Kirche und rechte Strömungen
Mut zur Spannung
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Die Identitäre Bewegung (IB) bezeichnet mehrere aktionistische, völkisch orientierte Gruppierungen. Sie gehen von einer geschlossenen, ethnisch homogenen „europäischen Kultur“ aus, deren „Identität“ vor allem von einer „Islamisierung“ bedroht sei. Wissenschaftler und Verfassungsschützer beschreiben Vorstellungen der IB als „Rassismus ohne Rassen“ und ordnen die Gruppen dem Rechtsextremismus zu.
Herr Lamprecht, es gibt verschiedene Gruppierungen, die sich irgendwo am „rechten Rand“ der Gesellschaft befinden. Können Sie diese grob einordnen?
Man sieht ein gewisses Spektrum: Es gibt den klassischen Rechtsextremismus, etwa die frühere NPD, die jetzt „Die Heimat“ heißt, oder die Partei „Der Dritte Weg“. Dort finden wir relativ direkte Anknüpfung an den Nationalsozialismus – inhaltlich und im Erscheinungsbild. Davon zu unterscheiden ist die sogenannte „Neue Rechte“, die genau diese Nähe zum Nationalsozialismus zu vermeiden sucht und sich gerne als demokratischer Widerstand positioniert, im Kern aber den gleichen völkischen Nationalismus vertritt. Sie will aber nach außen hin nicht mit diesen Neonationalsozialisten in einen Topf geschmissen werden. Und dann haben wir noch den Rechtspopulismus, der auch einen gewissen Abstand zum Neonationalsozialismus sucht, aber auch ähnliche Themen behandelt. Vor allem die Ausländerfeindlichkeit ist durch das ganze Spektrum ein Kernthema.
Die Stellung zum Christentum unterscheidet sich: Der klassische Rechtsextremismus hat mit Christentum nichts zu tun, eher mit dem Neuheidentum. Dort wird ein Kult der Stärke vertreten und das Christentum als „Kulturschwäche“ verachtet. Rechtspopulismus und die „Neue Rechte“ versuchen dagegen, sich ein bürgerliches Image zu geben. Dazu gehört auch das Christentum. Sie benutzen es aber lediglich für ihre eigene europäische Identitätsbildung gegen den Islam.
Warum eigenen sich gerade christliche Gemeinden für diese „bürgerliche Fassade“?
Es sind drei Themen, mit denen versucht wird, im christlichen Bereich anzudocken. Das erste ist das traditionelle Familienbild, die Ehe zwischen Mann und Frau, und die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen oder des „Gender-Gagas“. Die kirchliche Sexualmoral ist tendenziell auch etwas konservativer gestrickt. Die Polemik verdeckt allerdings, dass es bei „Gender“ wesentlich um Fragen von Gerechtigkeit geht. Wenn man ein anständiger Christ sein will, sollte diese Frage nach Gerechtigkeit nicht egal sein.
Das zweite große Thema ist die Islamfeindschaft. Wir haben einen religiös begründeten Gegensatz zwischen unseren Religionen. Es gibt verschiedene Überzeugungen, die sich auch nicht einfach harmonisieren lassen. Wir sind Konkurrenten auf dem Weltanschauungsmarkt. Aber das bedeutet nicht, dass Muslime per se Unmenschen sind. Im rechtsextremen Bereich ist die Islamfeindschaft religiös verbrämter Rassismus. Die mögen die Leute nicht, weil sie von woanders herkommen. Weil ein so offener Rassismus in der Gesellschaft nicht gut ankommt, wird versucht, die Religion und die Kultur darüber zu schieben. Das merkt man daran, dass es am Ende nicht darum geht, ob jemand integriert ist, sondern um die Hautfarbe und das Aussehen.
Das dritte Thema ist nicht ganz so stark: die grundsätzliche Frage nach Autorität. Man möchte Autorität und Ordnung und eine strukturierte Welt haben. Da ist man „sozialen Experimenten“ gegenüber skeptisch.
Spielt auch Antisemitismus beziehungsweise Antijudaismus eine Rolle?
