Andreas Schowe über seinen Berufsalltag
Chefkoch im Alten- und Pflegeheim
Foto: Thomas Osterfeld
Von den Senioren habe er viel gelernt, sagt Andreas Schowe. Der 58-Jährige kocht im Osnabrücker Paulusheim.
Das Schild hängt gleich neben der Bürotür. Weiße Schrift auf blauem Grund: „Männer, die kochen, sind unwiderstehlich.“ Wer zu Andreas Schowe will, muss an diesem Zitat vorbei. Im Outfit des Kochs sitzt der 58-Jährige auf seinem Schreibtischstuhl und tippt auf der Tastatur seines Computers. Dienstpläne wollen geschrieben, geleistete Tätigkeiten dokumentiert werden. Kochen mag Männer unwiderstehlich machen, Verwaltungsarbeit eher nicht.
Andreas Schowe war zwölf Jahre alt, als er wusste: Restaurantfachmann oder Kellner, eins von beidem wollte er mal werden. Die Eltern hatten es vorgemacht, sie betrieben in Bad Laer eine Bauernstube, wo der Heranwachsende seine ersten Schritte im Traumberuf gehen konnte. Und auch der große Bruder zeichnete den Weg vor; er hatte Koch gelernt.
1984 begann auch er die Ausbildung. „Kellner kannst du immer noch lernen“, hatte der Bruder gesagt. Die Zeit war wie ein Scheuersack – sich hinten anstellen, nach dem Rat der Mutter erstmal den Mund halten. Unbequeme Arbeitszeiten akzeptieren. Um 9 Uhr anfangen und nach drei Stunden Pause am Nachmittag wieder bis in die Nacht aktiv sein. Als „herausfordernd und spannend“ bezeichnet er diese Phase, vor allem, wenn man nicht in Norm oder Raster passt – „und ich passe eigentlich selten in Norm und Raster“.
Schön muss es aussehen.
Vielleicht gerade deshalb brauchte er nach der Ausbildung Abstand. Ging zur Bundeswehr, absolvierte eine weitere Ausbildung zum Industriekaufmann – um dann doch in den Beruf zurückzukehren. 1994 suchte das Osnabrücker Paulusheim, ein Alten- und Pflegeheim, einen Koch. Schowe bekam den Posten – und hatte erstmal Anpassungsprobleme. Im Hotel hatte er gelernt, nur die feinsten Sachen zu verwenden, vom Salat nur das Herz zum Beispiel. Die Reaktion der Heimbewohner war für ihn überraschend: „Kochen Sie weniger, werfen Sie nicht so viel weg. Wir kennen noch den Mangel, den Hunger.“ Heute sagt Schowe: „Wir haben uns dann zusammengerauft.“
Ein paar Schritte nur, dann ist Andreas Schowe in der Küche. Nur wenige haben hier Zutritt, denn Hygiene steht in der Liste der Anforderungen ganz oben. In einem Ofen gart gerade Gemüse. Heute gibt's eine Mischung aus Erbsen, Möhren und Brokkoli. In einem anderen Raum werden schon die Aufschnittplatten für das Abendessen belegt. Der Chef hilft mit, geht ins vier Grad kalte Kühlhaus, holt in Folie eingeschweißte Wurstscheiben heraus, schlitzt mit einem scharfen Messer die Verpackung auf, nimmt den Inhalt mit flinken Fingern heraus. „Schön muss es aussehen“, sagt er und ist sich für diese einfache Arbeit nicht zu schade. Für ihn zählt das Team, er selbst muss nicht immer vorne stehen.
Vorne stehen – das müssen die Auszubildenden bei Andreas Schowe ohnehin lernen. So wie er es selbst gelernt hat, damals im Hotel. Der Koch muss ran an den Kunden, den Gast oder den Bewohner, muss sich die Reaktionen anhören, muss es aushalten, dass einige der alten Leute meckern – auch mal derbe Sprüche vom Stapel lassen. Manches mag zum Krankheitsbild des Bewohners gehören, muss aber trotzdem ausgehalten werden. Auch dabei hilft der Chef. Er weiß: Das Essen ist entscheidend für das Wohlgefühl der Senioren.
Erzählt Andreas Schowe aus seinem Leben, ist seine Mutter oft präsent. Sie hat ihm viele Weisheiten fürs Leben mitgegeben, die er heute gerne und aus Überzeugung an seine Mitarbeiter weitergibt. „Kann ich nicht, gibt es nicht“ zählt auf jeden Fall dazu. Für Schowe kein billiges Sprücheklopfen. Er sucht lieber nach dem tieferen Sinn solcher Aussagen.
Kochen in der Karwoche für Priester und Diakone
Dass er in einem kirchlichen Haus arbeitet, ist eigentlich eher Zufall. Dass er mit seinem damaligen Chef sogar verschwägert war, wurde ihm erst am dritten Arbeitstag bewusst. Für andere da zu sein, ihnen zu helfen, ist für ihn selbstverständlich. Ob dem Bruder zu Hause, der inzwischen das Lokal der Eltern übernommen hat, ob dem Auszubildenden in der Küche, ob dem Senior mit Hilfebedarf – gerade im Altenheim kommt ihm diese Einstellung zugute. „Dem Nächsten etwas Gutes tun und den Kranken helfen, das ist ein Grundsatz von Kirche. Und das leben wir hier schon sehr intensiv.“
Im Laufe der Jahre hat sich die Küche des Paulusheims weiterentwickelt. Mal wurde in den zum Altenheimverbund gehörenden Häusern geholfen, mal in anderen kirchlichen Einrichtungen wie dem Priesterseminar. Wenn sich alljährlich am Montag der Karwoche Priester und Diakone in Osnabrück treffen, sorgt das Team nicht nur für das Mittagessen, sondern auch für das richtige Ambiente. Die Geistlichen sitzen in einer Schulaula dann an liebevoll hergerichteten Tischen. Und Schowes jungen Arbeitskollegen können jemanden wie den Bischof aus der Nähe erleben, auf dass er nicht mehr eine abstrakte Person ist, weit weg in einem großen Haus. Auch das ist für ihn Kirche. Genauso wie der Kontakt zu den jungen indischen Ordensschwestern, die im Paulusheim tätig sind und die der Koch einige Zeit im Auto mitnahm. Wenn sie ihm sagten, dass sie für ihn beten, „dann hat mir das Kirche und Glauben noch einmal ganz anders nahegebracht“.
Und was kommt auf den Tisch, wenn es zu Hause bei Schowes mal etwas Besonderes geben soll? „Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl“, sagt der Vater von drei Kindern. Oder ein Spießbraten mit Kartoffeln und frischem Blumenkohl. Nur beim klassischen Mousse au Chocolat gibt's inzwischen ein Problem. Wegen der Mengen, die Papa zubereitet. „Sie sagen: Gegen diese Dimensionen kommen wir nicht mehr an.“