Vatikan: Einsatz für Religionsfreiheit
Damit alle in Frieden leben
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2019: Papst Franziskus und Ahmad al-Tayyeb, Großscheich der al-Azhar-Universität, umarmen sich bei einem interreligiösen Treffen in den USA.
„Aus dieser ganz schädlichen Quelle des Indifferentismus erfloss jene absurde und irrige Ansicht oder noch richtiger: der Irrsinn, dass jedem Menschen Gewissensfreiheit zuzugestehen und zu garantieren ist.“ Das schrieb Papst Gregor XVI. 1832 in seiner Enzyklika „Mirari vos“. Und er legte noch nach: „Zu diesem höchst pestilenten Irrtum bereitete jene volle und uneingeschränkte Meinungsfreiheit den Weg, die zum Schaden von Kirche und Staat allüberallhin ausgebreitet wird.“
Irgendwie kann man den Mann ja verstehen. Er blickte auf eine goldene Vergangenheit zurück, in der die Kirche – oft im Verbund mit der Obrigkeit – die absolute und uneingeschränkte Macht hatte. Es tut weh, wenn man die abgeben muss. Zumal, wenn die Andersdenkenden mit Gewalt vorgehen, wie etwa in der Französischen Revolution, als Kirchen geschleift und Ordensleute ermordet wurden. Und wenn man zudem – wie die Kirche – ganz sicher ist, alleiniger Hüter der Wahrheit zu sein.
Gregors Nachfolger Pius IX. (1846–1878) lag auf derselben Linie. Er musste 1848 den Aufstand gegen die Papstmonarchie erleben, in dessen Folge er aus dem Vatikan flüchten musste. Als Folge veröffentlichte er 1864 den sogenannten Syllabus, eine Liste von 80 Thesen, die als falsch verurteilt wurden. Darunter „die bürgerliche Religionsfreiheit sowie die volle, für alle gewährleistete Befugnis, frei und offen irgendwelche Meinungen und Gedanken kundzutun“.
Papst Leo XIII. (1878–1903) versuchte zwar, die Kluft zwischen Kirche und Kultur zu überbrücken – zu den Freiheitsrechten hatte er aber ebenfalls eine klare Meinung. So würden „lügenhafte Meinungen, die größte Pest des Geistes, mit Recht von der Obrigkeit unterdrückt“, schrieb er 1888 in seiner Enzyklika „Libertas paestantissimus“. Das gelte insbesondere für die Religionsfreiheit, wenn sie sich gegen die Wahrheit richte, die allein in der katholischen Kirche zu finden sei. Die Rechte dieser Wahrheit, so schrieb er 1902, stünden höher als die Freiheit, denn „die Gesetze Gottes stehen höher als Menschenrechte“.
Zwei Weltkriege später war nichts mehr, wie es vorher war. Die Demokratie, die von der Kirche zuvor bekämpft worden war, hatte sich nicht nur praktisch, sondern auch moralisch durchgesetzt. Das führte zu einem Umdenken – zunächst bei einigen, dann bei vielen. Aber längst nicht bei allen. Zudem hatte das Trauma des Holocaust dazu geführt, dass erst einige, dann viele, aber keineswegs alle ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere zum Judentum, überdachten.
Jede und jeder soll seinen Glauben ungehindert leben können
Das war die Gemengelage, als 1962 das Zweite Vatikanische Konzil zusammentrat. Religionsfreiheit war dabei eines der umstrittensten Themen, die Bruchstelle zwischen Traditionalisten und Reformern. Dass 70 der knapp 2400 Bischöfe gegen die Erklärung über die Religionsfreiheit stimmten, mag wenig erscheinen. Tatsächlich war es aber viel – ähnlich wie beim verwandten Thema „Das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen“ (88 Gegenstimmen).
Der Text formulierte erstmals sehr klar, dass niemand „daran gehindert werden darf, gemäß seinem Gewissen zu handeln, besonders im Bereich der Religion“. Es geschehe ein Unrecht, „wenn jemandem die freie Verwirklichung der Religion in der Gesellschaft verweigert wird“. Das gelte für jede Gesellschaft und für jede Religion, nicht nur für die christliche. Denn die Grundlage dieser Lehre liege „in der Würde der Person“.
Dass Religionsfreiheit obendrein wichtig für das Zusammenleben der Menschheitsfamilie ist, hat das Konzil auch schon erkannt: „Denn es ist eine offene Tatsache, dass alle Völker immer mehr eine Einheit werden, dass Menschen verschiedener Kultur und Religion enger miteinander in Beziehung kommen.“ Damit diese Beziehungen sich friedlich gestalten, sei Religionsfreiheit „überall auf Erden erforderlich“.
Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. lehnt die Erklärung bis heute ab. Sie sei ein Bruch mit der Tradition – was faktisch stimmt. Aber das ist auch gut so.
Zweites Vatikanisches Konzil - Erklärung über die Religionsfreiheit:
» Denn es ist eine offene Tatsache, dass alle Völker immer mehr eine Einheit werden, dass Menschen verschiedener Kultur und Religion enger miteinander in Beziehung kommen. «