Sommerserie des Kirchenboten - Teil 4
Abschalten auf dem Fahrrad
Foto: Matthias Petersen
Auf dem Haseuferweg in Osnabrück fährt Thomas Kater an jedem Morgen mit dem Rad zur Arbeit.
Ein neues Fahrrad kann ein Leben verändern. Vielleicht nicht grundlegend, aber immerhin doch so weit, dass sich sein Besitzer in Richtungen bewegt, die vorher nicht infrage kamen. Vor zwei Jahren hat sich Thomas Kater etwas zugelegt, auf das er eigentlich „frühestens mit 60“ steigen wollte – ein E-Bike. Seitdem ist der 57-Jährige aus Osnabrück-Atter 6600 Kilometer geradelt, eine Zahl, die er nicht ohne Stolz erwähnt.
Auf dem Rad fühlt er sich wohl, macht manche Tour, mal mit Freunden, mal mit seiner Frau, oft genug alleine. Auch mal zum Kaffeetrinken von seinem Wohnort aus nach Tecklenburg, ein beschauliches Städtchen kurz hinter der Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen. Aber die knapp 20 Kilometer mit der satten Steigung am Schluss lassen sich mit elektrischer Unterstützung eben besser bewältigen als mit einem herkömmlichen Fahrrad, für dessen Antrieb man ausschließlich selbst sorgen muss.
Abschalten. Für Thomas Kater ist das wichtig, und auf dem Rad gelingt ihm das besonders gut. Seit über 30 Jahren arbeitet er in Osnabrück in der Wohnungslosenhilfe, erst in der Fachberatungsstelle für wohnungslose Menschen, bald darauf als Leiter der Tageswohnung in der Bramscher Straße, die von Insidern nur TaWo genannt wird. Außerdem verantwortet er die Straßenzeitung „Abseits“, in der es um das Schicksal vieler Wohnungsloser geht und deren Verkaufserlös ihnen zur Hälfte zur Verfügung steht.
Thomas Kater steigt bei Wind und Wetter aufs Rad, selbst bei Schnee und Glatteis. Das Auto holt er nur aus der Garage, wenn was transportiert werden muss. Regenzeug hat er immer dabei, denn „man weiß ja morgens meist nicht, wie sich das Wetter am Nachmittag verhält“. Und wenn er morgens zügig am Haseufer entlang Richtung Stadt fährt, macht er sich ganz in Ruhe darüber Gedanken, was ihn im Laufe des Tages wohl erwarten könnte.
Planen lässt sich das allerdings nicht. „Es passiert viel Unvorhergesehenes, und darauf muss ich dann eben reagieren.“ Er sagt nicht, dass es Streit gibt unter den Wohnungslosen, er drückt es eher so aus: „Es geht darum, das Leben in der Tageswohnung für alle so gemeinschaftsfähig wie möglich zu gestalten.“ Deshalb gibt es Regeln. Zum Beispiel ist es verboten, in der TaWo Drogen zu konsumieren. Wer dagegen verstößt, braucht auch mal eine „klare Ansage“. Oder es muss mal eine Konsequenz gezogen werden. Vor 30 Jahren war das noch leichter, da kamen zehn bis 15 Betroffene in die TaWo. Heute sind es 70 bis 80. „Langeweile? Das Wort kenne ich gar nicht.“
Kater ist Diplom-Pädagoge, hat schon 1990 ein Praktikum in der Wohnungslosenarbeit gemacht, später seine Diplomarbeit dazu geschrieben. „Irgendwie hat es mich da immer schon hingezogen“, sagt er. Der katholische Träger der Einrichtung, die Soziale Dienste SKM gGmbH, unterhält neben der Tageswohnung und der im selben Gebäude befindlichen Fachberatungsstelle auch das Laurentiushaus, ein Wohnheim für wohnungslose Frauen und Männer. Was braucht er als Mitarbeiter, der sich immer wieder mit Menschen in prekären oder schwierigen Lebenssituationen beschäftigt? „Ich glaube schon, dass man diese Menschen mögen muss“, sagt Kater. Und Resilienz, fügt er hinzu. Die Fähigkeit, sich von dem, was er täglich an Leid erlebt, nicht umwerfen zu lassen. Schließlich Beharrlichkeit. Denn mancher Wohnungslose brauche eine längere Zeit und etwas mehr Motivationsarbeit, um Hilfe überhaupt in Anspruch zu nehmen. Nicht jeder sei in der Lage, die ausgestreckte Hand sofort zu ergreifen und die angebotene Unterstützung anzunehmen. „Das muss ich aushalten.“
Das alles verarbeitet Thomas Kater auf seinem Fahrrad, wenn der die sieben Kilometer nach Hause fährt. Seine Familie gebe ihm Stabilität, sie sei ein sehr guter Rückzugsraum, sagt er. Offenbar war er seinen Kindern dabei ein gutes Vorbild. Alle drei sind ebenfalls im sozialen Bereich berufstätig.
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