent genau das: Ankunft.
// Lisa Discher
Kündet allen in der Not
Wie eine Fanfare klingen die ersten Töne. Jetzt kommt eine wichtige Nachricht: „Kündet allen in der Not.“ Ja, verkündet es, posaunt es heraus: „Bald wird kommen unser Gott!“ Schon die ersten Zeilen sind wie eine Zusammenfassung der Botschaft von Advent und Weihnachten: Wir Menschen in Not dürfen vertrauen, dürfen Mut haben und auf die Ankunft Gottes hoffen. 1971 schrieb der Eichstätter Priester und Theologieprofessor Friedrich Dörr den Text auf die Melodie aus dem 18. Jahrhundert. Anregung fand er im Buch Jesaja, im 35. Kapitel. Am 3. Adventssonntag wird daraus gelesen. Es ist eine Vision einer besseren Zeit, in der Steppe und Wüste blühen, schlaffe Hände gestärkt, wankende Knie gefestigt werden. Diese Vision ist zeitlos: Das Buch Jesaja ist mehr als 2000 Jahre alt.
Immer noch sind Menschen in Not, träumen von einer besseren Welt. In unserem Jahrzehnt können wir diese Not besonders nachvollziehen. Erst die Corona-Pandemie, jetzt Krieg, Populismus und Unsicherheit auf allen Ebenen. Wie stark ist dagegen die Hoffnung Jesajas. „Aus Gestein und Wüstensand werden frische Wasser fließen“, dichtet Dörr. Steine, die mir in den Weg gelegt werden, verwandeln sich in eine Quelle, so dass „die Saaten sprießen“, sogar „überreich“. Gott schenkt ein Leben in Fülle. Das ist die Verheißung von Weihnachten: „Gott wird wenden Not und Leid.“ Im Stall von Betlehem kommt der Retter zur Welt. „Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“ Kann man adventliche Hoffnung besser zusammenfassen?
// Ulrich Waschki
Lasst uns froh und munter sein
Das Lied weckt in mir Kindheitserinnerungen: Ich sitze auf dem Schoß meiner Oma am Küchentisch. Es ist Anfang Dezember, draußen geht gerade die Sonne unter, der Himmel glüht orange, rot und lila. Drinnen wird es dunkel. Wir stellen ein Teelicht in die Nikolausfigur aus Porzellan, die vor uns auf dem Küchentisch steht. Das Licht zaubert Schattenspiele auf Tisch und Wand. Zusammen singen wir: „Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freun!“ Besonders laut singen wir das „Lustig, lustig, tralalalala“, und wir klatschen im Rhythmus dazu.
Das Lied gehört für mich untrennbar zum Nikolaustag. Es ist keine großartige musikalische Komposition, sondern ein schlichtes Volkslied. Vermutlich ist es im 19. Jahrhundert entstanden. Das Lied lässt sich keinem Komponisten oder Musiker eindeutig zuordnen. Es wird einfach seit Generationen weitergetragen.
So singe ich es heute mit meiner Tochter: „Dann stell‘ ich den Teller auf, Nikolaus legt gewiss was drauf. Lustig, lustig, tralalalala …“ Was meine Oma mir gegeben hat, versuche ich heute meiner Tochter zu geben: Erinnerungen, die bleiben. Ich lese ihr Geschichten vor, wir singen zusammen. Und wir holen die alte Nikolausfigur vom Dachboden. Die gibt es immer noch. Das Porzellan hat in den letzten 30 Jahren zwar ein paar feine Risse bekommen, aber das Lichtspiel fasziniert meine Tochter genauso wie mich damals.
Sie fragt: „Wer war eigentlich dieser Nikolaus? Was hat er gemacht?“ Ich erzähle ihr dann von dem Heiligen, der sich als Bischof von Myra vor allem um Arme und Bedürftige, besonders um die Kinder, gekümmert hat. Die Geschichte, wie der Bischof einem armen Mann Goldklumpen durchs Fenster warf und so dessen Töchter rettete, fasziniert sie besonders.
„Nikolaus ist ein guter Mann, dem man nicht genug danken kann“, heißt es in der letzten Strophe des Liedes. Eine Erinnerung daran, dass es am 6. Dezember nicht nur um Süßigkeiten und prall gefüllte Stiefel geht. Sondern um wichtige Fragen: Wo kann ich helfen? Was kann ich geben? Wer braucht mich? Wo kann ich ein klein wenig zum Nikolaus werden?
// Kerstin Ostendorf
Oh Heiland, reiß die Himmel auf
Wer wartet nicht auf Rettung? Die schwarze Frau im Bus, die beleidigt und bedroht wird: Wer hilft ihr? Die Rentnerin, die aus ihrer Wohnung ausziehen soll und sich keinen Rechtsanwalt leisten kann: Wer tritt für sie ein? Das Kind, das in der Schule gemobbt wird: Wer schützt es? Die Menschen in der Ukraine, die täglich bombardiert werden: Wer beendet die Gewalt? Die Geflüchteten, die nirgends willkommen sind: Wo finden sie ein Zuhause?
Wenn die Not ausweglos erscheint, wer hilft dann? Bleibt dann nur noch Gottes Hilfe? Müssen Menschen auf ein Wunder hoffen, das vom Himmel kommt?
Davon erzählt das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Es stammt vom Jesuiten und Dichter Friedrich Spee und erschien erstmals 1622 in einer kirchlichen Liedersammlung. Vier Jahre zuvor hatte der Dreißigjährige Krieg begonnen.
Umgeben von Hunger, Seuchen, Vergewaltigung, Willkür und Unrecht schien das Leben in dieser Zeit nur noch aus Not und Tod zu bestehen. Spee hatte auch persönlich einiges zu erleiden. Für seine menschenfreundliche Theologie und für seinen Einsatz gegen die Hexenprozesse wurde er angefeindet und fast aus seinem Orden ausgeschlossen. Mit 44 Jahren starb er an der Pest.
Der Dichter beschreibt die Erde als Jammertal. Kann es hier noch etwas Gutes geben? Ja, mit Gottes Hilfe, sagt sein Lied. Deshalb hat er einen Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja als Vorlage genommen: Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ (Jesaja 45,8)
Zwar hat „O Heiland, reiß die Himmel auf“ nicht das Ende des Dreißigjährigen Krieges gebracht. Aber es erinnerte die Menschen an die Hoffnung, die sie nicht vergessen sollten: Wenn Gott auf die Erde kommt, dann werden Berg und Tal wieder grün, trockenes Land bringt Blumen hervor und das Licht der Sonne vertreibt die Finsternis. Hoffnung ist lebensnotwendig.
// Barbara Dreiling