Religionspädagoge Rainer Oberthür

Kindern große Fragen stellen

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Bild aus der Kinderbibel von Rainer Oberthür
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Bild: Marieke ten Berge/Gabriel Verlag / aus: R. Oberthür, "Die Kinderbibel - Eine Entdeckungsreise"

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Wie zeigt sich Gott? Mit der Kinderbibel von Rainer Oberthür können Groß und Klein sich auf eine Entdeckungsreise durch die Bibel begeben.

Der Religionspädagoge und Autor Rainer Oberthür spricht mit seinen Schülern über Sinnfragen – und traut den Kindern dabei einiges zu. Seine Ideen hat er in einer Fortbildung auch an die Begleiter der diesjährigen Religiösen Kinderwochen weitergegeben. Denn dort sprechen Kinder seit Generationen über ihren Glauben. Das hinterlässt Spuren.

Das Klavier setzt an, die Pianistin lässt ein Vorspiel erklingen und dann beginnt das Kinderlied: „Folgen, Leben mit Jesus hat Folgen!“ Laut und deutlich, weil viele Stimmen gemeinsam singen; Kinder sind allerdings nicht dabei. Stattdessen sitzen jede Menge Erwachsene im alten Pfarrsaal der Gemeinde St. Georg in Leipzig. Das Lied ist bekannt und alle singen mit. Kein Wunder: Die Erwachsenen sind Begleiter der Religiösen Kinderwoche (RKW). Sie kennen die Lieder, die Kinder auf den RKWs seit jeher singen. Einige von ihnen waren früher sogar selbst als Kinder dabei.

Jetzt sind sie zu einer Fortbildung gekommen, um Rainer Oberthür zu treffen. Der Religionspädagoge hat etliche Bücher für Kinder und Erwachsene zu Fragen nach dem Glauben, nach Gott und dem Sinn des Lebens veröffentlicht. In seinen Fortbildungen will er anderen weitergeben, welche Erfahrungen er als Religionslehrer gemacht hat und wie er mit Kindern dort über genau solche Fragen spricht.

„Wo ist der Regenbogen zu Ende? In deiner Seele, oder am Horizont?“ Wenn Rainer Oberthür mit Kindern über Gott und das Leben staunen will, wie er es nennt, fängt er immer erst mal mit Fragen an, sagt er. Das gebe Kindern den Impuls, selbst etwas zu tun. Dabei, davon ist er überzeugt, kann man Kindern auch etwas zutrauen. „Kinder können auf den Punkt bringen, worüber wir sonst manchmal lange Predigten hören“, sagt der Autor. Er glaubt, dass auch Kinder bereits ein Gespür für Gegensätze in der Welt haben – und dass man in diesen Gegensätzen auch über Gott sprechen könne.

Gott ist quadratisch und achteckig

„Gott ist eine unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall ist und deren Umfang nirgends ist“, ist eines der sprachlichen Bilder, über das er mit seinen Schülern diskutiert hat. „Gott ist alles zugleich: quadratisch, blau, gelb, achteckig, groß, klein“, habe ein Junge darauf geantwortet. Eine kindlich formulierte Antwort – und genau das ist gut. Oberthür regt die Kinder an, in Sätzen zu antworten „die nur sie sagen würden, weil sie einzigartig sind“. So entstehen kleine Schätze, die Wichtiges ausdrücken. „Gott ist einfach das Beste, was einem über den Weg laufen kann!“, stammt beispielsweise von einem Viertklässler. „Mit dem dritten und vierten Schuljahr zu arbeiten, ist einfach genial“, sagt Oberthür, „da haben die Kinder es sich noch nicht so in der Welt zurecht gemacht.“

Viele Leute melden sich
Auch Erwachsene haben Fragen… Zum Beispiel die, wie sie mit Kindern über Gott sprechen können.
Fotos: Hartmut Salzmann 

Fragen stellen – zum Fragen motivieren

Der Religionspädagoge wird kreativ, wenn er seine Schüler zum Denken anregen möchte. Er stellt Fragen zum Leben: „Wo bleibt die Zeit, wenn sie vergangen ist?“ „Wie würdest du das Hin und Her menschlicher Gefühle malen?“ Zu Gott: „Stell dir vor, du redest mit jemandem, der nicht an Gott glaubt – was würdest du dem sagen?“ Und auch ganz einfach: „Was glaubst du?“ Manchmal zeigt er Bilder, zu denen seine Schüler einen Text schreiben können. Dann wieder zeigt er einen Text, den die Kinder auf ihre ganz eigene Weise in ein Bild verwandeln. Auch Lieder kommen zum Einsatz – dann blendet Oberthür den Text ein, damit sie mitlesen können.

