Serie zum Advent

Betet! Jetzt!

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Hände beim Gebet
Nachweis

"Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"

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Foto: kna/Harald Oppitz

Advent ist die Zeit des Wartens, heißt es. Manchmal ist Warten aber gar nicht so gut, dann heißt es handeln. So ist es auch beim Beten. Wer Zeit für Gott nicht verschiebt, findet ihn unverhofft.

"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, wusste schon meine liebe Großmutter, Gott hab sie selig. Diese einfache wie lebenskluge Weisheit bestätigen heute viele Psychologen. Menschen, die unter Prokrastination leiden, im Volksmund Aufschieberitis genannt, verpulvern irgendwann mehr Zeit und Energie damit, manche Dinge nicht zu tun, als sie bräuchten, wenn sie sie erledigten. Und ich denke, so ähnlich verhält es sich zuweilen auch mit der Beziehung von uns Menschen zu Gott. 

Wer Gott in sein Leben lassen möchte, sollte ihm Zeit widmen

Irgendwann im Rahmen meiner Beschäftigung mit meinem eigenen Glauben – ich denke, bei Exerzitien im Alltag war es – dämmerte es mir. Wenn ich Gott wirklich in mein Leben lassen und ihn dort deutlicher spüren möchte, dann sollte ich Gott und dem Gebet einen festen Platz in meinem Leben zugestehen. 
Das ist salopp formuliert in etwa so wie mit der Morgentoilette. Wenn ich gepflegt aussehen und mir selbst und anderen Menschen ein Wohlgefallen sein möchte, dann sollte ich mich regelmäßig waschen und mir etwas Frisches anziehen. Und nicht erst dann, wenn ich anfange zu müffeln. Wir Männer kennen das Phänomen von unserem Bartwuchs. Wenn ich erst zu Schaum und Nassrasierer greife, wenn die Stoppeln bereits lang und hartnäckig sprießen, wird so eine Rasur nicht leichter. Im Gegenteil, es kann dann ganz schön ziepen und haken. 

Ähnlich pragmatisch sah das auch mein damaliger geistlicher Begleiter, der inzwischen verstorbene Jesuitenpater Hubertus Tommek. Entsprechend hatte er seine christliche „Glaubens- und Lebensschule“ in Berlin ein- und ausgerichtet. Kernstück der geistlichen Angebote dort waren, neben einem wöchentlichen Gebetskreis, die Exerzitien im Alltag. Nicht irgendwann bei irgendwelchen Einkehr- oder Auszeiten, sondern hier und jetzt sollten wir uns Gott zuwenden. 

Pater Tommek war überzeugt, dass dies bereits Jesus seinen Jüngern so empfohlen hatte. Sie sollten nach ihm, dem auferstandenen Christus, nicht in der Ferne suchen, sondern in Galiläa, „dort werden sie mich sehen“, wie es im Matthäusevangelium heißt. „Und dieses Galiläa war nicht irgendwo, das war der Alltag der Menschen“, hat Pater Tommek einmal gesagt. 

Ignatius von Loyola: „Gott in allen Dingen suchen und finden“

Mit dieser Empfehlung steht und stand der inzwischen verstorbene Priester keineswegs allein da. „Gott in allen Dingen suchen und finden“, lautete bereits der spirituelle Auftrag vom heiligen Ignatius von Loyola, dem Ordensgründer der Jesuiten. „Gott ist gegenwärtig“ heißt es auch in dem Kirchenlied von Gerhard Tersteegen. Deswegen müssen wir für ein gutes Gebet auch gar nicht viele Worte machen. Oft reicht es aus, sich einfach mal tief vor dem Allerhöchsten zu verneigen und zu schweigen, so Tersteegen. 

"Jeder Mensch kann und sollte sich mindestens zweimal am Tag seinem Schöpfer zuwenden. Morgens bitte und abends danke sagen“, hat mir mal ein guter Freund gesagt. „Das geht immer.“ Doch wer es ernster nimmt, darf sich gerne etwas mehr Zeit für sein persönliches Gebet oder zur Meditation nehmen. Spätestens jetzt im Advent wäre ein guter Zeitpunkt, um damit zu beginnen. 

Abendliche Tagesrückschau

Ein Weg zu einer erfüllenden Gottesbeziehung war für mich das ignatianische „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, eine Art abendliche Tagesrückschau, bei der wir vor allem den Blick auf das Gute wenden: Wo könnte Gott heute in meinem Leben gewirkt haben, wo habe ich seine Barmherzigkeit, seine Liebe und Gnade gespürt? Oder etwas einfacher: Für was bin ich dankbar?

Für mich unterscheidet sich die Beziehung zu Gott, auch wenn dieser für mich wohl nie ganz greifbar sein wird, nicht groß von der Beziehung zu anderen Menschen. Auch die Nächstenliebe sowie Freundschaften oder eine gute Nachbarschaft wollen eingeübt und gelebt werden. Wer einfach mal der alten Dame im vierten Stock die Einkäufe hochgebracht hat, wird zudem die heilende Wirkung sofort bemerken. Man steigt damit sofort aus dem eigenen Gedankenkarussell, einer gewissen Selbstbezogenheit aus, die uns ja gerne auch mal die Beziehung zum Allerhöchsten verstellt und vernebelt. 

Diesen schönen Effekt gibt es auch beim Beten. Wer nicht nur betet, wenn er Hilfe braucht, sondern auch dann, wenn etwas gut oder normal läuft, wird bald merken, wie sich seine Lebenseinstellung insgesamt zum Positiven hin verwandelt. Oder wieder mit den Worten meiner Oma ausgedrückt: „So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Versuchen Sie es mal. Jetzt.

Andreas Kaiser