Anstoß 18/2026
Wenn Glaube chinesisch klingt
Längst bin ich wieder zu Hause. Ich sitze am Schreibtisch und bereite den Sonntagsgottesdienst vor. Das Tagesgebet ist wieder ein Musterbeispiel, wie unverständlich Glaubenssprache sein kann. Kein Wunder, wenn unser glaubenschinesisch keiner versteht, denke ich.
Manchmal fühle ich mich wie bei meinem Besuch in Polen, wenn es darum geht, mit einem fremden Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Obwohl wir dieselbe Sprache sprechen, verstehen wir gar nicht, was der andere mit seinen Worten meint. Wir müssen erst einmal zuhören und lernen, wie die Menschen unserer Zeit über Gott und die Welt sprechen, was sie beschäftigt und wonach sie fragen.
Martin Luther hat einmal gesagt, man müsse „der Mutter im Hause, den Kindern auf den Gassen, dem gemeinen Mann auf dem Markt“ zuhören und ihnen „auf das Maul sehen“. Ihm ging es darum, die Bibel so zu übersetzen, dass die Menschen seiner Zeit sie verstehen konnten. Er war damit ziemlich erfolgreich.
Vielleicht müssen wir unsere Glaubenssprache gar nicht neu erfinden. Vielleicht müssen wir einfach öfter mit Menschen ins Gespräch kommen – über Gott und die Welt. Zuhören, nachfragen, staunen und manchmal auch feststellen, dass wir selbst etwas nicht verstanden haben.
Luther hat auf die Sprache der Menschen geschaut und daraus eine Sprache gefunden, mit der er sie erreichen konnte. Das macht Mut. Vielleicht nicht nur mir.