Erinnerungen an Erfurts Bischof Joachim Wanke
„Ein herzlicher und feiner Mensch“
Foto: Markus Bien
Es ist 17.45 Uhr am 18. März. Im Erfurter St. Marien-Dom – wie auch in allen Kirchen des gesamten Bistums – läuten die Glocken. Vorbei am ausgelegten Kondolenzbuch mit dem Porträt des ehemaligen Oberhirten des Bistums Erfurt wird der schlichte Holzsarg mit den sterblichen Überresten von Joachim Wanke in Stille zum Hochchor gebracht und vor dem Altar aufgebahrt. Viele Menschen sind gekommen. Bei einer Totenvesper wollen sie Abschied nehmen von „ihrem“ Bischof. Ihre Erinnerungen sind vielfältig und individuell. Doch eines wird immer deutlich: Bischof Joachim wird im Gedächtnis der Gläubigen bleiben.
Sein Tod macht betroffen
Sven Kaiser kniet, tief ins Gebet versunken, in einer Bank im Hohen Chor des Erfurter Doms. Zuvor hat er sich ins Kondolenzbuch eingetragen. Er ist 20 Jahre alt – und erst seit zweieinhalb Jahren Katholik, wie er berichtet. Persönlich habe er Altbischof Wanke daher nicht erlebt: „Aber ich habe viel von seinen großen Verdiensten gehört“, sagt Kaiser. „Er soll sehr volksnah gewesen sein. Sein Tod macht mich betroffen.“ Eine Stunde später sieht man den jungen Mann wieder – als Ministrant bei der Totenvesper mit Bischof Neymeyr und Weihbischof Hauke.
Ein gern gesehener Gast
Aus dem St. Johannesstift in Ershausen ist gleich eine ganze Gruppe gekommen, um Abschied zu nehmen. Das Haus ist eine Einrichtung der Eingliederungshilfe. Hier leben Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Andrea Bode, 59 Jahre, ist zusammen mit einer Ordensschwester als Betreuerin von neun geistig behinderten Menschen nach Erfurt gekommen. „Ich arbeite seit 40 Jahren in der Einrichtung“, berichtet sie, „Bischof Joachim Wanke war immer ein gern gesehener Gast. Er hatte eine authentische, herzliche Art. Er war ein Bischof, mit dem man gut zusammenarbeiten konnte“, erklärt die Mackenroderin. „Unseren Bewohnern war es wirklich ein großes Bedürfnis, heute hier Abschied zu nehmen.“
Hilfe in schwierigen Zeiten
Brunhilde und Ottmar Föllmer kommen aus Uder im Eichsfeld. Sie kannten den verstorbenen Altbischof seit Jahrzehnten. „Ich bin seit 50 Jahren Kommunionhelfer. Und mindestens bei den Treffen der Kommunionhelfer habe ich ihn regelmäßig gesehen“, sagt Ottmar Föllmer. „Bischof Wanke hatte persönliche Ausstrahlung, war herzlich und immer ansprechbar“, so der 76-Jährige, „aber auch er hat die Menschen angesprochen, er ging auf die Leute zu, das war wichtig“, betont er.
Seine Frau Brunhilde erzählt ihre eigene Geschichte. Lehrerin sei sie gewesen, auch schon zu DDR-Zeiten. Damals wollten sie im Frühjahr 1989 ihre Tochter nicht zur staatlich verordneten Jugendweihe schicken. „Das hat dann zu Riesenproblemen an der Schule geführt“, erinnert sich die 73-Jährige. „Dann haben wir uns an Bischof Wanke gewandt, dieser schickte ein Schreiben an den zuständigen Sekretär für Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes, wie das damals hieß, dann hatte ich Ruhe“, erläutert Brunhilde Föllmer. Ein halbes Jahr später begann die politische Wende, „aber das wusste ja damals noch niemand. Wir waren ihm so dankbar.“
Foto: Johanna Marin
Starke emotionale Bindungen
Mit Sohn und Schwiegertochter ist Heinrich Werner nach Erfurt gekommen. Der ältere Herr aus Heiligenstadt hat ganz eigene Erinnerungen. Er habe eine Zeit lang Theologie studiert und bei einem Arbeitseinsatz auf einer Pfarreibaustelle in Jena hat er mit dem noch jüngeren Joachim Wanke – damals Kaplan – zusammen gefrühstückt. „Er war ein hochintelligenter Mensch, sehr zielgerichtet, vor dem ich meinen Hut ziehen möchte“, erklärt Heinrich Werner. Auch sein Sohn Matthias Werner aus Mackenrode hat Bischof Wanke gut gekannt: „Ich arbeite im Raphaels-Heim in Heiligenstadt, der Bischof hat uns einige Male dort besucht.“ Seine Frau Barbara hatte der Verstorbene sogar persönlich gefirmt. „Bischof Joachim wuchs wie ich Ilmenau auf. Ich hatte eine starke emotionale Bindung zu ihm.“
Für jeden ein offenes Ohr
Maik Güldenpfennig wartet geduldig, bis er sich ins Kondolenzbuch eintragen kann. Er ist eigentlich dienstlich vor Ort. Sein schwarzer Anzug verrät es. Güldenpfennig, 38 Jahre, ist bei einem Bestattungsunternehmen tätig. Heute hilft er bei der Aufbahrung des verstorbenen Altbischofs Joachim Wanke. „Ich habe ihn mehrere Male erleben dürfen – bei Requien. Ich bin auch Trauerredner“, so der Erfurter. „Ich erinnere mich an ihn als sehr warmherzigen und sympathischen Menschen, der für jeden ein offenes Ohr hatte“, sagt er, bevor er davoneilt, um bei den letzten Vorbereitungen für die bald beginnende Totenvesper zu helfen.
Viel Kraft gegeben
„Er ist der Bischof gewesen, den ich am meisten erlebt habe.“ Olaf Zucht ist Komtur der Subkomturei „Sachsen und Thüringen“ des Deutschen Ordens. Im Deutschordensseniorenhaus in Erfurt lebte Altbischof Joachim in der letzten Zeit vor seinem Tod. „Ich habe am 25. Februar noch die Vesper mit ihm beten dürfen“, erzählt Zucht. Da sei er schon sehr schwach gewesen. „Bischof Wanke hat uns immer viel Kraft gegeben, vor allem in schwierigen Zeiten.“
Klare Worte mutig gesprochen
Ein Vorbild sei Bischof Wanke für sie gewesen“, erklärt Susanne Bode aus Heilbad Heiligenstadt. „Ein Bischof voll Glauben und voll Hoffnung, der sein Bistum im Gottvertrauen geleitet hat“, sagt die Eichsfelderin. „Er war einer, der die Wallfahrer immer gestärkt hat, der klare Worte mutig gesprochen hat.“ Ein Brückenbauer, so bezeichnet sie ihn weiter, ein Wegweiser für die Jugend, so Bode. Seine Predigten haben die Gläubigen gestärkt. „Über das Eichsfeld und über das Bistum hat er immer seine schützende Hand gehalten“, erklärt sie mit leiser Wehmut in der Stimme. „Ein herzlicher und feiner Mensch.“
Foto: Bistum Erfurt/Henry Sowinski