Impuls zur Sonntagslesung am 31. August 2025

Bloß nicht abheben

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Theo Waigl
Nachweis

Foto:  imago/Bihlmayerfotografie

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Muss man immer vorne sitzen? Oder schmeckt es weiter hinten auch ganz gut? Theo Waigel beim CSU-Parteitag 2024

Der weise Jesus Sirach mahnt zu Bescheidenheit. Jesus rät, sich nicht immer in die erste Reihe zu drängeln. Leicht gesagt, aber was heißt das für Menschen in Führungspositionen? Der frühere Spitzenpolitiker Theo Waigel gibt Auskunft.

Es ist eine kurze Szene, die viel über Donald Trump aussagt. Seine erste Präsidentschaft. Nato-Gipfel in Brüssel im Mai 2017. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg führt die Staats- und Regierungschefs der Allianz durch das neue Nato-Gebäude. Donald Trump ist nicht in der ersten Reihe. Er drückt und schiebt sich an Montenegros Premier Dusko Markovic vorbei, bis er direkt neben Stoltenberg vor den Kameras steht, schließt sein Sakko und reckt sein Kinn stolz in die Höhe. Von Demut keine Spur.

Trump müssten bei den Lesungen dieses Sonntags die Ohren klingeln. „Bei all deinem Tun bleibe bescheiden“, heißt es in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. „Je größer du bist, umso mehr demütige dich.“ Und im Lukasevangelium mahnt Jesus: „Nimm nicht den Ehrenplatz ein, wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist.“ Sich trotz wichtiger Position nicht ständig an die erste Stelle zu setzen, sich demütig und bescheiden zu verhalten – darum geht es an diesem Sonntag.

Allerdings: Als Staatschef, Spitzenpolitiker, Bürgermeisterin, Bischof oder Managerin nicht abzuheben, ist schwierig. Oft muss man in der ersten Reihe Platz nehmen, weil man ja das Amt oder Unternehmen repräsentiert. Außerdem bringen diese Aufgaben oft auch ein gewisses professionelles und personelles Umfeld mit sich: Referentinnen, Sekretäre, Fahrer. Alles ist auf die Chefin oder den Chef abgestimmt.

Einer, der das lange Jahre erlebt hat, ist Theo Waigel. Jahrzehntelang hatte er politische Spitzenpositionen, war von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister und maßgeblich an den Entscheidungen zur Währungsunion, zur deutschen Einheit und zum Euro beteiligt. Er erzählt, was ihm schon zu Beginn seiner Berufslaufbahn der bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann mitgegeben hat: „Waigel, man muss immer wissen, wo man herkommt.“ Also bescheiden bleiben. „Ich hoffe, dass mir das so einigermaßen gelungen ist“, sagt der 86-Jährige.

„ Das Wichtigste als Politiker ist: Man muss versuchen, der Eitelkeit zu widerstehen.“

Natürlich musste er sich als Minister, als Abgeordneter oder als CSU-Vorsitzender oft in die erste Reihe setzen. Doch er nimmt auch gerne eine weniger prominente Position. „Wenn ich in die Kirche gehe, nehme ich in den hinteren Rängen Platz“, sagt Theo Waigel. Aber nicht nur dort. „Im Parteivorstand der CSU nehme ich die vorletzte Bank in Anspruch.“ Und das als Ehrenvorsitzender.

„Das Wichtigste als Politiker ist: Man muss versuchen, der Eitelkeit zu widerstehen“, sagt Waigel. Dennoch führt er seit Jahrzehnten ein Archiv mit Berichten über ihn. „Ist das Eitelkeit?“, fragt er selbstkritisch. Aber: „Wenn man bei wichtigen Weichenstellungen wie der deutschen Einheit oder europäischen Währungsunion dabei war, darf man auch stolz sein. Nicht auf sich, sondern darauf, dabei gewesen zu sein. Das ist ein Glück und ein Gefühl der Dankbarkeit. Das darf man auch verteidigen. Ich glaube, dass das nicht Eitelkeit oder Hochmut ist.“

Und wenn einem doch die eigene Bedeutung zu Kopf steigt? Dann brauche man Menschen, die einen auf den Teppich zurückholen. „Das ist meistens die Familie, meine Frau, die Kinder“, sagt Waigel. Was aus seiner Sicht noch wichtig ist: „Man muss bereit sein, Fehler einzugestehen.“ Er erzählt von einer Situation, als er dem CSU-Übervater Franz-Josef Strauß widersprochen habe. „Da war er wütend.“ Er, Waigel, habe daraufhin gesagt: „Darf ich begründen, warum ich anderer Meinung bin?“ Einige Zeit später „legt mir jemand die Hand auf die Schulter und sagt ‚Waigel, Sie haben recht gehabt‘“. Franz-Josef Strauß. „Das ist Größe“, lobt Waigel.

Ihm sei immer wichtig gewesen, Politiker anderer Parteien nicht als Feinde zu verstehen und Versöhnung zu suchen. Manchen Zwischenruf, den die Bundestagsprotokolle von ihm verzeichnen, würde er heute nicht mehr machen. „Ich bin froh, dass ich in meinem späteren Leben mit politischen Gegnern wie Helmut Schmidt oder Hans-Jochen Vogel Freundschaft geschlossen habe.“ Nach dem Ausstieg aus der Politik arbeitete Waigel in der Rechtsanwaltskanzlei seines Sohnes, setzte sich wieder selbst hinters Steuer seines Autos und lebt mit seiner zweiten Ehefrau Irene Epple auf dem Land. 

In seiner langen Laufbahn hat er viele überhebliche Menschen erlebt. „Ich kann mich nicht erinnern, dass die besonders glücklich waren“, sagt Waigel. Sich über andere zu erheben, „mag einen Moment ein Gefühl der Befriedigung geben. Aber es hilft nicht zur Lebenszufriedenheit.“

Vielleicht waren es die Jahre in der katholischen Jugendarbeit oder die Spiele auf dem Fußballplatz mit Freunden, die Waigels Einstellungen geprägt haben. „Der Umgang mit unglaublich vielen verschiedenen Charakteren, mit dem Maurergesellen, dem Bauernbub oder dem kaufmännischen Angestellten“ habe ihm viel gegeben, sagt er. „Die Freundschaften bestehen zum Teil heute noch.“ Im Fußball habe er gemerkt: „Hoppla, schau auf die anderen. Die sind genauso wichtig wie du. Das hilft, nicht übermütig zu werden.“

Heute ist es als Politiker noch schwieriger, nicht abzuheben. Ständig muss man sich in den sozialen Netzwerken präsentieren. Wer sich immer in die letzte Reihe setzt, wird keine Wahlen gewinnen. Aber die Zahl der Follower sagt nichts über den Wert eines Menschen. „Mir hat mal ein bayerischer Spitzenpolitiker stolz gesagt, dass er jetzt über 500 000 Follower habe“, sagt Waigel. Er habe entgegnet: „Jesus Christus hatte nur zwölf und nur auf elf konnte er sich richtig verlassen. Und er hat es trotzdem zur Weltgeltung gebracht.“ Das habe den Spitzenmann sehr nachdenklich gemacht. Sein Name? Markus Söder.

Ulrich Waschki