Impuls zur Sonntagslesung am 2. August 2026
Römerbrief: Mehr Vertrauen geht nicht
Foto: pixelio.de/Dude
Gott geht mit, ob wir es spüren oder nicht. Davon ist nicht nur Paulus überzeugt.
Vor ungefähr zwei Jahren war ich bei einer Beerdigung. Eine alte Dame war gestorben, über 90 Jahre alt. Ich war als Lektorin eingesetzt – für genau die Lesung aus dem Brief an die Gemeinden in Rom, die an diesem Sonntag verkündet wird. Die alte Dame habe den Text selbst ausgesucht, hieß es. Er sei schon seit vielen Jahren einer ihrer Lieblingstexte gewesen.
Wer über 90 ist, hat sicher einiges mitgemacht. Schönes, aber auch Trauriges, Schmerzhaftes. Damit rechnet auch Paulus in seinem Brief. Er schrieb ihn wohl im Winter 56 oder im Frühjahr 57 auf seiner dritten Missionsreise. Bis dahin hatte er schon viel erlebt: Schönes, wenn er Erfolg hatte mit seiner Predigt, wenn er Freundschaften schloss in den jungen Gemeinden. Aber auch Übles: Er wurde aus Ortschaften vertrieben, ihm wurde Prügel angedroht, er wurde mehrfach verhaftet; später würde er noch Schiffbruch erleiden – buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Und er erlebte, dass Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, ausgegrenzt oder sogar getötet wurden.
Und doch konnte Paulus schreiben: „Ist Gott für uns,wer ist dann gegen uns?“ Und: „Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Mehr Vertrauen geht nicht.
Aber ist das mehr als eine starke These? In der Kirche ist es ja oft so: Es wird in der Predigt behauptet, dass Gott durch die tiefsten Täler mitgeht. Aber stimmt das wirklich? Fühlen wir es? Eine Freundin, die einen schweren Verlust erlitten hat, sagte einmal: „Da geht man jahrzehntelang Sonntag für Sonntag in die Kirche, aber wenn man Gott einmal wirklich braucht, ist er nicht da!“
Mich hat diese Aussage beeindruckt – vor allem wegen der Ehrlichkeit, die aus ihr spricht. Sie zeigt mir, dass steile Behauptungen manchmal nicht reichen, auch wenn sie von Paulus stammen. Im Gegenteil könnten sie ein schlechtes Gewissen machen: Wenn ich Gottes Nähe nicht spüre, na, dann muss es wohl an mir liegen. Dann genügt mein Glaube wohl nicht. Dann mache ich etwas falsch.
Mehr Kopf als Bauch
Und Paulus? Man kann in ihn nicht hineinschauen. Alles, was wir kennen, sind seine Briefe, in denen er den Glauben der jungen Gemeinden stärken wollte. Eigene Zweifel oder innere Not hätten da keinen Platz gefunden, selbst wenn er welche gehabt hätte. Vielleicht hat aber auch diese eine umwerfende Begegnung mit Jesus, damals vor Damaskus, für das ganze Leben gereicht.
Die meisten von uns hatten eine solch umwerfende Gottesbegegnung aber nicht. Wie sollen wir also damit umgehen, wenn die Überzeugung „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“ wankt, wenn wir sie nicht mehr spüren?
Vielleicht, indem wir sie als Versprechen lesen, das unser Gefühl nicht zwingend bestätigen muss, das mehr Kopf ist als Bauch, mehr Wollen als Emotion. So, wie wir es auch aus dem Alltag kennen: Wir glauben vom Kopf her, dass die Erde eine Kugel ist und sich ständig dreht – obwohl sie sich ziemlich flach und ziemlich unbeweglich anfühlt. Wir sind vom Kopf her überzeugt, dass der Flieger sicher landen wird, obwohl der Bauch gerade Saltos schlägt. Wir schlafen ruhig in dem vernünftigen Wissen, dass nach der Nacht wieder Tag wird und dass wir nach dem Flug wieder Boden unter den Füßen haben werden.
So ähnlich kann es mit Gott sein. Auch wenn der Tod uns trifft, wenn Mächtige das Glauben schwer machen, wenn Gegenwärtiges oder Zukünftiges uns zweifeln lässt, wenn wir in Höhen des Lebens Gott vergessen und ihn in Tiefen nicht finden, wenn uns andere Menschen den Glauben erschweren, weil sie unglaubwürdig sind oder Missbrauchstäter, wenn so etwas passiert und wir Gott subjektiv nicht mehr spüren – dann kann uns doch objektiv nichts scheiden von der Liebe Gottes. So, wie die Erde sich trotzdem dreht, ist er trotzdem da.
Sicher kennen Sie die Geschichte von dem Menschen, der nach seinem Tod gemeinsam mit Gott auf seinen Lebensweg zurückschaut. Meist sind zwei Spuren zu sehen, seine und Gottes. Doch in den ganz schwierigen Zeiten des Lebens fehlt eine Spur, und als der Mann deshalb Gott Vorwürfe macht, wie er ihn gerade da habe verlassen können, hört er: „In diesen Zeiten habe ich dich getragen.“ Denn auch wenn wir es gerade nicht spüren: Objektiv kann uns nichts scheiden von der Liebe Gottes.