Diese Anregungen sind allerdings nur der erste Schritt, danach soll das Gespräch weitergehen. Wenn die Kinder auf die Fragen antworten, soll sie das motivieren, weiter zu fragen. „Ich erwarte von Kindern immer mehr, als ich ‚darf‘“, sagt Rainer Oberthür, also mehr, als Lehrplan und Gesellschaft von ihnen erwarten. „Man kann sie auch über das hinaus fordern, was wir ihnen zutrauen.“ Er wolle Kinder zu Wort kommen lassen, sagt er, mit dem, was ihnen selbst einfällt – nicht mit dem, was ihm gefallen würde. Und dann? „Lassen wir uns begeistern von dem, was Kindern einfällt“, lacht der Autor, der bereits mehrere Bücher mit ihren Ideen und Fragen gefüllt hat.

Die Fragen der Kinder haben es manchmal in sich. Wie zum Beispiel könne man seinen Lebensweg frei wählen, wenn Gott doch schon einen Platz für jeden vorgesehen hätte, fragte ihn ein Kind. „‚Vielleicht kannst du das ein bisschen besser verstehen, wenn du länger gelebt hast‘ habe ich ihm geantwortet“, erinnert sich Oberthür, „und dann habe ich ihm eine viel zu lange Geschichte davon erzählt, wie ich meine Frau kennengelernt habe.“

Kinder haben ein Recht auf Antworten

Immer wieder gibt es knifflige Fragen. Teresa Hofmann, Gemeindereferentin aus dem Harz, die an dem Tag auch zum Workshop nach Leipzig gekommen ist, hat das erlebt, als sie Kindern von der friedlichen Revolution in der DDR erzählte. „Ich war völlig begeistert dabei, und plötzlich fragte mich eine Zweitklässlerin: ‚Wie sehen Sie denn die Montagsdemos, die gerade in Halberstadt sind?‘“ Für Rainer Oberthür steht fest, dass man auch schwierige Fragen beantworten sollte: „Die Kinder haben das Recht darauf, dass ich mich positioniere, wenn sie mich etwas fragen.“ Seine Antwort darauf sei dann ein Angebot an die Kinder: Sie könnten darüber nachdenken und sich eine eigene Meinung bilden. Einmal habe ein Kind ihn gefragt, wer Gott erschaffen habe. „Niemand“, habe er geantwortet. „Das lasse ich dann auch nicht offen im Raum stehen. Aber ich sage dazu, dass ich mir das auch nicht richtig vorstellen kann.“ Im Zweifel keine Scheu vor klaren Antworten, ist seine Botschaft.

Wie kann man eine Diskussion über Gott überhaupt anregen, über ein Phänomen, das doch schwer greifbar ist? Rainer Oberthürs Strategie ist, mit Bildern und Worten nach Gott zu fragen und zu Antworten zu kommen. Aber: „Ich sage nie: Such dir ein Bild von Gott raus“, betont der Religionspädagoge. Stattdessen regt er an: „Suche dir ein Bild aus, das für dich etwas von Gott zeigt oder womit du anderen etwas von Gott erzählen kannst.“ Auch die Frage „Gibt es Gott wirklich?“ vermeide er. „Das ist vielleicht eine missverständliche Frage, weil sie Gott mit Dingen und Lebewesen gleichsetzt“, sagt er. Stattdessen frage er lieber: „Wie zeigt sich Gott?“

Rainer Oberthür bei einer Weiterbildung
Rainer Oberthür begeistert in seiner Fortbildung Erwachsene – und in seinem Religionsunterricht Kinder.

„Wie zeigt sich Gott?“

Seiner Erfahrung nach führe die Frage, ob Gott existiert, Kinder eher in die Irre. Auf die Frage, wo Gott sich zeigt, habe der Lehrer hingegen konkrete Antworten bekommen. Selbst von einem atheistischen Kind, das nicht glaubte, dass Gott existierte – und sich dennoch darauf einließ, nach ihm zu suchen. Diese Frage hat er auch als Grundlage genommen, um eine neue Kinderbibel zu schreiben. „Die Kinderbibel – eine Entdeckungsreise“ heißt das 2025 erschienene Buch. In acht Kapiteln können Kinder durch die Bibel reisen und entdecken, wie Gott sich in den einzelnen Geschichten zeigt. Dabei kommentiert und erklärt Rainer Oberthür auch immer wieder Absätze – eine Stütze, die auch Erwachsenen helfen kann, mit Kindern die Bibel zu entdecken.

