Kirche im Kulturhauptstadtjahr 2025 in Chemnitz
„Das ‚C‘ in der Mitte war unser Anker“

Frau Lynn, das Kulturhauptstadtjahr 2025 in Chemnitz ist vorbei. Im vergangenen Jahr jagte ein Veranstaltungshöhepunkt den nächsten. Aber es war jahrelange Arbeit. Gab es trotzdem eine zentrale Erfahrung für Sie?
Ja, richtig. Ich bin seit drei Jahren die katholische Beauftragte für das Kulturhauptstadtjahr – noch bis Ende Juli. In diesen drei Jahren bin ich sehr gewachsen. Wir haben unglaublich viel erlebt. Aber nicht die Veranstaltungen haben mich geprägt, es sind die Prozesse, die tragen. Da ist vieles sichtbar geworden und daraus ist eine neue Haltung entstanden.
Welche Haltung ist das?
Es geht einerseits darum, welches Selbstbild wir als Kirchen haben. Andererseits auch darum, wie wir sprechen, wie wir hören, wie wir uns als Kirche einbringen. Wir kommen mit leeren Händen – das zeigt unsere Offenheit. Als Kirche waren wir lange eine Institution, die führt. Aber wir haben immer mehr verstanden, dass es wiederum Gott ist, der uns führt. Das ist ein Zusammenspiel wie beim Tanzen, wir müssen lernen, uns hinzugeben.
Sie haben über Ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben, das den Untertitel „Kirche als Präsenz im säkularen Raum“ trägt. Warum ein ganzes Buch?
Weil genau diese Prozesse, die wir erlebt haben, auch auf andere Umfelder übertragbar sind. Wir leben nun mal in der tiefen ostdeutschen Diaspora. Natürlich ist mein Buch ein Rückblick darauf, wie wir die „Kulturkirche2025“ erlebt haben. Ich schreibe aber auch über die Geschichte der Stadt und blicke bewusst in die Zukunft.
Die Kirchen hatten sich ursprünglich gar nicht selbst beworben, sondern tauchten im so genannten Bidbook – in der Bewerbung für den Kulturhaupstadttitel – einfach auf, es wurde Platz für Religion gelassen. In Ihrem Buch nennen Sie das ein Geschenk. Auch den Slogan der Kulturhauptstadt „C the Unseen“ (Das Ungesehene sehen) haben Sie so interpretiert.
Dass man das „C“, das für Chemnitz steht, auch als „Christus“ lesen kann, diese Idee hatten wir schon ganz am Anfang. Das kam aus dieser Haltung heraus, von der ich gerade sprach. Vertreter aus den christlichen Kirchen haben sich zusammengeschlossen. Anfangs hatten wir das Gefühl: Endlich werden auch wir Kirchen mal gesehen. Doch nach und nach wurde daraus immer mehr eine dienende Haltung. Wir fragten uns: Was, wenn es gar nicht um uns geht? Wie schauen wir andere an, die sonst nicht wahrgenommen werden? Das war ein großer Aha-Effekt für uns Christen. Und das C in der Mitte war unser Anker.
Wie konnten Sie diese dienende Haltung in die Veranstaltungen einbringen?
Wir haben die „stille Mitte“ als „tragende Mitte“ wahrgenommen und ihr einzelne Projekte und Veranstaltungen gewidmet. In dem Projekt „History of Citizens“ beispielsweise ging es um die Brüche im Leben von Menschen, von denen die meisten keinen Bezug zum christlichen Glauben haben. Kinder und Jugendliche lernten von den Älteren. Und die haben oft sehr christliche Hoffnungsfaktoren: von der Familie bis hin zum Mut, immer wieder aufzustehen. Chemnitz ist die demographisch älteste Großstadt in Europa und hat viele Brüche erlebt. Aber Brüche sind Teil des Lebens, durch sie kann erst das Licht hindurchscheinen und wir können Heilung erfahren. Dabei stand immer auch eine Kultur der Versöhnung im Vordergrund. Es gab viele Gespräche, unter anderem zwischen einem Grenzsoldaten und einem Bausoldaten. Das war teilweise eine schmerzhafte Erfahrung, aber es lag auch Kraft in dieser Versöhnung – die am Ende immer auch eine Versöhnung mit dem eigenen Lebensweg ist.
Warum war die Ökumene bei der „Kulturkirche2025“ so wichtig?
Wären wir als Katholiken, die zwei Prozent der Stadtbevölkerung bilden, allein geblieben, hätten wir nur Kleines bewirkt. Die christliche Einheit war unsere größte Stärke. Die ökumenische Zusammenarbeit – da bin ich sicher – wird bleiben. Das Schöne ist, dass wir eine „Ökumene der Herzen“ erlebt haben. Sie kam nicht aus der Institution, aus offiziellen Schreiben, sondern entstand im gemeinsamen Gespräch und Gebet. Wir haben einfach zusammen geschaut, wie wir uns in unserer Stadt einbringen, an Stellen, wo wir unseren Auftrag als Christen sehen.
Welche Menschen hat das angesprochen?
Sehr viele, nicht nur Christen. Wir haben Mission anders gedacht, mehr als ein Hineingehen in die Stadt, anstatt nur zu uns einzuladen. Beim großen Kulturkirchenfest haben wir uns mitten in der Stadt gezeigt. Da haben viele Chemnitzer gestaunt, wie bunt Kirche ist. Wir haben aber auch die Kirchen als Orte der Kultur geöffnet, in denen Künstler gestalten und ihre Kunst zeigen konnten. Das war auch Arbeit, denn wir sind ins Gespräch gegangen mit der Stadt, mit der Politik und mit Museen. Am Ende haben wir oft den Satz gehört: So habe ich Kirche noch nie wahrgenommen!
Was nehmen Sie mit für die Zukunft?
Die „Sehschule“, dieses „Neues-sehen-lernen“ – nicht nur das Offensichtliche. Da sind wir jetzt drei Jahre lang durchgegangen und haben gelernt, die Perspektive zu wechseln. Diese Haltungsänderung zeigt sich in Allem: beim Blick auf Stadt und Region, bei dem, wie wir andere wahrnehmen. Wir spüren den Herrn auf, in dem was oder wen wir sehen. Bibelstellen sind ganz alltagsnah geworden. Wir schauen auch anders auf die Brüche, die wir als Kirche gerade erleben. Und das Faszinierende ist: Indem wir Christen versuchten, andere zu sehen, sind wir von der Stadt gesehen worden – von ganz normalen Menschen bis hin zur politischen Ebene.

Ulrike Lynn: Und siehe, ich bin da. Kirche als geistliche Präsenz im säkularen Raum; Bonifatius Verlag; ISBN 978-3-98790-119-5; 20 Euro
Das Buch können Sie auch bei Vivat (Bestellnummer 2777372) bestellen.
Am 21. Juni, 16 Uhr, liest Ulrike Lynn aus ihrem Buch im Gemeindesaal der katholischen Gemeinde St. Pius X., Hohenstein-Ernstthal (Grenzweg 17). Dazu gibt es Musik, Essen sowie Gelegenheit zum Austausch.