Schweiz: Zusammenhalt nach der Bergsturz-Katastrophe

Lichter für das Lötschental

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Blatten nach Bergsturz
Nachweis

Foto: imago/MAXPPP

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Das vom Bergsturz begrabene Blatten

Im Mai vergangenen Jahres ist das Schweizer Dorf Blatten durch einen Bergsturz verschüttet worden. Pfarrer Thomas Pfammatter erzählt, wie die Menschen seit der Katastrophe zusammenhalten – und was ihnen hilft, ihre alte Heimat neu aufzubauen.

Viele Menschen aus Blatten, sagt Thomas Pfammatter, hätten im jüngsten Heiligabend-Gottesdienst Tränen in den Augen gehabt. So viele Gefühle stiegen in ihnen hoch. Da war die Trauer, weil sie Weihnachten zum ersten Mal nicht in ihrer geliebten Heimatkirche feiern konnten; da war aber auch die Freude über die Solidarität, die sie seit der Katastrophe im Mai vergangenen Jahres spüren.

Ein Bergsturz hat ihr Dorf im Schweizer Lötschental verschüttet. Die Häuser, die Kirche, die Straßen: begraben unter Millionen Tonnen Gestein, Eis und Schutt. Das bisschen, was nicht begraben wurde: vom Wasser des Flusses Lonza überschwemmt. Und nun hatte der katholische Pfarrer Pfammatter die Menschen aus Blatten in die Kirche des Nachbardorfes Kippel eingeladen. Er wollte, dass sie dieses Weihnachtsfest als Gemeinschaft erleben. Und er hatte eine Überraschung für sie.

Windlichter Kirche Blattten
Windlichter in der Kirche in Blatten. Foto: Thomas Pfammatter

Die Natur ist nicht nur schrecklich

120 Windlichter standen in der Kirche, gebastelt von Frauen aus der Gegend um Basel, verziert mit Blumen, Gräsern und Kräutern, jedes Licht ein Unikat. Pfammatter erzählt, die Frauen hätten den Menschen aus Blatten eine Freude machen wollen. Geld hatten sie schon gespendet, wie so viele – und nun wollten sie mit ihren Windlichtern noch eine Botschaft senden. Sie schrieben sie auf, und Pfammatter nahm sie in seine Predigt hinein. Der Kern der Botschaft war: Die Natur ist nicht nur schrecklich. Sie tut uns nicht nur Schlimmes an. Sie kann auch schön sein und Wärme schenken. 

Am Ende des Gottesdienstes nahm jede Familie ein Licht mit nach Hause. Die Menschen seien dankbar gewesen, erzählt Pfammatter. Viele hätten gesagt: „Es tut uns gut, dass die Leute an uns denken, dass sie uns nicht schon vergessen haben, ein halbes Jahr nach der Katastrophe.“ 

Thomas Pfammatter
Thomas Pfammatter. Foto: privat

Der Bergsturz hat das Leben der Menschen radikal verändert. Tage zuvor wurden sie evakuiert. Die meisten der 300 Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten leben jetzt in den drei anderen Dörfern des Lötschentals, in Wiler, Kippel und Ferden. Pfammatter berichtet, innerhalb von Stunden hätten sie alle eine neue Unterkunft gehabt, etwa in Ferienwohnungen oder Ferienhäusern: „Das war so krass. Stellen Sie sich das mal vor!“ Für den Pfarrer war die Hilfsbereitschaft in den Nachbardörfern ein Zeichen dafür, wie stark der Zusammenhalt im Tal ist.

Durch die Katastrophe, glaubt Pfammatter, ist dieser Zusammenhalt noch gewachsen. „Die Leute hatten schon vorher eine große Identität, eine große Verbundenheit durch die spezielle Kultur und Tradition hier im Tal“, sagt er. „Aber jetzt noch mal so einen Zacken mehr. Sie geben sich gegenseitig Halt, zeigen Respekt und sind offen füreinander. Sie merken: Wir sitzen alle irgendwo im gleichen Boot.“

Mittlerweile sind einige Menschen aus dem Tal weggezogen; die meisten aber sind geblieben, in den drei anderen Gemeinden. Wie es ihnen geht? „Wir sind auf dem Weg“, sagt Pfammatter. Es gebe Momente, in denen er merke, wie nahe ihnen alles noch geht. Mehr und mehr spüre er aber „den Wunsch, nach vorne zu blicken und zu sehen, wie man jetzt weitere zukunftsweisende Schritte unternehmen kann“. 

Anfangs hat der Pfarrer den Bergsturz in Gottesdiensten oft thematisiert und gespürt, dass das den Menschen guttut. Er erzählt, sie hätten gefragt: „Warum lässt Gott das zu? Wie kann ein guter Gott uns so leiden lassen?“ Pfammatter hat geantwortet: „Christus ist mit uns da. Seine Tränen sind unsere Tränen.“ Mittlerweile spricht er seltener über die Katastrophe – weil er merkt, die Menschen wünschen sich nun eine gewisse Normalität.

Wenn Pfammatter sieht, wie die Gruppen leben, ob Frauengemeinschaft, Messdiener oder Kirchenchor, denkt er: „Wir haben zwar unser Dorf verloren, aber nicht unser Herz.“ Er sieht das auch daran, dass kurz vor Weihnachten auf der Lauchernalp über dem Lötschental ein neues, provisorisches Hotel eröffnet wurde. Die Hoteliers von Blatten, die alles verloren hatten, ließen den Holzbau in nur 105 Tagen errichten. 

70 Prozent liegen in der Gefahrenzone

Der Pfarrer weihte das Hotel ein und fand das „auch für mich persönlich sehr berührend“. Für ihn ist der Bau ein Symbol mit Signalwirkung: „Als solidarische Gemeinschaft bringen wir Dinge auf die Beine, die wir nicht für möglich gehalten hätten.“ In seiner Weihnachtspredigt betonte er, wie wertvoll dieser Neuanfang ist und wie viel Hoffnung er schenkt.

Diese Hoffnung werden die Menschen brauchen, denn vor ihnen liegen fordernde Jahre. Ein neues Blatten soll entstehen, 2029 oder 2030 soll es fertig sein. Doch es wird kleiner als das alte Blatten werden, denn laut einer neuen Gefahrenkarte liegen 70 Prozent der Gemeinde in der roten Gefahrenzone und dürfen nicht bebaut werden. Manche Bewohner wollten ohnehin nicht wieder zurück, sagt Pfammatter, andere unbedingt.

Und was ist mit der Angst, dass der Bergsturz sich wiederholt? Thomas Pfammatter sagt, er vertraue darauf, dass im Fall der Fälle das Dorf wieder rechtzeitig evakuiert werde. Trotzdem beschäftige ihn der Gedanke: „Wenn ich jetzt sehe, es regnet ununterbrochen, dann habe ich schon ein mulmiges Gefühl. Und dann bin ich immer froh, wenn es endlich aufhört.“ Wenn der Pfarrer sich an die Urgewalt erinnert, mit der Blatten verschüttet worden ist, dann wird ihm bewusst: „Wir Menschen nehmen uns manchmal sehr wichtig. Aber wir sind nur ein Staubkorn im Wind.“

Andreas Lesch

Zur Person

Thomas Pfammatter ist Pfarrer der katholischen Pfarreien im Lötschental. Das Tal liegt in den Berner Alpen und ist ein beliebtes Touristenziel.