Katholisches Gemeindeleben in Westeregeln
Das Gemeinsame formt die Gemeinde
Foto: Detlef Grau
Gottesdienst in St. Mechthild zu Ostern 2025 – unter anderem mit dem damaligen Vikar Matthäus Ruby und Pfarrer Markus Lorek.
Westeregeln kennen vermutlich nicht so viele Menschen. Der Ort im Westen des Salzlandkreises hat knapp 1600 Einwohner. 73 davon sind katholisch. In ihrer Kirche St. Mechthild findet alle zwei Wochen im Wechsel eine Sonntagsmesse und eine Wort-Gottes-Feier statt. Äußere Umstände, die anderswo genauso sind. Und doch ist diese Gemeinde besonders, denn ihr gelingt ein lebendiges Gemeindeleben.
Davon erzählte der Westeregelner Detlef Grau unserer Redaktion. Natürlich, weil er stolz darauf ist. Aber er hat noch einen anderen Grund: „Wenn wir zeigen, wie bei uns im Ort ein lebendiges Gemeindeleben möglich ist, können wir anderen Mut machen und vielleicht ein paar Ideen mitgeben.“
Er hat eine „Jahresübersicht der Aktivitäten 2026 in St. Mechthild“ dabei. Sie listet 28 Ereignisse der Gemeinde auf. Von den Sternsingern über gemeinsames Basteln, Kirchenputz, Rosenkranzgebet, Familienwallfahrt bis Taizé-Gebet und Adventssingen. Manches findet mehrmals statt, manches einmal im Jahr. Teilweise sind die Veranstaltungen über Jahre gewachsen, teils finden sie erstmals statt.
Foto: Detlef Grau
Die bekannteste und traditionsreichste Veranstaltung ist das Adventssingen. Egon Schmidtke hatte vor zehn Jahren die Idee, in St. Mechthild gemeinsam Adventslieder zu singen. Damals kamen am ersten Adventssonntag 20 Menschen in die Kirche. Deshalb wiederholten sie das Singen im Jahr darauf, wieder am ersten Sonntag im Advent. Es kamen mehr Gäste. Das ging – trotz Unterbrechung durch Corona – so weiter. Voriges Jahr füllten dann sagenhafte 120 Personen die Kirche und sangen mit.
Dabei sei es tatsächlich ein Programm mit Adventsliedern, die vielen Besuchern nicht so bekannt sind wie mancher Weihnachtsklassiker. Doch die harmonische Stimmung sorgt für Mundpropaganda und immer mehr Zuspruch: Vor der Kirche steht dann ein Pavillon. Lichter leuchten. Im Anschluss gibt es Glühwein und Plätzchen. Für viele sei das Adventssingen gesetzt und gebe den Anstoß für die Vorweihnachtszeit, erzählen Detlef Grau und Thomas Schmidtke.
Als sie hörten, dass andernorts ein Weihnachtslieder-Singen zwischen den Jahren stattfindet, überlegten sie sich das auch für Westeregeln. Aus christlicher Perspektive passt das, schließlich geht die Weihnachtszeit bis 6. Januar. Obendrein haben viele Menschen Ende Dezember Zeit. Und so steht nun im Kalender: 29. Dezember, 15 Uhr – Weihnachtslieder-Singen.
Sehen, ausprobieren, weiterentwickeln
So machen sie das in Westeregeln: Sie hören, dass etwas woanders funktioniert und probieren es selbst aus. Wenn sie Freude oder Erfüllung dabei haben, wiederholen sie es, sagen Grau und Thomas. Die beiden haben in der Gemeinde keine gewählte Funktion, betrachten sich auch nicht als Sprecher, sondern als zwei Teile des Ganzen, weder herausgehoben, noch besonders.
Foto: Julia Reinard
Für mich wirkt es aber so, als sei Detlef Grau der Netzwerker, das verbindende Element zwischen den vielen Kontakten. Denn zwei Tage vor dem Gesprächstermin vereinbaren wir ein spontanes Rosenkranzgebet. In der WhatsApp-Gruppe der Gemeinde schreibt der 64-Jährige: „Ihr Lieben, morgen kriegen wir Besuch! Der Tag des Herrn schickt eine Mitarbeiterin, um über uns in St. Mechthild zu berichten. Frau Reinard möchte auch gern den Rosenkranz mit uns beten, in der Pfarrei wird er ja am Sonntag nicht angeboten. Wer möchte, kann um 13.30 Uhr dabei sein. Es wäre schön, wenn sich der ein oder andere auch zur heiligen Zeit des Mittagsschlafes auf den Weg machen könnte.“
Sonntag, 13.30 Uhr sind – „trotz dieser ungünstigen Zeit“ (Grau) – 20 Menschen in der Kirche und beten den glorreichen Rosenkranz. Am Altar flackern Kerzen. Die Gemeinde singt kraftvoll die Lieder mit. Detlef Grau spricht einen Teil des Gebets, die Gemeinde den anderen. Manche versenken sich in ihren Rosenkranz, manche blicken zur Marienstatue.
