Künstliche Intelligenz lässt Tote virtuell auferstehen
„Wollen wir das eigentlich?“
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Keine Seltenheit mehr: Trauernde erstellen per App eine Art digitalen Zwilling des geliebten Verstorbenen, um das Gefühl zu haben, weiter mit diesem kommunizieren zu können.
Was kann ich mir unter virtueller Wiederauferstehung von Toten mittels Künstlicher Intelligenz vorstellen?
Im Grunde geht es um eine Art digitalen KI-Zwilling, eine digitale Simulation Verstorbener. Dafür werden Fotos, Sprachaufnahmen, Videos, Chatverläufe oder biografische Informationen genutzt. Auf dieser Grundlage kann KI eine Person in gewisser Weise nachbilden, etwa in ihrer Stimme, ihrer sprachlichen Eigenart oder auch in einer visuellen Darstellung.
Wie geht das konkret?
Die aufwändigste Variante sind Avatare. Hier erscheint der Verstorbene als digitales Abbild des Menschen beispielsweise auf dem Mobiltelefon. Dann wirkt es, als befände man sich mit ihm in einem Videoanruf. Man kann sich mit dem virtuellen Zwilling in Echtzeit unterhalten. Er sieht aus wie der Verstorbene und spricht wie der Verstorbene. Das ist aber schon eine sehr komplexe Variante und nicht die Regel.
Was sind einfachere Varianten?
Am einfachsten sind textbasierte Systeme: Man schreibt mit einem KI-gestützten Chatbot, der aus den Daten einer verstorbenen Person Antworten in ihrem Stil erzeugt. Aufwendiger sind Modelle, die die Stimme des Verstorbenen imitieren. Auch hier füttert man eine KI mit Video- und Tonaufnahmen einer Person. Dann scheint es, als würde man mit ihr telefonieren. Je mehr Informationen man der KI gibt, desto echter können sich solche Interaktionen anfühlen.
Welche Informationen könnten das sein?
Zum Beispiel, was der Verstorbene gearbeitet und gemocht hat, welche Erlebnisse ihn geprägt und welche Redewendungen er verwendet hat, wer seine Freunde und seine Familie waren. Die KI greift auf solche Daten zurück und erzeugt daraus Antworten.
Was finden Sie problematisch an einer solchen virtuellen Wiederauferstehung?
Zum einen denkt die KI sich häufig Dinge aus. Was wäre, wenn mein verstorbener Großvater sich in einem KI-Modell plötzlich als Nazi outen würde – obwohl er gar keiner war? Vor allem aber finde ich es problematisch, dass man versucht, jemanden virtuell weiterleben zu lassen, der ja in Wahrheit gestorben ist.
Wieso ist das ein Problem?
Weil nur der Anschein erweckt wird, dass der Verstorbene noch weiterlebt. Dabei kann sein virtueller Zwilling nur auf die Erfahrungen zurückgreifen, die der Verstorbene bis zu seinem Tod gemacht hat. Neue Erfahrungen kommen logischerweise nicht mehr dazu. Und diese veraltete Kopie des Verstorbenen spricht dann zu Menschen in Trauer. Das kann den Trauerprozess gefährden.
Inwiefern?
Trauernde Menschen, die sich mit dem Verstorbenen weiter beschäftigen, als würde er noch leben, können in einer Art Endlosschleife hängen bleiben und so aus der Phase der Trauer nicht mehr wieder zurück ins Leben finden. Nicht umsonst haben Bestattungen die Funktion zu signalisieren: Es geht hier um einen Abschied. Dieses fiktive Lebendighalten verhindert einen solchen Abschied.
Was hat Sie in Ihrer Beschäftigung mit dem Thema bisher am meisten überrascht?
Wirklich überrascht hat mich, dass es so ein großes Bedürfnis gibt, Verstorbene virtuell wiederauferstehen zu lassen. Solche Anwendungen gibt es bislang vor allem in Südkorea, China sowie im angelsächsischen Raum. In China werden KI-gestützte Avatare und Chatbots für Verstorbene bereits kommerziell angeboten, und in den USA und Großbritannien gibt es Dienste, die mit interaktiven Erinnerungsprofilen, Stimmen oder Chatformaten arbeiten.
Kann KI-Wiederauferstehung auch etwas Gutes haben?
Ich kann mir das nur in Fällen vorstellen, in denen Menschen niemanden mehr in der Welt haben. Keine Kinder, keine Familie, keine Freunde. Für sie kann der KI-Avatar eines Verstorbenen vielleicht etwas Tröstliches haben. In der Regel sind solche Menschen aber ja sehr alt und leben selbst nicht mehr lange. Deshalb sind ihre Trauerprozesse auch eher kurz.
Brauchen wir neue Gesetze, um zu verhindern, dass sich eine problematische Entwicklung wie die KI-Auferstehung ausbreitet?
Neue Gesetze sind das Letzte, was wir bräuchten. Da ist mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte schon ganz viel geregelt. Was wir vor allem brauchen, ist: Wir müssen darüber sprechen, ob und in welchen Grenzen wir solche Formen digitaler Simulation Verstorbener überhaupt wollen.
Welche Rolle kann die Kirche in dieser Debatte einnehmen?
Die Kirche sollte sich viel intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen. Sie sollte die Diskussion vorantreiben, damit die Menschen sich fragen können: Wollen wir das eigentlich? Wie passt das zu unserem christlichen Auferstehungsglauben?
Zur Person
Reiner Anselm ist evangelischer Theologe. Er lehrt an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, ist Spezialist für theologisch-ethische Fragen.