Osnabrücker leistet Hilfe für die Ukraine

„Das geht mir ans Gemüt“

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Ein Mann steht in einer Garage, hinter ihm Regale gefüllt mit Gegenständen
Nachweis

Foto: Matthias Petersen

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Wieder eins: Josef Strunk hält ein Erste-Hilfe-Paket in den Händen. In der Ukraine wird der Inhalt schon erwartet.

Josef Strunk war es leid, vermeintlich nichts für die Menschen in der Ukraine tun zu können, die unter dem Krieg leiden. Dann kam ihm die Idee mit den Erste-Hilfe-Kästen. Seitdem steckt er andere mit seiner Hilfsbereitschaft an.

Wenn Josef Strunk ein Gespräch führt, fällt über kurz oder lang der Begriff „Erste-Hilfe-Kasten“. Und in der Folge wird der Gesprächspartner wahrscheinlich im Kofferraum seines Autos nachsehen, welches Ablaufdatum der Erste-Hilfe-Kasten trägt, der auch Verbandskasten genannt wird. Josef Strunk weiß sicher, dass der Inhalt nach Ablauf nicht unbrauchbar ist. Er sammelt solche Kästen, um das darin befindliche Verbandsmaterial in die Ukraine zu liefern. Und ist überzeugt: „Wie alt die Sachen sind, ist dem Soldaten im Feld egal.“

Ein Mannsitzt auf einemStuhl, hinter ihm im Raum Regale gefüllt mit Gegenständen
Josef Strunk in seinem Arbeitszimmer. 
Foto: Matthias Petersen

Vor zwei Jahren hat Josef Strunk damit begonnen, diese kleinen Kästen zu sammeln. Er saß abends auf dem Sofa, sah die Bilder aus dem Kriegsgebiet – und wollte sich nicht mit dem Gedanken abspeisen lassen, doch nichts tun zu können. Als sich in seiner Pfarrei St. Elisabeth in Osnabrück ein Ukraine-Ausschuss bildete, war er dabei. Denn schon seit 2016 unterstützte er Flüchtlinge aus Syrien, andere Gemeindemitglieder waren dadurch auf ihn aufmerksam geworden. 

Und bald nutzte er seinen Bekanntheitsgrad im Stadtteil Hellern, verteilte Flyer in Briefkästen und in Geschäften. Seitdem findet er morgens vor seiner Haustür oft Hilfsmittel, die er in seiner Garage zwischenlagert. „Viele Menschen schenken mir ihr Vertrauen, dass ich dafür sorge, dass die Sachen auch tatsächlich in die Ukraine gelangen.“ Anfangs war das nicht selbstverständlich, inzwischen hat er Kontakt zu anderen Hilfsgruppen, mit denen er kooperiert. 

Gefragt nach seiner Motivation, zählt er gleich mehrere Fakten auf: seine katholische Erziehung, sein christliches Menschenbild. Dann die Tatsache, dass er als Diplom-Psychologe rund 40 Jahre mit behinderten Menschen gearbeitet hat, „also mit Leuten, denen es ohnehin nicht gut ging“. Aber dann erwähnt er auch die Sache mit seinem Vater.

Vier Tage lang schleppten ihn die Kameraden durch das Feld

Es ist der 25. Januar 1945, da erleidet Strunk Senior bei einem Rückzugsgefecht im Osten einen Kopfschuss. Vier Tage lang schleppen ihn seine Kameraden durchs Feld, bis endlich ein Sanitätszelt erreicht ist, wo er operiert werden kann. „Er hat überlebt; ich bin erst sieben Jahre später geboren“, sagt Strunk und ergänzt: „Meine Existenz hing also an wenigen Millimetern.“ So kommt er zurück auf das möglicherweise abgelaufene Verbandsmaterial in den Erste-Hilfe-Kästen: „Dem Soldaten in der Ukraine ist es egal, und es wäre meinem Vater auch egal gewesen.“

Über einen Zeitungsbericht hat Josef Strunk Kontakt bekommen zu weiteren Hilfsinitiativen in Berge (Landkreis Osnabrück) sowie Lotte und Ibbenbüren (Nordrhein-Westfalen). Dort kann er jetzt seine Hilfsgüter für den Transport unterbringen. Das klappt nicht immer sofort, erst muss genug Geld da sein für den Lkw und den Sprit. Zwei oder drei Monate können da schon mal vergehen. Rund 140 Unterstützer hat er in seinem Postverteiler, sie alle bekommen eine Nachricht, wenn es Bilder gibt von einem Transport, der sein Ziel erreicht hat. 

Ein Dankschreiben in Ukrainisch und Deutsch

Kürzlich hat er ein Dankschreiben bekommen von einer Ansprechpartnerin in Charkiw – in Ukrainisch und Deutsch. Dazu eine Plakette, die jetzt in seinem Arbeitszimmer hängt. „Das war schon heftig und es geht mir ans Gemüt“, sagt er und muss plötzlich schlucken, ohne sich für die Emotionalität zu schämen. „Aber das ist doch ein Moment, in dem ich merke: Die ganze Aktion lohnt sich. Die Menschen, die die Hilfsgüter bekommen, wissen das wertzuschätzen.“

Zwei bis vier Stunden täglich hat Josef Strunk mit der Arbeit zu tun. Er macht es gerne. Und er hat Zukunftspläne. Gerne würde er Menschen in der Umgebung kennenlernen, die genauso ticken, wie er, von denen er aber nichts weiß. Egal, wie weit entfernt sie leben. Ob in Hildesheim, Hamburg oder Schwerin. Oder gleich um die Ecke. „Osnabrück hat 23 Stadtteile, da wäre es doch schön, wenn sich in jedem Ort jemand engagieren würde.“ Wer mag, kann ihn per E-Mail erreichen und mit ihm Erfahrungen austauschen.

Und dann ist da noch die Sache mit der Garage. Die hat eine Normgröße und ist manchmal komplett zugestellt mit Rollstühlen, Rollatoren oder Gehhilfen. Eine größere Alternative im Süden der Stadt wäre schön. Damit noch effektiver geholfen werden kann.

Matthias Petersen

Josef Strunk hat großes Interesse daran, sich mit anderen Hilfsprojekten für die Ukraine zu vernetzen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem sucht er im Süden Osnabrücks nach einer größeren Garage. Er ist erreichbar per E-Mail: josef.strunk@osnanet.de