Zum Abschied gibt es Kopfnicken und Händeschütteln. Vor der Tür wird geschwatzt. „Ist die Frau wieder gesund?“ „Wie gehts dem Auto?“ Und: „Nächstes Mal bitte wieder zu einer günstigeren Zeit.“ – Man hört die Anteilnahme, die gegenseitige Begleitung durch den Alltag. Eine Verbindung, die man von außen nur unterschätzen kann.
Örtliche Gegebenheiten sind herausfordernd
„Es wäre schön, wenn wir jetzt einen Raum hätten, in dem man spontan noch Kaffee und Kuchen machen könnte“, sagt Thomas Schmidtke. Das auf dem Grundstück befindliche frühere Pfarrhaus wurde vor Jahren verkauft. Es gibt also keinen Gemeinderaum, keine Küche und – was am schwersten wiegt – keine Toilette. Die sei aber unbedingt nötig für öffentliche Veranstaltungen. Fürs Adventssingen wird daher ein WC gemietet und vom Kirchenvorstand bezahlt, aber sie wünschen sich eine praktikablere Lösung. „Ein Traum“ wäre ein festes WC. Aktuell planen sie mit einem Container und hoffen, dass er trotz Denkmalschutz auf dem Gelände aufgestellt werden kann.
Das Rosenkranzgebet zum Besuch passte nicht nur zum Monat Oktober. Es ist fester Bestandteil im Jahresplan von St. Mechthild. Zehn Termine „Rosenkranz um geistliche Berufung“ stehen im Kalender. Denn die Gemeinde spürt die fehlenden Geistlichen. Die Westeregelner gehören zur Pfarrei St. Marien Staßfurt-Egeln. Für die Pfarrei mit ihren 1138 Gläubigen gibt es ein Pfarreileitungsteam mit dem geistlichen Moderator Markus Lorek und drei Gemeindereferenten. Acht Personen der Pfarrei sind für Wort-Gottes-Feiern ausgebildet. Daraus speist sich das angeleitete religiöse Leben.
Auch die Rosenkranzgebete begann die Gemeinde während der Corona-Zeit von sich aus. Damals hätten sie täglich in der Kirche gebetet. Wenn es besonders kalt war, kniete nur Detlef Grau in der Kirche. Die anderen beteten daheim. Inzwischen haben sie den Rhythmus zu monatlichen Gebeten gewandelt und die Stoßrichtung „um geistliche Berufung“ ist eine andere. Detlef Grau sieht hier das intensive Gebet mit der Gottesmutter als Form des Handelns der Gläubigen: „Wir haben Möglichkeiten, etwas zu tun: das Gebet.“
In der Gemeinde leben sie diesen Glauben und sie füllen ihn immer wieder neu. Sie feiern einen Faschingsgottesdienst, bei dem nicht nur Kinder sondern alle verkleidet zur Messe kommen. Sie halten eine Kreuzwegandacht. Zu Ostern wird die Kirche geschmückt, Ostereier werden versteckt.
Dieses Jahr feierten sie eine klassische Maiandacht, die ein Traum gewesen sei. 85 Menschen nahmen teil. Es gab „Weihrauch, Orgel, Bläser, Marienrufe und sakramentalen Segen“, schwärmen Grau und Schmidtke. Die Westeregelner organisierten eine Blaskapelle, einen Geistlichen – ihren früheren Vikar Matthäus Ruby – und erhielten die Monstranz ihrer Kirche zurück, die in den zurückliegenden Jahren im Klostermuseum Egeln stand. Die Monstranz ist in der Gemeinde geblieben, denn dort wird sie gern genutzt. Seitdem ist die Anbetung wieder in schönem Rahmen möglich. Und natürlich fand sie auch schon statt.
Kontakte nutzen
Die Gemeinde tut etwas, das vermutlich immer hilft: Für ihre Vorhaben nutzt jeder seine persönlichen Kontakte. So war es mit dem früheren Vikar Ruby. So geschah es auch für das Taizé-Gebet. Das veranstaltet Stefan Zeiler, Gemeindereferent in Magdeburg, an seiner Arbeitsstätte schon lange. Die Westeregelner kannten ihn von früher und fragten ihn, ob er das auch in St. Mechthild anbieten würde. Das tat er. Voriges Jahr kamen 46 Menschen, dieses Jahr waren 40 Interessierte dabei – aus katholischer und evangelischer Kirche.
