Seniorenkreis in Zeitz
Vom Älterwerden
Foto: Johanna Marin
Die Luft geht rein, die Luft geht raus. Der Balg dehnt und faltet sich in schwungvollen Kurven und lässt Töne erklingen, während Günter Helgerts Finger zielsicher die Tasten seines Akkordeons drücken. Der Diakon im Ruhestand spielt für den Seniorenkreis in Zeitz, der sich im voll besetzten Pfarrsaal des Doms St. Peter und Paul versammelt hat. Günter Helgert hat den Seniorenkreis 35 Jahre lang organisiert – nun ist er selbst Teilnehmer, aber das Musizieren lässt er sich nicht nehmen.
Das „Diakon i.R.“ versteht er als „Diakon in Reichweite“, erzählt der gebürtige Egerländer und hebt lachend die Hände. Vor 46 Jahren ist er nach Zeitz gekommen, 1986 wurde er geweiht, nachdem er zuvor als Ingenieur für Bergbau und Braunkohle gearbeitet hatte. „Meine Kollegen haben mir damals einen Vogel gezeigt, dass ich zur Kirche gehe“, erinnert sich der heute 82-Jährige, „die wussten noch nicht, dass die DDR zu Ende geht.“ In Zeitz und Umgebung war er für alles mögliche zuständig: Ministranten, Religiöse Kinderwochen, Erstkommunionvorbereitung und zeitweise für Gefängnisseelsorge. Auch Beerdigungen führte er durch – über 200 seien es gewesen, erinnert er sich.
Wie ist es wohl, im Seniorenkreis nun die Seite zu wechseln, und nicht mehr zu organisieren, sondern einfach teilzunehmen? Günter Helgert zuckt mit den Schultern: „Ich bin mit alt geworden.“ Viele im Seniorenkreis würden schlecht hören. „Aber das geht uns ja auch so“, sagt er und stupst seine Frau an, die neben ihm sitzt. Sie hat sich immer darum gekümmert, dass die Tische für den Seniorenkreis hübsch gedeckt sind – nun zieht sie sich, wie ihr Mann, langsam von der Aufgabe zurück.
Einige kommen noch alleine zu den Treffen, andere werden gebracht oder von den Helgerts mitgenommen. „Man muss bedenken, dass Zeitz eine bergige Stadt ist“, sagt Günter Helgert. Viele würden sich aber selbst organisieren. Und das ist wichtig, denn der Tipp des Diakons für Alter ist eindeutig, er muss nicht lange nachdenken: „Soziale Kontakte sind wichtig! Damit die Leute erzählen können.“
Das bestätigt eine der Seniorinnen – sie kennt Günter Helgert schon lange, er hat ihr, als sie finanzielle Hilfe für eine Gemeindefahrt brauchte, unter die Arme gegriffen und in der Pfarrei um Spenden gebeten. Beim Seniorenkreis ist sie heute zum ersten Mal. Sie deutet auf ihre Sitznachbarin. „Ich war vor kurzem krank, und da hat sie mich im Krankenhaus besucht. Seitdem verstehen wir uns und sie hat mich mit hergenommen.“ Als sie ihre Geschichte erzählt, kommen ihr die Tränen. Sie wisse nicht, was sie ohne ihre neue Bekanntschaft machen würde, sagt sie. Auch die anderen Teilnehmer des Seniorenkreises sind dankbar für die Gemeinschaft – und für Günter Helgert. Der Satz „Günter ist spitze!“ fällt gleich mehrmals.
„Viele wollen noch nicht alt sein“
Dass er bei seinen Mitmenschen einen guten Ruf hat, weiß Helgert. „Ich bin ein Mensch, der auf Leute zugeht“, sagt er schlicht. Besonders die „jungen Alten“, wie er sie nennt, begrüßt er immer. „Die Schwelle, herzukommen, ist relativ groß“, erklärt er, „viele wollen noch nicht alt sein.“ Wie um die Beobachtung zu untermalen, bringt ein junger Rentner seine Eltern in den Pfarrsaal. „Na? Kommste mit, Thomas?“, ruft Helgert ihm zu, aber der Herr winkt lachend ab: „Noch nicht.“ „Der ist so einer“, sagt Helgert schulterzuckend.
Der Diakon spricht nicht viel über sich – lieber scheint er mit anderen zu sprechen, ruft den Menschen, die zum Seniorenkreis kommen, quer durch den Raum lustige Sprüche zu. Während er sein Akkorden spielt und der ganze Saal singt, stößt ein Herr sein Glas um. Alle lachen, singen weiter. „Eine Sache noch“, sagt jemand, nachdem das Lied verklungen ist. „Wieso?“, Günter Helgert zwinkert dem Herrn mit dem Glas zu, „Will noch jemand was umstoßen?“