Wo ist Heimat?

Das Herz ist in der Ukraine

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Ukrainische Geflüchtete
Nachweis

Foto: Thomas Osterfeld

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Tetiana Babenko lebt seit vier Jahren in Osnabrück. In der ukrainischen Gemeinde arbeitet sie ehrenamtlich mit und kocht für Gäste. Zum Beispiel Golubzi, eine Spezialität aus Kohl, Fleisch und Gemüse.

Was bedeutet Heimat für Menschen mit ausländischen Wurzeln? Ist sie ein bestimmter Ort oder eher ein Gefühl? Wir haben nachgefragt. Tetiana Babenko aus der ukrainischen Gemeinde in Osnabrück hat uns ihre Geschichte erzählt.

Nach dem Sommerurlaub, auf der Rückreise nach Osnabrück, breitet sich plötzlich ein warmes Gefühl in ihr aus. „Ich komme nach Hause“, denkt Tetiana Babenko und ist selbst überrascht. Ein Zuhause, auf das sie sich freut – es ist wieder möglich, nachdem sie Mariupol verlassen musste. Mariupol, vor dem russischen Angriffskrieg eine pulsierende Hafenmetropole am Asowschen Meer, hat sich im März 2022 bereits in eine Hölle verwandelt, als der Familie die Flucht aus der umkämpften Stadt gelingt. Fünf Tage sind Tetiana Babenko, ihr Mann, ihre beiden Töchter und ihre Eltern unterwegs, bis sie erschöpft in Deutschland ankommen.

Tetiana Babenko hat russische und ukrainische Wurzeln. Als Fünfjährige zieht sie mit ihren Eltern nach Mariupol. Das ist ihre Heimat – der Ort, „an dem ich aufgewachsen bin und prägende Erfahrungen gemacht habe“. Sie spricht leise und aufgeregt – entschuldigt sich, dass sie vieles noch nicht perfekt in deutsche Worte fassen kann.

 

Geflüchtete Ukraine
Tetiana Babenko fühlt sich in Osnabrück zu Hause. Foto: Anja Sabel

Der Krieg geht ins fünfte Jahr, und Tetiana Babenko spürt ihn noch jeden Tag. Sie verfolgt die Nachrichten, sorgt sich um Freunde und Angehörige, denkt an verlorenes Eigentum und zerstörte Zukunftspläne. „Ich lebe zwei Leben“, sagt sie. Das Herz ist in der Ukraine, aber der Alltag findet in Deutschland statt. Anfangs ist die Hoffnung noch groß, zurückkehren zu können. Inzwischen schätzt sie die Situation realistischer ein. Mariupol ist längst russisch besetzt. Und selbst, wenn es nicht so wäre: „Wir können uns nicht vorstellen, ein weiteres Mal ganz von vorn anzufangen“, sagt die 52-Jährige. Die Familie hat sich ein neues Leben aufgebaut – mit eigener Wohnung, festen Arbeitsstellen, neuen Freundschaften; die beiden Töchter gehen aufs Gymnasium. Sie hat so manche Hürde genommen, Hilfe und Solidarität erfahren. Dafür sind alle dankbar.

Wer fliehen muss, erlebt einen Zusammenbruch seiner privaten Welt. Um diese Welt wieder aufzubauen, braucht es einen verlässlichen Rückzugsort. Das ist für Tetiana Babenko die ukrainische griechisch-katholische Gemeinde in Osnabrück – ein Ort des Gebets, der Begegnung, des gegenseitigen Trostes. Ein Stück Heimat, welches das Trauma des Verlusts nicht auslöschen, aber den Schmerz lindern kann. Regelmäßig werden Gottesdienste im byzantinischen Ritus gefeiert, und es gibt kulturelle Angebote in der Stadt, die Tetiana Babenko gern nutzt und zum Teil ehrenamtlich mitgestaltet: ein Freiwilligen-Café mit ukrainischer Küche, Chöre, ein Theaterstudio, muttersprachlicher Unterricht für Kinder.

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Die ukrainische Gemeinde in Osnabrück: ein Stück Heimat, das den Schmerz des Verlusts lindern kann. Foto: Thomas Osterfeld

Wer bin ich im fremden Land? Kann ich mich in Deutschland zu Hause fühlen und trotzdem Ukrainerin sein? Solche Fragen beschäftigen Tetiana Babenko. Inzwischen hat sie verstanden: „Ich muss mich nicht für eine Seite entscheiden.“ Darin bestärkt hat sie der Priester Myron Molczko. Er war bereits im Ruhestand, als er vorübergehend wieder voll in die Seelsorge einstieg – und den Geflüchteten aus der Ukraine Mut machte: Heimat ist nichts Eindeutiges. Sie kann der Ort sein, an dem wir aufgewachsen sind, der unseren Charakter und unsere Wertvorstellungen geprägt hat. Heimat ist aber auch ein Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit. „Wahrscheinlich habe ich mich deshalb nach meinem Urlaub wieder auf Osnabrück gefreut“, sagt Tetiana Babenko und lächelt.
 

Anja Sabel

Zur Sache

Der bundesweite „Tag der Heimat“ ist in diesem Jahr am 13. September. Er geht zurück auf die Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen am 6. August 1950 in Stuttgart und erinnert an das Schicksal von Millionen deutscher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg und den Einsatz für Völkerverständigung. Lesen Sie dazu auch unsere Kolumne.

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