Erste Auslandsreise von Papst Leo XIV.
Aussöhnung der Kirchen: Ist die Zeit reif?
Foto: Lola Gomez/CNS photo/kna
Papst Leo spricht beim ökumenischen Gebetstreffen in Iznik. Rechts im Bild Bartholomaios I.
Mit großen Erwartungen schauten Christen in aller Welt nach Istanbul und Iznik in der Türkei. Da trafen sich hochrangige Kirchenvertreter aus Ost und West, um ein historisches Jubiläum zu begehen: das Gedenken an das Konzil von Nizäa. Dort wurde im Jahr 325 der zentrale Satz des christlichen Glaubensbekenntnisses definiert, wonach Jesus Christus Gott und Mensch zugleich ist.
Die Erinnerung an dieses Credo, das bis heute von Christen in fast allen Kirchen geteilt wird, sollte Ausgangspunkt sein für eine Vertiefung der Ökumene zwischen den getrennten Kirchen. 60 Jahre nach der Aufhebung des wechselseitigen Kirchenbanns zwischen Orthodoxen und Katholiken schien die Zeit reif zu sein für neue Ziele bei der Einheit der Kirchen.
Tatsächlich hatte die Feier am Ort des Konzils von Nizäa das Potenzial zum historischen Ereignis. Gleiches gilt für die Gesten und Ansprachen bei den Begegnungen und Gottesdiensten mit Papst Leo XIV. und Patriarch Bartholomaios I. in Istanbul. Den Ton setzte das orthodoxe Ehrenoberhaupt Bartholomaios. „Wir sind hier nicht bloß versammelt, um an die Vergangenheit und die Geschichte zu denken“, sagte er. „Wir sind hier, um denselben Glauben zu bezeugen, den die Väter von Nizäa formuliert haben.“ Der Papst sagte über das Credo: „Dieses christologische Glaubensbekenntnis ist von grundlegender Bedeutung auf dem Weg, den die Christen hin zur vollen Gemeinschaft gehen.“
Papst und Patriarch kündigten zudem an, einen gemeinsamen Ostertermin suchen zu wollen. Wegen unterschiedlicher Kalender feiern orthodoxe und katholische Christen Ostern oft an unterschiedlichen Sonntagen. In diesem Jahr fiel der Termin hingegen auf ein gemeinsames Datum. Man sei bestrebt, eine Einigung zu finden, „um jedes Jahr gemeinsam das Fest der Feste feiern zu können“, hieß es.
Einen besonderen Aspekt brachte der armenische Patriarch Sahag II. bei seiner Begegnung mit Leo in Istanbul ein. Sahag betonte, angesichts der Leiden der Christen im Nahen Osten werde die Einheit untereinander lebensnotwendig. In den vergangenen Jahrzehnten hätten die Beziehungen unter den Kirchen eine Tiefe erreicht, die einst kaum vorstellbar gewesen sei. Der Besuch von Papst Leo XIV. in Istanbul zeige der Welt, „dass christliche Einheit möglich ist, weil sie Gottes Wille ist“.
„Eine meiner Prioritäten“
Wie der Weg zu dieser Einheit aussehen kann, machten der Papst und Bartholomaios bei einem Gottesdienst in der orthodoxen Georgs-Kathedrale in Istanbul deutlich, an dessen Ende beide Kirchenoberhäupter die Gläubigen nacheinander (der Papst auf Latein, der Patriarch auf Altgriechisch) segneten und der Papst sich beim Segen des Patriarchen bekreuzigte.
In ihren Ansprachen in Istanbul bekannten sich Papst und Patriarch zum Ziel der Einheit, und sie wurden konkreter bei der Frage, welche Schritte als nächste zu tun sind. Leo bat den Patriarchen, weiterhin alle Anstrengungen zu unternehmen, damit alle orthodoxen Kirchen „wieder aktiv an diesem Engagement teilnehmen“. Er bekräftigte, dass die Förderung der Einheit „eine der Prioritäten der katholischen Kirche und insbesondere meines Amtes als Bischof von Rom“ sei. Seine Rolle bestehe darin, „allen zu dienen, um die Gemeinschaft und Einheit aufzubauen und zu bewahren und unter Achtung der legitimen Unterschiede die volle Gemeinschaft aller zu erreichen, die im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft sind“.
Damit griff Leo den von der vatikanischen Ökumene-Behörde ausgearbeiteten Vorschlag auf, das Papstamt künftig auch überkonfessionell als einen „Dienst an der Einheit der Christen“ neu zu definieren. In Istanbul wurde deutlich, dass dieser Einheitsdienst möglicherweise in brüderlicher Zusammenarbeit mit dem Ehrenoberhaupt der Orthodoxen ausgestaltet werden könne.
„Ein Geist der Brüderlichkeit“
Bartholomaios benannte zudem die theologischen Streitfragen, die noch zu klären sind – und deutete an, wie sie überwunden werden können. Er sagte, inzwischen sei ein „Geist der Brüderlichkeit, des Vertrauens und des Verstehens“ erreicht, der es „unseren Kirchen ermöglicht, in diesem kritischen Moment der Geschichte die dornigen Fragen der Vergangenheit anzugehen, um sie zu überwinden und zur Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zu gelangen“.
Dazu trage das von vielen Kirchen neu entdeckte Prinzip der Synodalität bei. Es sei eine „Quelle der Inspiration und der Erneuerung“. Er fuhr fort: „Wir können nur beten, dass Fragen wie das ,Filioque’ und die Unfehlbarkeit in einer Weise gelöst werden, dass ihr Verständnis nicht länger ein Stolperstein ist, der die Gemeinschaft unserer Kirchen blockiert.“ Unter dem „Filioque“ versteht man den Halbsatz im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist „aus dem Vater und dem Sohn“ hervorgeht. Er war der theologische Hauptgrund für die Trennung von West- und Ostkirche.
Mit dem Hinweis auf die Synodalität deutete Bartholomaios an, dass zwischen Orthodoxen und Katholiken eine ähnliche Verständigung angestrebt wird, wie sie im Rechtfertigungsstreit zwischen Katholiken und Lutheranern gefunden wurde. Dass Katholiken heute schon das Credo ohne „und dem Sohn“ sprechen dürfen, unterstreicht die Gangbarkeit dieses Weges. Ähnliches scheint sich für die Frage der Unfehlbarkeit und für den Papst-Primat anzudeuten, die künftig in einer Weise interpretiert werden sollen, die auch für andere Kirchen und Konfessionen akzeptabel ist.
Zur Sache
Nach dem Treffen von Nizäa hat Papst Leo ein noch größeres Treffen der Christen vorgeschlagen. Er regte ein Zusammenkommen aller christlichen Gemeinschaften für 2033 in Jerusalem an. Ziel solle „die vollkommene Einheit“ der Christen sein; ihre Spaltung sei ein Hindernis für die Verkündigung der christlichen Botschaft.