Die Moraltheologin Kerstin Schlögl-Flierl zum assistierten Suizid

„Wenn etwas normal wird, hinterfragt man es nicht mehr“

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Nachweis

Foto: istockphoto/Wirestock

Die Moraltheologin Kerstin Schlögl-Flierl fordert im Interview ein unabhängiges Beratungssystem, das auch Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit und finanzielle Not in den Blick nimmt.


Nach Angaben der Sterbehilfevereine haben sich in Deutschland im vergangenen Jahr 1288 Menschen durch assistierten Suizid das Leben genommen. Das ist etwa jeder tausendste Tote. Beunruhigt Sie das?

Das beunruhigt mich definitiv. Wir müssen uns fragen: Warum kam es zu diesen assistierten Suiziden? Was sind die Beweggründe? Im Ethikrat haben wir lange diskutiert, nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wie wir der Normalisierung des assistierten Suizids etwas entgegensetzen können. 

Ab wann wird denn der assistierte Suizid normal?

Je mehr Menschen ihn in Anspruch nehmen, umso mehr wird er zur Normalität. Und wenn etwas normal wird, 
hinterfragt man es nicht mehr. Das hatten wir bei den Bluttests in der Pränataldiagnostik, die zu einer Kassenleistung geworden sind. Dann wird es umso schwieriger, zu fragen, warum man das nicht in Anspruch nehmen sollte. 

Nach dem assistierten Suizid einiger Prominenter gab es viel Zustimmung zu dieser Möglichkeit 
des Sterbens. 

Es geht um Selbstbestimmung. Das ist ein wichtiger Wert. Die Vorstellung ist: Wenn ich selbstbestimmt sterben kann, ist es ein glücklicheres Sterben. Die Frage ist aber: Wie setzen wir unser Recht auf Selbstbestimmung ins Verhältnis zu den Beziehungen, die wir haben? Wir Menschen sind soziale Wesen.

Zur Normalisierung des assistierten Suizids trägt bei, dass es in Deutschland sehr einfach ist, sich mithilfe eines Vereins das Leben zu nehmen. 

Der assistierte Suizid ist gesetzlich nicht geregelt. Wir bräuchten ein verpflichtendes Beratungssystem mit verschiedenen Stufen. Wichtig wären unabhängige Gutachten, damit psychische Krankheiten ausgeschlossen werden. Beratung würde auch die Möglichkeit bieten, auf die Lebenssituation des Menschen zu schauen. Einsamkeit im Alter ist bei vielen ein Thema. Es ist ein Unterschied, ob ein Verein den Sterbewunsch feststellt oder ob ein Beratungssystem versucht, die Hintergründe zu erfahren, um zu helfen.

Kerstin Schlögl-Flierl
Kerstin Schlögl-Flierl. Foto: imago/IPON

Hinter einem scheinbar freiverantwortlichen Entschluss, sterben zu wollen, könnte der Wunsch stehen, anderen nicht zur Last zu fallen. 

Es gibt Kriterien für Freiverantwortlichkeit, etwa dass es keinen Zwang gibt. Die sind nicht immer leicht zu überprüfen. Wenn jemand sterben möchte, um anderen nicht zur Last zu fallen, würde ich nicht mehr von einem freiverantwortlichen Entschluss ausgehen. Wir wollen uns Menschen gerne als freie Wesen verstehen, doch tatsächlich merken wir, dass vieles aus sozialem Druck oder Normalisierungsdruck geschieht. 

Besteht nicht auch die Gefahr, dass Menschen sagen: „Ich kann mir einen Altenheimplatz nicht leisten, dann wähle ich dafür den Suizid. Der ist billiger.“

Je normaler die Möglichkeit des assistierten Suizids wird, desto höher wird der Druck für Menschen. Bei wirtschaftlichem Zwang gibt es keine Freiverantwortlichkeit mehr. Andererseits ist es ethisch schwierig, dass es überhaupt Geld kostet, sich bei der Selbsttötung helfen zu lassen. Hier passiert eine Kommerzialisierung des Sterbens.

Wie kann man dem begegnen?

Zum einen mit einem Beratungssystem, das Menschen unabhängig von Sterbehilfe-Vereinen begleitet und Offenheit für das Leben garantiert. Das heißt, dass andere Möglichkeiten als zu sterben aufgezeigt werden. Das andere ist unser Blick auf Pflegebedürftige. Wie sehen wir Alter an? Wie sehen wir Leiden und Sterben? Das Nicht-zur-Last-fallen-Wollen ist ja das Gefühl, der andere könnte eine Last haben. Das zeigt, dass wir als Gesellschaft diese Phase des Lebens wenig wertschätzen. Wenn wir aber alles wegrationalisieren, was mit Leid und Schmerz zu tun hat, nehmen wir uns eine Dimension unseres Menschseins. Dann darf es nichts Schwieriges mehr geben. 

Was ist, wenn ein Mensch so sehr leidet, dass er es nicht mehr tragen möchte?

Ich bin immer vorsichtig, zu sagen: Es gibt doch die Palliativmedizin und Palliativpflege. Für manche, die lange leiden, ist das keine Entlastung. Ich muss den Menschen in seiner belastenden Situation wahrnehmen. Und dann darf ich es nicht wegreden, dass jemand einen assistierten Suizid für sich als Möglichkeit sieht.

Was macht ein assistierter Suizid mit den Angehörigen?

Es kommt darauf an, wie mit ihnen gesprochen wird. Einerseits versuche ich immer klarzumachen, dass die Entscheidung zum assistierten Suizid zu respektieren ist. Andererseits ist ein assistierter Suizid theologisch gesprochen eine Hoffnungsabsage, also eine Absage, dass jemand noch helfen kann oder dass es noch Glück im Leben gibt. Davon fühlen sich Angehörige stark hinterfragt. Und sie stehen in einem Gewissenskonflikt. Einerseits möchten sie den Wunsch respektieren, andererseits möchten sie den Suizid nicht unterstützen oder gutheißen. Aber es gibt auch Angehörige, die hier keinen Konflikt haben

Interview: Barbara Dreiling

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