Kirchturmsanierung in Bernau

Berührende Grüße aus der Vergangenheit

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Dokumente aus den Zeitkapseln des Bernauer Kirchturms
Nachweis

Fotos: Andrea von Fournier

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Die Besucher bestaunten die Funde aus der Zeitkapsel.

Der höchste Kirchturm in Bernau wird aufwendig saniert und nicht nur die katholische Pfarrgemeinde nimmt regen Anteil am Fortgang der Arbeiten. Auch die Zeitkapsel wurde gesichert und dabei geöffnet.

Ein Gerüst umschließt zurzeit den Kirchturm der Herz-Jesu Kirche in Bernau. Es lässt die Turmspitze im Innern filigran und zerbrechlich wirken. Der Turm der katholischen Kirche ist das höchste Bauwerk und markanter Orientierungspunkt der Stadt am nördlichen Berliner Rand. Deshalb beobachten nicht nur Christen die Fortschritte der Sanierungsarbeiten.

Sie wurden nötig, weil der Zahn der Zeit am Turm nagte. 1961 hatte ein Blitzschlag das Kreuz von der Spitze gerissen. Das Dach wurde ausgebessert, aber an der Turmspitze, nun ohne Kreuz, blieb der offene Stiel bis 1973 zur Sanierung zurück. Ein einfacheres Kreuz wurde angebracht. Nach 50 Jahren war ein Sturmschaden der Anstoß, weshalb sich die Gemeinde erneut für Turmarbeiten entschied.

Kirchturm Bernau
Das Gerüst um den 66 Meter hohen Turm – ein anspruchsvolles Bauwerk für sich.

Als die Kirche 1907/08 entstand, hatte Initiator Pfarrer Carl Ulitzka unbedingt im Sinn, diese mit einem höheren Turm als die evangelische Kirche auszustatten. Das gelang. Selbst heutzutage forderte es die erfahrene Bernauer Firma heraus, ein Gerüst aus mehr als 13 000 Einzelteilen um den 66 Meter hohen, neugotischen Turm zu installieren. Nicht nur die Lastableitung war heikel, sodass der sechswöchige Aufbau, 1,3 Millionen Euro teuer, von wachsamen Augen der Techniker und Statiker begleitet wurde. Inzwischen arbeiten versierte Thüringer Metallbauer an der Anbringung neuer Kupferbleche, die dichter gelegt werden, damit eine stabilere als die originale Konstruktion entsteht. Jedes Blech hat eine andere Größe und Form und wird einzeln zugeschnitten.

Ein großer Moment war die Bergung der Zeitkapsel unterhalb des Turmkreuzes. Sie wurde im Beisein von Gemeinde und Gästen geöffnet: Drei stark bewetterte Metallzylinder verbreiteten die Aura der Vergangenheit und waren nicht nur für Stephan Theilig, Historiker und Pfarrarchivar der Gemeinde, berührender Gruß einer einst lebendigen Gemeinde. Dachklempner der Bauphase 1907/08 meldeten sich zu Wort, Ausgaben der Zeitung „Germania“ kamen ans Licht. In der Kapsel von 1973 befand sich ein Brief von Pfarrer Beier, der heute, 96-jährig, in der Nähe lebt. Er beschrieb die Situation nach dem Krieg, den Zustand der Kirche, die deutsche Teilung und den Abend, als das Kreuz herunterfiel. Zeitdokumente und Münzen waren auch in der Kapsel. Die DDR-„Aluchips“ hatten das halbe Jahrhundert unbeschadet überstanden. Die dritte Kapsel wurde aufgrund des schlechten Zustands nicht geöffnet.

Stephan Theilig beschrieb nun, wie ihr Inhalt wochenlang konservatorisch behandelt wurde, weil das Material im Innern feucht geworden und getrocknet nur noch ein dickes Stück war. Dokumente in fünf Lagen, die Pfarrer Beier vor 50 Jahren bereits abgeschrieben und hinterlegt hatte, konnten nur noch als dunkle Papierfetzen geborgen werden.

In die neue Zeitkapsel werden fünf Zylinder eingelegt. Die alten Dokumente in wetterfester Faksimile sind dabei, Zeugnisse der heutigen Gemeinde, ein Brief des Historikers. Eine Kapsel durfte die Kommune füllen. Bürgermeister André Stahl (Die Linke), der zu einem Fest Ende Juli unter den Kirchenbesuchern war, freute sich sichtlich darüber: Er hatte eine „Hussitenfest“-Beilage, Liedtext und Grußwort der Stadt mitgebracht, die der Historiker in Seidenpapier gerollt in die Kapsel schob. Der Metallbauer Michael Messerschmidt und ein Mitarbeiter verlöteten sie am Altar vor den Besuchern, die gebannt und still in den Kirchenbänken zusahen.

Wenn alles nach Plan läuft, wird der Turm im Oktober fertig und die neue Zeitkapsel oben verstaut sein. Das Kreuz soll in Anlehnung an das originale wieder aufwendiger gestaltet sein.

Andrea von Fournier