Krankenhausseelsorge im Helios-Klinikum Leipzig

Begleiter in existentiellen Situationen

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Martin Otte und Pfarrerin Dietlind Starke in der Hauskapelle im Leipziger Herzzentrum
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Fotos: Markus Bien

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Martin Otte, katholischer Krankenhausseelsorger am Helios-Klinikum Leipzig, und seine evangelische Kollegin, Pfarrerin Dietlind Starke, in der Hauskapelle im Herzzentrum. Dort finden regelmäßig Gottesdienste für Patienten, aber auch für Mitarbeiter statt.

Weil Jesus den Leidenden Trost und Heilung schenkte, sieht die Kirche in der Hilfe für Kranke eine zentrale Aufgabe. Im Leipziger Helios-Klinikum arbeiten ein katholischer Seelsorger und eine evangelische Pfarrerin ökumenisch im Team. Sie betreuen dabei nicht nur die Patienten.

„Wir gehen hier an die Ränder. Dahin, wo viele Kirche gar nicht mehr vermuten. Manche sind überrascht, dass es hier Seelsorger gibt.“ Das sagt Martin Otte, Krankenhausseelsorger am Helios Park-Klinikum und Herzzentrum im Leipziger Südosten. Zusammen mit Pfarrerin Dietlind Starke arbeitet er im Team. Kurz und knapp stellt er es vor: „Sie ist evangelisch, ich katholisch. Sie ist Pfarrerin, ich Gemeindereferent, sie eine Frau, ich ein Mann. Wir können uns gegenseitig vertreten. Uns verbindet viel, das ist unser großer Vorteil. Wir leben hier Ökumene.“

Krankenhausseelsorge gehöre, ähnlich wie die Seelsorge an  Flughäfen oder in Gefängnissen, zur Kategorialseelsorge, erläutert Martin Otte. „Wir sind oft auf der schweren Seite des Lebens unterwegs. Denn Patienten, bei denen – medizinisch gesehen – alles glatt geht, benötigen meist keine Seelsorge von uns, in existenziell herausfordernden Situationen jedoch schon“, ergänzt Pfarrerin Starke. Sprechen könne man mit ihnen über alles, erklären beide. „Die Patienten geben die Themen vor“, bekräftigt Dietlind Starke: „Viele trauen sich, mit uns über Themen zu reden, die nicht in ihren Familien besprochen werden können.“ Aber Otte betont: „Wir sind keine Therapeuten!“ Dem pflichtet die evangelische Pfarrerin bei: „Wir geben den Patienten eher keine Ratschläge, sondern bieten Raum, in dem ihre Themen und Gefühle Platz haben.“ Sie könnten von allen in Anspruch genommen werden, unabhängig von Konfession oder Religion und, wenn gewünscht, auch bis zur letzten Stunde, ergänzt Martin Otte.

Ab und zu werden die Seelsorger auch mit Vorurteilen konfrontiert: „Patienten fragten schon mal ‚Werde ich nun missioniert?’ oder dachten, die letzte Ölung stünde schon bevor“, lacht Martin Otte. Mit einem Augenzwinkern meint er: „Krankenhausseelsorge ist ein bisschen wie ein Adventskalender: hinter jeder Tür eine Überraschung. Ich weiß nie, was mich erwartet.“

Beide Krankenhausseelsorger stammen aus Leipzig. Martin Ottes Heimatpfarrei ist die Liebfrauen-Gemeinde, heute Teil von St. Philipp Neri im Leipziger Westen. „Die dort lange ansässigen Oratorianer haben meinen Glaubensweg stark mitgeprägt“, berichtet der 54-Jährige. Seit 2021 arbeitet er am Klinikum. Zuvor, als Gemeindereferent in Pfarrgemeinden, wuchs der Wunsch nach beruflicher Veränderung: „Weil sich mit der Zeit Strukturen in den Gemeinden geändert hatten, habe ich in mir immer weniger den Seelsorger sehen können, immer öfter hingegen den Organisator und Verwalter.“ Er ging einmal pro Woche ins Leipziger Elisabeth-Krankenhaus – „um herauszufinden, ob dies seelsorgerisch etwas für mich sein könnte“, wie er sagt. „Ich bin froh und dankbar, diese Arbeit zu tun, ich werde jeden Tag reich beschenkt.“

Dietlind Starkes geistliche Heimat ist die Markus-Kirchgemeinde. Sie war Pfarrerin in Crimmitschau und hatte zuvor Galvaniseurin gelernt. Galvaniseure, auch Oberflächenbeschichter genannt, veredeln Metall- und Kunststoffoberflächen, um sie zum Beispiel zu schützen oder elektrisch leitfähiger zu machen. Bereits seit zehn Jahren ist sie in der Krankenhausseelsorge tätig und davor in einer Gemeinde. „Mein Herz schlägt schon immer für die Seelsorge“, meint die 60-Jährige.

Martin Otte am Krankenbett

Doch auch erfahrene Seelsorger wie Starke und Otte müssen anstrengende Gespräche erst einmal verarbeiten, eine Pause einlegen, einen Moment der Stille und des Gebets zulassen, bevor sie zum nächsten Patienten gehen. Sie tauschen sich auch aus. „Das hilft uns beiden sehr. Es ist eine Gnade, dass es zwischen uns so gut funktioniert“, findet Dietlind Starke, und Martin Otte nickt zustimmend. Das Bistum Dresden-Meißen und die evangelische Landeskirche bieten ihnen die Möglichkeit einer Supervision, jene besondere Form der beruflichen Beratung, die der Reflexion eigenen Handelns dient.

Von der Krankenhaus-Belegschaft komme Wertschätzung, sagen beide, daher gehören sie auch den Ethik-Komitees des Klinikums an. Und gar nicht so selten kommt es vor, dass Starke und Otte auch das Personal seelsorgerisch betreuen: „Eine besondere Situation ist es, dass in diesem Haus eine Reihe von katholischen Mitarbeitern aus Vietnam, Brasilien oder den Philippinen arbeiten“, erläutert Seelsorger Otte. „Sie kommen hier in eine andere Welt. Im gemeinsamen Glauben finden sie eine erste – spirituelle – Heimat.“

Viele gläubige Patienten würden im Krankenhaus sogar eine tiefergehende spirituelle Erfahrung machen, wissen die Seelsorger. „Die Gottesdienste, die wir in den hauseigenen Kapellen feiern, sind so wertvoll“, sagt Pfarrerin Starke. „Gott führt uns dann kurz zusammen als Gemeinschaft.“

Dann berichtet Martin Otte noch von jenen Gedanken, die manche Nicht-Gläubige kurz vor dem Tod beschäftigen: „Manchmal fragen mich diese Menschen, ob da nicht doch etwas sein könnte und sagen dann zu mir, dem Seelsorger: ‚Sie haben es gut!‘.“ 

Plötzlich klingelt das Dienst-Handy. Ein kurzes Winken als Verabschiedung, dann konzentrieren sich Dietlind Starke und Martin Otte ganz auf ihren Dienst: „Hier ist die Krankenhaus-Seelsorge. Was können wir für Sie tun?“

Markus Bien