Diese Nähe zu den Schwesterkirchen suchen die Westeregelner bewusst. Ihre Sternsinger waren 2026 gemeinsam mit evangelischen Kindern unterwegs, um den Segen zu verteilen. Außerdem veranstalteten sie ein ökumenisches Osterbasteln und einen ökumenischen Waldgottesdienst. Vor Weihnachten basteln sie wieder gemeinsam.
Und wer organisiert das alles? „Jeder hat seine Aufgaben“, sagt Thomas Schmidtke und meint damit wirklich jeden. Denn es gäbe 25 bis 30 sehr aktive Gemeindemitglieder. Jedes von ihnen könnte vom Westeregelner Weg erzählen und damit anderen Mut machen. Da wäre Regina, die sauber macht, Birgit und Ingrid, die bei größeren Veranstaltungen Schmalzstullen schmieren, die Organisten Viktor und Angela, die aus Nachbarorten kommen, und Katrin, die inzwischen den Kirchenschmuck übernimmt. Sie ist ein gutes Beispiel für den fließenden Übergang, den man hier praktiziert. Denn vor ihr hatte sich Brigitte um die Blumen gekümmert. Als sie die Aufgabe abgeben wollte, machte Katrin Schmidtke eine Weile lang einfach mit. So lernte sie die wichtigsten Dinge und setzt inzwischen eigene Akzente, zum Beispiel mit einem Bild aus Getreidekörnern für den Erntedankgottesdienst.
Foto: Detlef Grau
Viele Hände organisieren lebendiges Gemeindeleben
Geht es um die derben Arbeiten, packen auch viele zu. Im Frühling findet der Kirchenputz statt. Dieses Jahr wurden auch Wurzeln entfernt. Nach getaner Arbeit blieb man noch zusammen: gemeinsam etwas schaffen, dabei lachen und sich belohnend den Kuchen teilen, das verbindet immer wieder.
Weil sie wissen, dass sie sich auf ihrer Hände Arbeit verlassen können, werden sie ihre Kirche nächstes Jahr sogar renovieren. Thomas Schmidtke bringt als selbstständiger Maler viel Wissen mit, zupacken werden viele Hände. Das Material erhalten sie vom Pfarramt.
Dort ist man übrigens begeistert von der engagierten Gemeinde: „Ich bin ein Fan“, sagt der moderierende Pfarrer Markus Lorek. Es sei toll, wenn eine Gemeinde so engagiert ist, sich selbst organisiert und Initiativen startet. In Westeregeln sei man, hörte er, schon immer sehr aktiv gewesen und im Durchschnitt seien die Mitglieder auch zehn Jahre jünger als anderswo. Zugleich sieht er, dass solch ein Engagement notwendig sei, um bestehen zu bleiben.
Das ist übrigens auch der Grund für Westeregelner, so viel auf die Beine zu stellen. „Im Grunde wollen wir nicht, dass die Kirche geschlossen wird“, sagt Katrin Schmidtke. Deshalb erzählten die Gemeindemitglieder voriges Jahr auch Bischof Gerhard Feige bei seiner Visitation von all ihren Aktivitäten. Denn er hatte gesagt: Kirchen, in denen Leben ist, werden erhalten.
Und so bleiben die Westeregelner aktiv – und wünschen das auch jeder anderen Gemeinde. Ein paar Tipps zum Gelingen haben wir mit ihnen gemeinsam zusammengestellt.
Hilfreich für ein aktives Gemeindeleben
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Die eigenen Gemeindemitglieder persönlich um Unterstützung bitten – mit Thomas Schmidtkes Worten: „Man muss die Hilfe einladen.“
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Zeitig mit dem Einbinden jüngerer Gemeindemitglieder starten. Wenn eine Funktion im Team weitergegeben werden soll, kann die nachfolgende Person erst mal mitlaufen.
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Ein gemeinsamer und schnell nutzbarer Kommunikationskanal. Bei vielen ist das Whats-App oder Signal. In Westeregeln nutzen inzwischen auch Ältere dieses Medium.
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Gemeinsam etwas unternehmen. Wer Veranstaltungen organisiert, beim Putzen und Ausbessern hilft, hat auch gemeinsame Aktivitäten verdient. In Westeregeln gab es dieses Jahr das ökumenische Radeln und die Familienwallfahrt – es ging zum Kerzengießen in eine Manufaktur und mit genähten Geschenken zur diakonischen Klus-Stiftung.
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Ideen mit Geduld umsetzen; dran bleiben.
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Erfolgreiche Veranstaltungen wiederholen. Wichtige Veranstaltungen wiederholen. Nach drei Malen entsteht quasi eine Tradition. Hilfreich ist ein fester Termin, also entweder ein Datum oder ein kalendarischer Fixpunkt – erstes Adventswochenende oder jeder Donnerstag vor dem Herz-Jesu-Freitag.
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Die Ökumene suchen. Die Brüder und Schwestern im Glauben stehen vor ähnlichen Herausforderungen und sind meist offen für Neues.