KHG: Katholisch im Heute gedacht

Ein Blick in Hochschulgemeinden

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Studenten bilden einen Kreis und blicken nach unten
Nachweis

Foto: istockphoto/Carlos Barquero Perez

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An Katholischen Hochschulgemeinden wird „eine bunte Vielfalt“ gelebt. Studierende unterschiedlicher Fachbereiche und teils auch Konfessionen wagen dort den Blick über den Tellerrand und werden gemeinsam aktiv.

Knapp 20 Katholische Hochschulgemeinden gibt es in Hessen und Rheinland-Pfalz. So unterschiedlich wie die Menschen selbst, die dort leben und arbeiten, sind auch die Profile der Gemeinden: Beispiele aus Marburg, Darmstadt und Frankfurt.

Die Abkürzung KHG stehe für „Kommen – Heiraten –- Gehen“, erzählen sich ältere Semester gerne mit einem Augenzwinkern. KHG bedeutet aber eigentlich „Katholische Hochschulgemeinde“ und meint die aus dem Glauben motivierte inhaltliche Arbeit für die und mit den Studierenden und anderen Hochschulangehörigen. Die Hochschulgemeinden organisieren sich eigenständig neben der Territorialpfarrei. Es gibt eigene Seelsorgerinnen und Seelsorger, einen gewählten Gemeinderat, inhaltliche Schwerpunkte, Strukturen, Angebote und mehr.

Als ausgesprochene Partnerbörse war die Arbeit der Hochschulgemeinden nie gedacht, aber es liegt auch in der Natur der Sache, dass sich hier Paare finden – damals wie heute: junge Menschen in einer Phase der Orientierung, des Ausprobierens und des Erlebens. Wie das Ehepaar Marion und Leo Ihls. Die beiden haben sich an der Katholischen Hochschulgemeinde Marburg kennengelernt. Dort haben sie auch sonst viele gute Erfahrungen gemacht, die ihr weiteres Leben prägen (mehr im Interview).

Was das Paar als „progressive Vielfalt“ beschreibt, ist das Konzept der Marburger Hochschulgemeinde. Seelsorgerin Viola Sinsel übersetzt die Abkürzung „KHG“ mit „Katholisch – heute – gedacht“. Dabei hilft ihr auch der Standort der Gemeinde. Das KaRe, das katholische Regionalhaus in Marburg, ist auch Zentrum und Treffpunkt für andere Gruppen und Angebote der Kirche vor Ort; da ist Begegnung und Austausch Programm. Der Neubau in der Nachbarschaft zur Gemeinde St. Peter und Paul ist ein Hingucker und zudem in direkter Nähe zum großen Hörsaal AudiMax der Universität gelegen. Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtungen laufen sich hier über den Weg: Von der Medizin über Jura und Naturwissenschaften bis hin zu den künftigen Lehrkräften wird hier eine bunte Vielfalt gelebt; so verschieden wie auch die Studierenden sind ihre Lebensgeschichten und Orientierungsfragen.

Leitfrage: „Was braucht ihr?“

Die KHG Darmstadt hat im Sommer eine Fahrt nach Assisi gemacht.
Die KHG Darmstadt hat im Sommer eine Fahrt nach Assisi gemacht.
Foto: KHG Darmstadt

„Bei uns gestalten die Studierenden das Semesterprogramm selbst“, sagt Sinsel. Leitend sei immer die Frage: „Was braucht ihr?“ Das Ergebnis bildet dann diese Vielfalt ab: von Gottesdiensten mit unterschiedlichen liturgischen Ausrichtungen über Gesprächsabende zu Kirche und Politik, über Beratungsangebote zu sozialen Fragen bis hin zu gemeinschaftlichen Erlebnissen mit spirituellen Themen am Lagerfeuer, im Gemeindesaal oder beim Bootfahren auf der Lahn.

Das Angebot richtet sich nicht ausschließlich an Getaufte, sondern an alle, die an der Hochschule leben und arbeiten. Via Social Media erfahren die Interessierten davon, geben es weiter und organisieren sich dazu.Ohnehin sind die klassischen Kommunikationswege – mit Flyern und Aushängen – nur ein Weg, der aber durch die digitalen Medien zunehmend abgelöst wird.

Das gilt sogar verstärkt für den Standort Darmstadt. Seelsorger Tobias Sattler berichtet von dort, dass es nicht leicht ist, die Gemeindemitglieder auf den klassischen Wegen zu erreichen. Es gibt hier keine zentrale Anlaufstelle. Das liegt an den über die Stadt verteilten Gebäuden und Einrichtungen der Hochschulen, der Vielzahl der Studierenden und dem „Neutralitätsgebot“, sodass nicht aktiv für die Angebote der konfessionellen Hochschulgemeinden geworben werden darf, zumindest nicht auf dem Gelände der Hochschulen in Darmstadt. Überhaupt sichtbar zu sein, ist daher eine der Herausforderungen der KHG – aber genauso für die anderen Anbieter. Es gebe Sozialberatung und Wohnheimplätze auch von Studierendenverbindungen, von Wirtschaftsunternehmen und anderen. Da ist das Angebot der KHG nur eines unter mehreren. Im Unterschied zu einer klassischen Territorialpfarrei, bei der der Wohnort ausschlaggebend ist, gibt es auch keine Übersicht, wer überhaupt zur Gemeinde gehört. Die Hochschulen führen keine Konfessionslisten. Das macht es umso schwerer, die passenden Menschen zu erreichen.

