Auch die Kirchen bereiten sich vor
Militärischer Ernstfall: Was wäre, wenn ...
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Orientierung und Halt in schweren Zeiten: Deutsche Soldatinnen und Soldaten bei einem Feldgottesdienst.
Gefallene müssen beerdigt werden, Verwundete brauchen Seelsorge, Kriegsgefangene Betreuung. So wie sich die Bundeswehr mit einem „Operationsplan Deutschland“ auf einen eventuellen NATO-Bündnisfall vorbereitet, haben auch die beiden großen Kirchen in Deutschland Pläne für den Verteidigungsfall aufgestellt. Wichtig ist den Kirchen: Das Konzept relativiert nicht ihre friedensethische Haltung, sondern bietet einen Rahmen für die Zeit, wenn alle Friedensbemühungen gescheitert sind.
Ohne großes Aufsehen haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz ein „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ auf ihren Homepages veröffentlicht. „Es wäre grob fahrlässig, wenn wir in einem Verteidigungsfall nicht handlungsfähig wären“, sagte der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur: „Deshalb ist es gut und richtig, dieses Konzept jetzt zu haben – auch wenn unser größter Wunsch bleibt, dass es für immer in der Schublade bleiben kann.“
Die Pläne des Bundesverteidigungsministeriums gehen davon aus, dass Deutschland im NATO-Bündnisfall zur wichtigen Logistikdrehscheibe würde – und dass mit Transporten von Verwundeten und Gefallenen ebenso zu rechnen wäre wie mit großen Fluchtbewegungen.
Krisenstäbe auf allen kirchlichen Ebenen
Das Papier der Kirchen soll helfen, die internen Strukturen zu organisieren. Angedacht sind etwa ein Lagezentrum innerhalb der Militärseelsorge, ein ökumenischer Krisenstab auf Bundesebene und weitere Krisenstäbe auf der Ebene der Bistümer und Landeskirchen und gegebenenfalls auch in Gemeinden. „Es ist klar zu bestimmen, wer wem wann was zu sagen hat“, heißt es in dem Papier. Es gehe darum, Ruhe und Ordnung sicherzustellen, Orientierung zu geben und handlungsfähig zu bleiben.
Zwischen den Zeilen kann man lesen, worauf sich nicht nur die Religionsgemeinschaften, sondern ganz Deutschland in einem Bündnis- oder Verteidigungsfall einstellen müsste: Da ist die Rede von einem deutlich erhöhten Bedarf an Militärseelsorge. Von mehr Seelsorge in Krankenhäusern, aber auch von mehr Beerdigungen, von der seelsorglichen Begleitung von Kriegsgefangenen und vom Überbringen von Todesnachrichten.
„Zu den Aufgaben gehört die würdevolle Bestattung mit dem seelsorglichen Fokus auf das Ereignis und die Zu- und Angehörigen“, heißt es darüber hinaus in dem Papier – und weiter: „Wenn die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein sollte und ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich ist“, müssten andere Möglichkeiten des Gedenkens an die Gefallenen für die Angehörigen geschaffen werden – also temporäre oder feste Gedenkorte und eine engere Zusammenarbeit mit Veteranen- und Selbsthilfegruppen.
Durch Truppenbewegungen im Land werde es außerdem „für die Zivilbevölkerung Einschränkungen in bisher unbekanntem Ausmaß geben“, heißt es in dem Papier weiter: „Das wird zu großer Verunsicherung führen und auch hier Betreuungsbedarf generieren.“ Ebenso sei mit einer großen Zahl traumatisierter Heimkehrer und mit zahlreichen Menschen auf der Flucht zu rechnen.
Mehr Personal für die Seelsorge benötigt
„Eine solche Aufgabe kann die Militärseelsorge personell nicht allein schultern“, betonte Felmberg: „Das können die Kirchen im Ernstfall nur als Ganze leisten.“ Deshalb vernetze das neue Rahmenkonzept zivile und militärische Seelsorgestrukturen. So sollen etwa Gefängnisseelsorger ihr Wissen an Seelsorger weitergeben, die sich um Kriegsgefangene und das Wachpersonal kümmern werden. Ein Problem: Momentan werden die Stellen abgebaut, die dann gebraucht würden. In allen seelsorglichen Bereichen wäre mehr hauptamtliches Personal nötig, aber auch Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich einzubringen.
Das vorliegende Konzept gibt erst einmal Handlungsempfehlungen. Nun sind die Landeskirchen und Diözesen gefordert, daraus konkrete Leitfäden zu erarbeiten, damit die Seelsorge im militärischen Ernstfall weiterlaufen und entsprechend ausgebaut werden kann. Zusätzlich müssen Ausbildungskonzepte für ehrenamtlich tätige Seelsorger oder für kirchliche Mitarbeiter in den Krisenstäben entwickelt und verschiedene Handreichungen für Gottesdienstformate und Rituale geschrieben werden.
Auf scharfe Kritik stößt das Papier in der Friedensbewegung. „In erster Linie ist es Aufgabe der Kirche, alles dafür zu tun, dass es nicht zu militärischen Auseinandersetzungen kommt“, sagt etwa der Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Dienste für den Frieden“, Jan Gildemeister. Und der Bundesvorsitzende der katholischen Friedensbewegung „Pax Christi“, Odilo Metzler, ergänzt: „Wir widersetzen uns einem Aufrüstungsimperativ, der versucht, Felder der Zivilgesellschaft zu besetzen, sowie im ‚Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs- und Bündnisfall‘ sogar die kirchliche Seelsorge zu instrumentalisieren und dem Militärischen unterzuordnen.“ Es sei Aufgabe der Kirchen, auf die Vermeidung von Kriegen und auf Konzepte gemeinsamer Sicherheit hinzuarbeiten – und nicht, spekulative Bedrohungsszenarien zu unterstützen oder zu flankieren.
Zur Person
Bernhard Felmberg ist seit Oktober 2020 Bischof für die Evangelische Seelsorge bei der Bundeswehr. Zuvor war er im Entwicklungsministerium tätig.