Marienwallfahrtsstätte in Elende
Gemeinsames Erbe
Fotos: Dorothee Wanzek
Kaum mehr als hundert Einwohner hat das Dörfchen Elende, das nahe der Abfahrt Bleicherode an der Autobahn 38 liegt. Direkt an der Durchfahrtsstraße liegt die Dorfkirche. Schon von weitem sichtbar weist ein Schild vor dem Portal darauf hin, dass die Rosenkirche vom 1. April bis zum 31. Oktober täglich geöffnet ist.
Am Rande des schlichten Kirchenschiffs steht ein Marienbild.Davor liegen dutzende großer Kieselsteine, manche bunt bemalt. Die Feldsteinkirche ist Ziel eines Pilgerweges rund um das Dorf, ist in einer ausliegenden Broschüre zu lesen, die Pilger in der Kirche willkommen heißt: „Sie sind am Ziel des Weges und vielleicht auch ein kleines Stück auf Ihrem eigenen Weg gegangen. Entzünden Sie eine Kerze, legen Sie einen zu Ihren Gefühlen passenden Stein dazu –
Dankbarkeit, Bitte um Bewahrung, Kraft oder Hoffnung, Liebesgrüße ...“ Die unbeschriebenen Steine sind Sorgensteine, erfahren die Kirchenbesucher. Der Text ermuntert sie, ihre Sorgen Gott anzuvertrauen. Brennende Kerzen und Einträge ins Gästebuch der Kirche zeigen, dass fast täglich Kinder und Erwachsene hierherfinden und sich von den einladenden Worten und der Atmosphäre der Rosenkirche inspirieren lassen. Zu Beginn der Sommerferien können Urlauber sich hier einen Reisesegen abholen.
Katholische Vertriebene belebten Wallfahrt neu
Von der Broschüre mit geistlichen Impulsen angeleitet, können Pilger den Weg einzeln oder in Gruppen gehen. Die Idee dazu hatte Pfarrerin Annegret Steinke zu Beginn der Coronazeit. Der Weg erstreckt sich in gemütlichem Gehtempo etwa eine Stunde lang über sieben Stationen, darunter eine mittelalterliche Wegekapelle aus dem 13. Jahrhundert. Inzwischen gibt es eine etwas kürzere Variante für schneereiche Winter.
Das Marienbild ist ein Geschenk des damaligen Propstes Heinz Durstewitz. Es ist das Foto einer Marienstatue, die im Mittelalter Menschen aus aller Herren Länder in das Dorf an der alten Handelsroute zog. Die Pilgerzeichen, die es einst in der Kirche zu erwerben gab (und auch heute wieder gibt), haben Forscher der Berliner Humboldt-Universität sogar in Norwegen gefunden.
Wie es im Mittelalter auch in anderen Wallfahrtsorten üblich war, wurden die Wunder, die Pilger den Gebeten in Elende zuschrieben, in einem Mirakelbuch festgehalten. Das Mirakelbuch von Elende, eines der ältesten erhaltenen seiner Art, umfasst mehr als 400 Wunderberichte und ist im Heiligenstädter Museum ausgestellt. Die Marienstatue, die hier ab 1419 verehrt wurde, gehört heute zur katholischen Marienkirche in Heiligenstadt.
Katholiken der Region ergriffen nach dem Zweiten Weltkrieg die Initiative für die Wiederbelebung der Wallfahrt nach Elende. Die katholischen Vertriebenen aus Schlesien und dem Sudetenland verbanden mit den Wallfahrten zur Rosenkirche eine Art Heimatgefühl. Sie empfanden die Marienwallfahrt als Stärkung in schwierigen Zeiten. Sie haben bei ihren Wallfahrten eine gemalte Kopie der Muttergottes von Elende mitgeführt. Mittlerweile gibt es rund um Elende nur noch wenige katholische Christen.
Pilgerwanderung mit Weihe einer Pilgerglocke
Ökumenisch vorbereitet ist die jährliche Pilgerwanderung vom fünf Kilometer entfernten Bleicherode nach Elende. In diesem Jahr startet sie am 20. August um 12 Uhr am Bleicheröder Ökumenebaum, der im Reformations-Gedenkjahr 2017 gepflanzt wurde. Der Pilgergottesdienst in Elende beginnt um 15 Uhr. Er mündet in ein Familienfest, das größer ausfällt als gewohnt. Ein besonderer Höhepunkt ist die Weihe einer Pilgerglocke, die die Elender eigens für die Rosenkirche im badischen Neunkirchen gießen ließen. Ein zartes Rosenfries und das mittelalterliche Pilgerzeichen ziert nach einem Entwurf der Künstlerin Anke Weiß die Glocke. Interessierte haben die Möglichkeit, sich im Anschluss an den Gottesdienst einen Film des Glockengusses anzusehen. Ein weiterer Grund zu feiern ist, dass die Rosenkirche seit nunmehr 20 Jahren „offene Kirche“ ist.