Interreligiös ins Gespräch kommen

Gleichzeitig sind die Angebote aber ohnehin offen für alle – und es spricht sich rum vor Ort, was die KHG bietet. „Gemeinschaft erleben“, „Kultur entdecken“, „Spiritualität leben“, „Welt verstehen“ und „Hilfe erfahren“: So sieht Sattler fünf zentrale Säulen der Arbeit der KHG Darmstadt. Gerade für ausländische Studierende sei die KHG ein Anker in der Fremde, um sich in dieser Zeit gut zurechtzufinden.

Das erlebt auch Joachim Braun, Hochschulpfarrer in Frankfurt: Vielfältige Kulturen, Nationalitäten und Glaubensrichtungen sind hier gelebter Alltag. Interreligiöser Dialog gehört dazu. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und den Gegenschlägen der israelischen Armee habe sich das Verhältnis stark eingetrübt, beobachtet Braun. „Wir haben uns klar solidarisch mit bedrohten jüdischen Studierenden positioniert.“

Umso wichtiger sei es derzeit, die Kontakte wieder aufzunehmen – etwa über das Dialogprogramm „Meet and read“, bei dem nach einem gemeinsamen Essen auch der Austausch über Texte aus den verschiedenen Religionen wichtig sei: „Wir wollen Unterschiede verstehen und nebeneinander stehen lassen können“, sagt Braun. Dazu helfen auch die bestehenden Kooperationen mit der Evangelischen Hochschulgemeinde, mit der vieles gemeinsam angeboten wird.

Auch die Universität schätze die Angebote der Hochschulgemeinden, vermittle gelegentlich auch Studierende, die Beratung und Hilfe suchten – bei Einsamkeit, finanziellen oder sozialen Sorgen, nicht zuletzt bei der spirituellen Sinnsuche. „Unsere Arbeit wird wertgeschätzt“, freut sich Braun. Diese Anerkennung zeigt, dass in den drei Buchstaben KHG mehr steckt als nur drei Stichworte, in Frankfurt, Marburg und Darmstadt.

Michael Kinnen

„In der KHG ging es um unsere Themen“

Marion und Leo Ihls
Foto: privat

Marion (28) und Leo (27) Ihls sind über die gemeinsame Arbeit in der Katholischen Hochschulgemeinde Marburg ein Paar geworden. Im Oktober haben die Psychologin und der Mediziner geheiratet. Die guten Erfahrungen der KHG-Arbeit bringen sie jetzt in ihre Wohnortpfarrei in Oberursel ein.

Frau Ihls, Herr Ihls, wenn Sie Ihre Erfahrung in der KHG Marburg in einem Schlagwort zusammenfassen sollten, welches wäre das?

Leo Ihls: „Sich ausprobieren dürfen.“
Marion Ihls: „Progressive Vielfalt“.

Wie sah das konkret aus in der Hochschulgemeinde?
Marion: Da war ein Team von zwei Hauptamtlichen, das viel Raum gegeben und vieles ermöglicht hat für die Studierenden. Das hängt immer auch an Personen. Es gab einen Gemeinderat, in dem viele ihre Ideen und Visionen eingebracht haben. Da war die Freiheit zum Denken und gleichzeitig die Struktur zum Machen, von den Räumen über die Finanzen bis zur konkreten Hilfe beim Umsetzen. Das war eine gute Mischung aus Rückhalt geben und Delegieren von Verantwortung zum Selbermachen.
Leo: Ich fand auch gut, dass es wirklich um unsere Themen ging. Da konnte alles gesagt werden. Es ging nicht darum, nur zu klagen, dass alles schlecht ist, sondern um den Versuch, es authentisch besser zu machen. Da ging es zum Beispiel um kontroverse kirchliche Fragen, aber auch um politisch und gesellschaftlich relevante Themen, zu denen wir Diskussionsveranstaltungen organisiert haben.

Kannten Sie das aus Ihrer vorherigen Pfarrei auch so?
Leo: Ich war da Messdiener.
Marion: Ich war früher noch bei uns in der Jugendkirche aktiv. Das waren die Anfänge. Aber richtig zum Engagement bin ich erst durch die KHG gekommen.

Jetzt wohnen Sie als Paar in Oberursel. Wie gestalten Sie da das Gemeindeleben mit?
Marion: Da müssen wir die Rolle noch entwickeln und unseren Platz suchen. Im Gemeindeprogramm gibt es Angebote für Kinder und Jugendliche, für Familien und für Senioren. Aber für unsere Altersgruppe fehlt es da noch.

Wie bringen Sie die Erfahrungen aus der KHG ein? Wo sehen Sie Unterschiede?
Marion: Ein Unterschied ist, dass wir hier zwar auch Freiheiten haben, aber Ideen dann auch eher allein umsetzen müssen. In der KHG hat sich schnell ein Team gefunden, das mitgemacht hat.
Leo: Wir beteiligen uns jetzt an der Firmvorbereitung, die einen großen Freiraum lässt. Wir haben auch ein ökumenisches Gottesdienstprojekt „Mutausbruch“ mitgestaltet. Da konnten wir auch die Herangehensweisen aus der KHG einbringen, etwa das freie, kreative Denken und das gemeinsame Umsetzen.

Welche Tipps haben Sie für die, die „KHG-mäßig“ denken und arbeiten wollen?
Marion: In Schlagworten: Es braucht Freiheit und gleichzeitig einen Rahmen, jemanden der den Hut aufhat, Verantwortung übernimmt und unterstützt; es braucht Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit; Vernetzung der Akteure und Bündelung von Kräften. Nicht jeder und jede muss alles machen – und vor allem nicht allein und dann womöglich doppelt an verschiedenen Orten.