Impuls zur Sonntagslesung am 16. November 2025

Der syrische Christ Aboud Karnoub über seine Flucht: Leben in Gottes Hand

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Kathedrale von Aleppo
Nachweis

Foto: kna/Jean-Matthieu Gautier

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Blick von der maronitischen Kathedrale von Aleppo auf Ruinen zerbombter Häuser.

Das Evangelium lässt Endzeitstimmung aufkommen. Es berichtet von Gewalt und Kriegen und Nachbarn, die einander dem Tod ausliefern. Aboud Karnoub hat vieles davon erlebt und spürt dennoch, dass ihn jemand beschützt.

Manchmal kann Aboud Karnoub sein Glück kaum fassen: Er, seine Frau, seine drei Kinder und mehrere weitere Verwandte durften vor zehn Jahren legal nach Deutschland einreisen. 25 Angehörige seiner großen Familie erhielten damals ein Visum. Sie mussten nicht die gefährliche Fluchtroute von Syrien über die Türkei und über das Mittelmeer nehmen, ein Flugzeug brachte sie sicher von Beirut nach Leipzig. „Manchmal frage ich mich, warum wir ein solches Glück hatten“, sagt Karnoub. 

Er ist seiner Schwester dankbar, die damals schon in Deutschland lebte und viele Anträge schrieb, damit ihr Bruder nach Deutschland kommen durfte. Er ist den Ordensfrauen dankbar, die ihm und seiner Familie in den ersten Monaten eine Unterkunft organisierten. Er ist den Menschen dankbar, die ihm geholfen haben, in Leipzig anzukommen und eine Arbeit zu finden. Und er ist Gott dankbar: „Gott macht, er lenkt, er schützt uns. Bei ihm weiß ich mich in sicheren Händen.“

Aboud Karnoub
Aboud Karnoub. Foto: privat

Bei Gott in sicheren Händen – davon erzählt auch das Evangelium an diesem Sonntag. Es handelt von Kriegen und Unruhen, davon, dass sich Volk gegen Volk erheben wird, von Erdbeben, Seuchen und Hungersnöten. Und auch die christliche Gemeinde sieht der Evangelist in seiner Endzeitrede in Gefahr: „Man wird Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namen willen.“

Aboud Karnoub hat eine Vorstellung von dem, was in der Bibel steht. Er und seine Familie wurden in Syrien zwar nie um ihres Glaubens willen verfolgt, aber sie erlebten jahrelang den Schrecken des Bürgerkriegs in Aleppo. „Am Anfang war die Stadt noch sicher, aber ab 2012 wurde es gefährlich“, sagt Karnoub. Oppositionstruppen verschanzten sich in der Stadt, Regierungstruppen warfen Bomben. Aleppo wurde zur belagerten Festung, in die kaum noch Lebensmittel und Treibstoff hineinkam. „Der Strom fiel regelmäßig aus. Wasser, Obst und Gemüse waren kaum noch erhältlich“, sagt Karnoub. 

Mehrfach geriet er in Lebensgefahr. „Ein Mann, der mit mir im Bus saß, wurde von einem Scharfschützen in den Mund getroffen. Ein Freund, mit dem ich auf der Straße unterwegs war, wurde durch einen Schuss in die Hand verletzt.“ Mehrfach seien Granaten in seiner unmittelbaren Nähe explodiert, als er für Einkäufe in der Stadt unterwegs war. 

"Wir fühlten, dass wir nicht bleiben konnten."

Als im Mai 2015 die beiden Ehemänner seiner Schwestern bei einem Angriff mit einer Mörsergranate ums Leben kamen und nur wenige Wochen später ein Cousin in Idlib nach einem Anschlag starb, fasste er den Entschluss, mit seiner Familie Syrien zu verlassen. „Wir fühlten, dass wir nicht bleiben konnten. Aber wir hatten auch Angst vor der Flucht“, sagt Karnoub. Zu oft hatten sie gehört, wie gefährlich der Weg über das Mittelmeer ist, wie skrupellos Menschenhändler mit Flüchtlingen umgehen. 

Im Lukasevangelium heißt es, dass Gott den Verfolgten Worte und Weisheit geben wird, sodass sie sich gegen ihre Gegner vor Gericht verteidigen können. Oder dass ihnen kein Haar gekrümmt werde, solange sie standhaft bleiben und auf Gott vertrauen. Wirken solche Texte nicht zynisch, wenn die eigene Familie in Gefahr ist, bei Anschlägen und Bombenwürfen zu sterben? „Nein“, sagt Karnoub. Die biblischen Texte, die von Gottes Nähe in der Zeit der Verfolgung sprechen, haben ihm Trost und Hoffnung geschenkt. Gerade die regelmäßigen Gottesdienste, die Treffen mit der Gemeinde in der Kirche in Aleppo hätten ihm geholfen. „Wir haben einander gestärkt. Wir stützten uns gegenseitig wie Steine in einem Bauwerk“, sagt Karnoub.

Oft hat er sich aber die Frage gestellt, warum Gott all das Leid zulässt, warum der Krieg kommen musste, warum seine Schwäger sterben mussten. „Aber das Böse kommt von den Menschen. Es ist nicht Gott, der das Schlechte will. Er will uns als freie Menschen, nicht als seine Sklaven. Und die Menschen treffen schlechte Entscheidungen.“

„Heimat bleibt Heimat“

Karnoub ist überzeugt, dass Gott einen Plan hat – für ihn, für seine Familie, für die Menschheit. Nur so kann er sich erklären, dass aus 6000 Anträgen auf Einreise nach Deutschland seine Familie in diesem Ausmaß berücksichtigt worden ist. „Ich habe großes Vertrauen, dass Gottes Wege, auch wenn wir sie nicht erklären können, einen Sinn ergeben“, sagt er.

Der 60-jährige Maschinenbauingenieur arbeitet heute als Optiker in Leipzig. Seine Tochter studiert Pharmazie in Braunschweig, ein Sohn in Leipzig Wirtschaftswissenschaften. Der Jüngste will in zwei Jahren sein Abitur machen. Karnoub ist in Deutschland angekommen – und blickt doch wehmütig nach Syrien. Eine Rückkehr in das Land kommt für ihn dauerhaft aber nicht infrage. Zu groß sind die Zerstörungen und zu unsicher ist die politische Situation im Land. 

Außerdem bauen sich seine Kinder hier gerade ihr Leben auf. Karnoub wünscht sich, zukünftig vielleicht für einige Monate im Jahr in seiner Stadt Aleppo leben zu können, die Verwandten und Freunde dort zu besuchen. Denn er sagt: „Heimat bleibt Heimat.“

Kerstin Ostendorf

Zur Person

Aboud Karnoub (60) ist Maschinenbauingenieur und 2015 mit seiner Familie aus Aleppo geflohen. Heute lebt der dreifache Familienvater in Leipzig und arbeitet als Optiker.