Fachtag in Bremen: Kritik an fehlender Finanzierung durch die Politik

Babylotsen leisten wichtige Starthilfe ins Leben

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Mutter mit Baby
Nachweis

Foto: Ana Tablas/Unsplash.com

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Die Geburt eines Kindes: eine Explosion der Gefühle und Aufgaben, die auf werdende und junge Eltern zukommen.

Auch in Bremen begleiten Babylotsinnen Mütter und Väter während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt. Sie sorgen für einen guten Start ins Leben. Die Caritas bietet das Projekt seit 2022 in Kooperation mit der Geburtsklinik des St.-Joseph-Stifts an. Mit großem Erfolg, denn eine frühe Unterstützung durch die Babylotsinnen verhindert hohe Folgekosten für die Gesellschaft.

„Und dennoch fällt es der Politik schwer, eine gesetzliche Regelfinanzierung auf den Weg zu bringen“, sagt Nicolas Haustedt, politischer Referent der Stiftung „See You“ bei einem Fachtag in Bremen zum Thema Frühe Hilfen. Das sei paradox, zumal es sich nicht um ein Erkenntnisproblem handle, so Haustedt. „Der Wert wurde verstanden: Die Bundesfamilienkonferenz hatte sich im vergangenen Jahr für eine gesetzliche Verankerung entschieden. Alle haben zugestimmt, dass Lotsendienste Baustein der Versorgung werden sollten. Dies erfolgte allerdings vor dem Regierungswechsel. Seitdem ist die Stopptaste gedrückt.“ 

Sein Bedauern äußert unter anderem ein Case-Manager, der an dem Fachtag teilnimmt. Er schildert, dass die Einrichtungen in Bremen überlastet seien. Gerade Anlaufstellen für kleine Kinder fehlten. Man wisse nicht, wo die Kinder bei einer Eskalation untergebracht werden sollten. 

Eine Umfrage des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen NZFH in Geburtskliniken hat ergeben, dass bei 15 Prozent der Geburten eine gesunde Entwicklung des Kindes gefährdet ist. Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. 76 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass psychosoziale Bedarfe gestiegen sind. Zwei Drittel der Befragten haben einen Lotsendienst. 80 Prozent von ihnen sagen, ihre Arbeit habe sich dadurch verbessert. 

Alle wollen gute Eltern sein. Viele haben jedoch Fragen, die nicht gehört werden.

Dies unterstreichen auch Mitarbeiterinnen des St.-Joseph-Stifts. Die leitende Oberärztin der Geburtshilfe, Julia Walkenhorst, bezeichnet das Projekt Babylotse als großes Glück. „Insbesondere, wenn es nicht um medizinische Fragen geht“, erklärt Walkenhorst. „Es gibt Themen, in denen ich keine Expertise habe.“ 

Referent Bremen
Nicolas Haustedt, politischer Referent der Stiftung "See You", sprach in Bremen. Foto: Caritas Bremen/Simone Lause

Bei dem Fachtag bieten die beiden Babylotsinnen der Caritas Bremen, Ulrike Deitmer und Katrin Sevim, Einblick in ihre Arbeit. Sie berichten von der Explosion der Gefühle und Aufgaben, die auf werdende und junge Eltern zukommen. „70 Prozent der Eltern managen das eigenständig“, sagt Babylotsin Katrin Sevim. „30 Prozent benötigen aber Hilfe – das ist unsere Erfahrung. Alle wollen gute Eltern sein. Viele haben jedoch Fragen, die nicht gehört werden.“ 

Die Fragen betreffen das „Eltern werden“: Schaffe ich das mit dem Stillen? Was machen wir, wenn das Kind nicht aufhört zu schreien? Wie finden wir heraus, woran es liegt? Es sind sehr viele praktische Fragen von der Anmeldung beim Standesamt bis zur Beantragung von Elternzeit, die oft an finanziellen Fragen gekoppelt ist. Es sind gesundheitliche Fragen, gerade wenn die Geburt nicht problemlos läuft. Und nicht zuletzt ist die Geburt eines Kindes auch emotional herausfordernd. Wie ist meine Rolle als Vater? Wie schaffen wir es, eine Bindung zu dem Kind herzustellen? 

Die Babylotsinnen der Caritas Bremen teilen sich eine Vollzeitstelle. Sie analysieren die Fragen, klären, planen, vernetzen über bestehende Kontakte und evaluieren. Seit vier Jahren sind sie im St.-Joseph-Stift eingesetzt und haben rund 2500 Familien begleitet, davon 250 Familien intensiv, also bis zu ein Jahr nach der Geburt. Das Sozialressort hat nach dem Auslaufen der Anschubfinanzierung durch die Stiftung die Kosten für ein Jahr übernommen. Für das Jahr 2026 gibt es leider noch keine Zusage.