Wie "missio" für das Recycling von Elektroschrott wirbt

Das Mahnmal aus der Vorhölle

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Gregor von Fürstenberg zeigt Kreuz
Nachweis

Foto: kna/Harald Oppitz

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Gregor von Fürstenberg, Vizepräsident von missio, zeigt das Kreuz, das der ghanaische Recyclingkünstler Idris aus einer kaputten Klimaanlage gefertigt hat.

Von einer Müllkippe in Ghana hat Gregor von Fürstenberg ein Kreuz aus Elektroschrott mitgebracht. Ein deutscher Künstler veredelt es, dann soll Papst Franziskus es segnen. Mit dem Kreuz will der Vizepräsident von missio Aachen für eine Recyclingwende in Deutschland werben.

Noch nie, sagt Gregor von Fürstenberg, hätten seine Schuhe so sehr gestunken wie nach diesem Tag im September vergangenen Jahres. Sie rochen nach Ruß, Chemie, Fäkalien – wochenlang. Von Fürstenberg, der Vizepräsident des katholischen Hilfswerks missio Aachen, war durch eine Pampe aus Müll, verbrannten Kabeln und stehendem Toilettenwasser gestapft. Er sah, wie Kinder mit der Pampe spielten und sie in den Mund nahmen. Er sah giftigen schwarzen Rauch aufsteigen, Altöl und Batterieflüssigkeit im Boden versickern – und Männer in dem Müll mit bloßen Händen nach allem buddeln, was sie verkaufen können: Aluminium, Kupfer, Eisen. „Eine Vorhölle“ sei das gewesen, sagt von Fürstenberg, ein Ort ohne Regeln, „barbarisch, ekelhaft, bedrückend“.

Recyclingkünstler Idris
Recyclingkünstler Idris hat das Kreuz hergestellt.
Foto: kna/Harald Oppitz

Die Erinnerungen an die illegale Müllkippe Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra gehen von Fürstenberg bis heute nicht aus dem Kopf. Die Berge von Computern, Tastaturen und zerbrochenen Bildschirmen, von Klimaanlagen und Kühlschränken. Sie sind für ihn „die Schattenseiten unserer modernen Konsumwelt“. Er sagt, in Deutschland sammele sich viel Elektroschrott an, der nicht recycelt und dann illegal nach Afrika exportiert werde.

Von Fürstenberg will, dass sich das ändert. Aus Accra hat er ein Symbol mitgebracht, das dabei helfen soll: ein Kreuz aus Messing, das der ghanaische Recyclingkünstler Idris aus einer kaputten Klimaanlage gefertigt hat. Der deutsche Künstler Till-Martin Köster veredelt dieses Kreuz jetzt. Er integriert Elemente von alten Smartphones auf einer Seite des Kreuzes in Harz oder Plexiglas, zusammen mit kleinen Originalfotos von der Elektroschrotthalde. So soll das Kreuz eine Brücke zwischen Afrika und Deutschland schlagen – und ein Mahnmal dafür sein, was mit unserem Müll passiert. 

„Das Kreuz steht für Trauer – aber auch für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft“

„Mit diesem etwas provokanten Statement wollen wir zum Nachdenken anregen“, sagt von Fürstenberg. „Das Kreuz steht für Trauer, Opfer und Leid – aber auch für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“ Das Elektroschrottkreuz verbindet für von Fürstenberg die Themen Umweltzerstörung und Spiritualität – ganz im Sinne von Laudato si’, der Enzyklika von Papst Franziskus. 

Im Frühjahr will von Fürstenberg nach Rom reisen und dem Papst das Kreuz am Rande einer Generalaudienz vorstellen. „Unsere Hoffnung ist, dass dem Papst dieses Kreuz gefällt“, sagt der missio-Vizepräsident. Er wünscht sich, dass Franziskus das Kreuz segnet und die Kampagne des Hilfswerks für eine Recyclingwende unterstützt. 

Till-Martin Köster
Till-Martin Köster hat das Kreuz veredelt. Foto: kna/Harald Oppitz

Mit dem gesegneten Kreuz wollen die missio-Leute dann auf Tournee durch Deutschland gehen. Sie wollen mit Politikerinnen und Politikern, Bürgerinnen und Bürgern über das Elektroschrottproblem sprechen, in Bildungshäusern, Gemeindezentren und auf Marktplätzen. Sie wollen auf die Problematik aufmerksam machen, dass viele Rohstoffe aus Afrika kommen, in Deutschland genutzt werden und dann wieder nach Afrika zurückgehen. Das Kreuz soll ihnen helfen, ins Gespräch zu kommen. 

Für von Fürstenberg steht fest: Es muss sich etwas ändern. Denn Deutschland verfehlt seit Jahren die EU-Vorgabe, nach der 65 Prozent des Elektroschrotts recycelt werden müssen. Häufig würden alte Geräte illegal in der schwarzen Tonne entsorgt und nicht in den offiziellen Sammelstellen, sagt der missio-Vizepräsident. Am Ende lande der Schrott dann falsch deklariert in Orten wie Agbogbloshie. Für von Fürstenberg ist das ein systemisches Problem: „Wir brauchen mehr Sammelstellen, strengere Exportkontrollen und bessere Recycling-Technologien.“ Zurzeit exportierten wir ein riesiges Umweltproblem, das müsse aufhören.

Von Fürstenberg erinnert sich daran, wie die Menschen in Agbogbloshie mit dem Müll umgegangen sind. Aus Reifenfelgen hätten sie Sonnenschirmständer und einen Holzkohlegrill gebaut. Wirklich rührend sei es gewesen, wie sie sagten: „Wir zeigen euch, wie ihr das machen könnt.“ Und dabei grinsten. Die Menschen dort, sagt der missio-Vizepräsident, hätten selbst gewusst, dass es nicht optimal ist, wie sie den Müll verwerten. Aber ihnen sei eben auch klar gewesen: Die Deutschen, mit ihrem Geld und ihrer Technik, die könnten es eigentlich besser

Andreas Lesch