Einer dieser Erwachsenen ist Benno Kirtzel. Der Gemeindereferent aus der Pfarrei St. Heinrich und Kunigunde in Pirna hat das Thema der diesjährigen RKW mit ausgearbeitet. In seiner Arbeit mit Kindern nutze er oft Material von Rainer Oberthür. „An dem kommt man nicht vorbei“, sagt der Referent, „da wollte ich den Menschen dahinter mal erleben.“ Deshalb ist er zum Workshop nach Leipzig gekommen. Und was lernt jemand, der selbst viel mit Kindern und Glaubensthemen zu tun hat, hier? „Ich nehme den Auftrag und die Bestätigung mit, Kinder in ihrem Glauben ernst zu nehmen, Fragen wirken zu lassen und Antworten frei zu lassen.“ Nicht immer müsse man Ziele setzen, sondern auch Freiraum sei gut. „Ich sollte nicht davon ausgehen, dass die besten Bilder von mir kommen, sondern gerade in der Glaubenssuche darauf vertrauen, dass jeder seine Worte selbst findet“, nimmt Benno Kirtzel für sich mit. Antworten auf Kinderfragen, so sagt er, habe er eh nicht immer parat: „Antworten fällt mir regelmäßig schwer. Aber Kinder schätzen es, gemeinsam auf Suche zu gehen.“ Den Raum für Fragen will er den Kindern auch bei den nächsten RKWs offen lassen.

Zukunftsfähig statt DDR-Relikt

Gerade die RKWs sind ein guter Ort, um mit Kindern über den Glauben ins Gespräch zu kommen. „RKWs sind kein Relikt aus DDR-Zeiten, sondern ein großer Schatz“, sagt Monsignore Georg Austen. Er ist Generalsekretär des Bonifatiuswerks, das die Religiösen Kinderwochen jedes Jahr finanziell unterstützt und 2019 eine Studie zu diesem Format in Auftrag gegeben hatte. Die RKW sei mehr als eine normale Kinderfreizeit, sagt er. Über Generationen hinweg habe sie Kinder und Jugendliche bis ins Erwachsenenalter hinein geprägt. Das könne auch für westdeutsche Gemeinden ein gutes Beispiel sein. Und wieso ist sie so wertvoll? „Die RKW prägt die Kinder, weil sie direkt an die Pfarreien angebunden ist, mit einem sinnvollen inhaltlichen, pädagogischen Konzept.“ Das Erfolgsrezept: Kinder erfahren gemeinschaftlich den Glauben und lernen gleichzeitig, was Gemeinde und Kirche für sie bedeutet.

Kindern so einiges zutrauen – das ist die Botschaft, die Rainer Oberthür all den RKW-Organisatoren übermittelt, die nach Leipzig gekommen sind. Und was Erwachsene nicht vergessen sollten: „Kinder finden oft auch Sachen spannend, die gar nicht explizit für sie gemacht sind“, sagt der Autor. Fragen stellen, Bilder anschauen, gemeinsam Antworten suchen – Rainer Oberthür hat die Erfahrung gemacht, dass man auf diese Weise ganz wunderbar gemeinsam über Gott und den Glauben staunen kann.

Johanna Marin
Zur Person

Rainer Oberthür ist Religionslehrer, Autor und Dozent für Religionspädagogik am Katechetischen Institut Aachen. Er hat Lehramt für die Primarstufe mit dem Schwerpunktfach Katholische Theologie in Münster studiert und zahlreiche Bücher für Kinder, Katecheten und Pädagogen veröffentlicht, um mit Kindern über Gott und die Welt zu staunen. Auf seiner Homepage veröffentlicht er Materialien und Erklärvideos: rainer-oberthuer.de

 

Buchtipps für Groß und Klein
  • Rainer Oberthür, Marieke ten Berge: Die Kinderbibel – eine Entdeckungsreise; Gabriel Verlag; ISBN 978-3-522-30751-2; 18 Euro

  • Rainer Oberthür, Marieke ten Berge: Du umgibst mich von allen Seiten – Psalmen für Kinder; Gabriel Verlag; ISBN 978-3-522-30621-8; 15 Euro

  • Rainer Oberthür, Carolin Obieglo, Andreas Obieglo: Was glaubst du? Briefe und Lieder zwischen Himmel und Erde. Mit 16 Liedern auf CD; Kösel-Verlag; ISBN 978-3-466371952; 25 Euro – Vivat-Bestellnummer 2097536

  • Katharina Karl, Arndt Büssing (Herausgeber): Quo vadis Religiöse Kinderwochen? Tradition im Wandel – Evaluierung der RKW 2019; Echter-Verlag; ISBN 978-3-429-05722-0; 16,90 Euro