Das ist ein grundsätzliches Problem in der Gesellschaft, aber ich sehe es nicht vordergründig als Thema, mit dem man bei Christen Punkte sammeln will. Die meisten Christen wollen keine Antisemiten sein und Antisemitismus hat in christlichen Kreisen eher eine abstoßende Wirkung.
Wie groß ist das Phänomen, dass Rechtsextremismus in Kirchengemeinden in Ostdeutschland Fuß fasst?
Das ist gar nicht einfach zu sagen. Grundsätzlich sind wir als Kirchen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn wir die Wahlergebnisse in Sachsen anschauen, dann müssen wir davon ausgehen, dass auch Kirchenmitglieder dazu beigetragen haben. Das ist ein Problem, mit dem die Kirchen umgehen müssen. Es gibt ein bestimmtes Level an Rassismus auch innerhalb der Gemeinden, selbst wenn es unseren Lehren komplett widerspricht. Kirchen stehen immer vor einem großen Spagat: einerseits mit größtmöglicher Klarheit verkünden, dass sie für eine bedingungslose Zuwendung Gottes zu allen Menschen stehen; andererseits trotzdem auf Menschen zugehen, die in den Dunstkreis anderer Einflüsterungen geraten sind. Unsere Gottesdienste sind immer öffentlich und jeder ist willkommen. Auch der härteste Neonazi darf gern kommen und sich die Predigt anhören. Aber das bedeutet nicht, dass diese Leute auch in Leitungsstrukturen gelassen werden müssen.
Der Einfluss der Kirchen ist in der Diaspora begrenzt und Ressourcen schwinden immer mehr. Wie sollten Gemeinden reagieren, wenn sie sich mit rechten Ideologien konfrontiert und überfordert sehen?
Die Stimme der Kirchen hat durchaus noch Gewicht in der Gesellschaft. Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind. Zur Unterstützung gibt es in Sachsen eine ökumenische AG „Kirche für Demokratie und Menschenrechte“, wo Menschen aus verschiedenen kirchlichen Bereichen engagiert sind. Und das Kulturbüro Sachsen arbeitet mit mobilen Beratungsteams. Im Vorfeld der letzten Wahlen gab es viele kirchliche Aktionen, bei denen gute Materialien entstanden sind.
Kann die Ökumene hier ein möglicher Schlüssel sein?
Natürlich können wir so Ressourcen bündeln, weil wir in diesen gesellschaftlichen Fragen sehr stark zusammenarbeiten können. Die ökumenische Bewegung kann auch Vorbildcharakter haben, denn es ist erstaunlich, was uns gelungen ist. Wenn wir 60 Jahre zurückgehen, sehen wir, wie schwierig das Verhältnis zwischen den Kirchen gewesen ist und wie unmöglich eine Einigung an vielen Stellen erschien. Das hat sich sehr gewandelt und heute gibt es ein starkes Miteinander an vielen Stellen.
Dieses ökumenische Miteinander ist auch eine Herausforderung. Vertrauen sie darauf, dass die Kirchen die vielen inneren Spannungen tragen und nicht daran zerbrechen, wenn ein Miteinander auch über politische Differenzen hinweg angestrebt wird?
Ich möchte uns Mut dazu machen, Spannungen zu kanalisieren und dafür zu sorgen, dass sie nicht überhandnehmen. Ich plädiere dafür, einerseits eine gut begründete inhaltliche Position zu haben, andererseits trotzdem eine gewisse Flexibilität und Offenheit im Umgang mit Personen, die das nicht genauso sehen. In der Gesellschaft bewegt sich nur etwas, wenn es welche gibt, die vorangehen, wie bei einer Wanderung. Wenn keiner vorgeht, bleiben alle stehen. Trotzdem muss man schauen, dass die letzten auch mitkommen. Die Kirchen sind eben ein pilgerndes Volk Gottes und müssen sehen, dass sie beieinander bleiben. Wenn manche vorneweg rennen, ohne ganz nach hinten zu gucken, entstehen zwei Wandergruppen, die möglicherweise unterschiedliche Routen nehmen.