Der Schauspieler Horst Kummeth über seinen Glauben

„Du hast mich gehört“

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Horst Kummeth
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Foto: BR/Marco Orlando Pichler

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Horst Kummeth als fränkischer Apotheker Roland Bamberger in der Serie „Dahoam is Dahoam“.

Horst Kummeth ist vielen aus Fernseh- und Theaterrollen bekannt. Er spielte etwa jahrelang den Apotheker Roland Bamberger in der Serie „Dahoam is dahoam“. Weniger bekannt ist, wie sehr ihn der katholische Glaube prägte – und dass Gott ihm in Krisen eine Stütze war.

„Hallo? Hör mir zu! Ich brauche jetzt deine Hilfe, wie noch nie zuvor in meinem Leben.“ Horst Kummeth erinnert sich gut, wie er Gott diese Worte entgegengeschrien hat. Wie er verzweifelt in einem Park in der Nähe eines Krankenhauses saß, weinte, tobte und brüllte.

Noch heute stockt seine Stimme, wenn er an diesen Moment denkt. Seine erste Tochter Sarah war wenige Wochen zuvor auf die Welt gekommen. Die Geburt war kompliziert, über Wochen musste das Kind intensivmedizinisch behandelt werden. Eine Ärztin hatte ihm und seiner Frau mitgeteilt, dass die Lunge dauerhaft geschädigt sei. „Man hatte ein Lungenemphysem festgestellt und Vernarbungen, die ihr ganzes Leben beeinträchtigen würden“, sagt Kummeth. „Die schlechten Nachrichten rissen einfach nicht ab. Ich war völlig verzweifelt. Ich wusste nicht mehr weiter. Es ging so weit, dass ich dachte: Ich würde jetzt einfach gerne sterben.“

Die meisten Menschen kennen Kummeth ganz anders: als gut gelaunten Schauspieler, der bodenständige, heimatverbundene Rollen verkörpert, die manchmal grantig, aber immer liebenswürdig sind. In den 1980er-Jahren gehörte er zu den beliebtesten Schauspielern im deutschen Fernsehen. Seine erste Hauptrolle hatte er in der ZDF-Miniserie „Der eiserne Weg“ über den Bau der ersten Eisenbahnen in Deutschland. Für die Serie „Hans im Glück“ schrieben er und seine Frau Eva das Drehbuch. Später spielte er unter anderem in den Serien „Küstenwache“, „Der Bulle von Tölz“ sowie „Forsthaus Falkenau“ mit und mimte 16 Jahre den Apotheker Roland Bamberger in der Serie „Dahoam is dahoam“.

» Ich nahm mich viel zu wichtig, ließ mich gerne hofieren. «

Die Klage an Gott, die im Park aus ihm herausbrach, war keine schauspielerische Leistung. Kummeth (69) sagt, der Glaube habe sein ganzes Leben geprägt; damals aber habe er sich zum ersten Mal selbst als unwichtig betrachtet. „Es ging jetzt nicht mehr um mich. Es ging um mein Kind. Dann hat das Gebet eine andere Qualität.“ Es sei für ihn eine prägende, essenzielle Erfahrung gewesen. „Ich wünsche niemandem, eine solche Situation zu erleben. Aber ein solches Gebet wünsche ich jedem, weil es etwas in mir geöffnet hat, das sich nie mehr schließt.“

Als er ins Krankenhaus zurückkehrte, traf er erneut auf die Ärztin – die ihn mit einer völlig neuen Diagnose überraschte. „Alle Vernarbungen waren verschwunden. Es war nichts mehr zu sehen. Sarah war gesund – und es war für alle völlig unerklärlich“, erzählt Kummeth. Sein einziger Gedanke: „Du hast mich gehört.“ Und tatsächlich: Seine Tochter ist heute gesund und lebt ohne Beschwerden.

Jahre später geriet er in eine Glaubenskrise. Seine Beziehung zu Gott war fest wie eh und je, aber er fühlte sich nicht länger würdig, der katholischen Kirche anzugehören. Mit 50 Jahren trat er aus. „Wenn man zur Kommunion geht, dann soll man reinen Herzens sein. Und das war ich in dieser Phase nicht“, sagt Kummeth. „Ich war ein schlechter Kerl. Ich nahm mich viel zu wichtig, ließ mich gerne hofieren, kam anderen Frauen viel zu nahe und hatte meinen Jähzorn nicht immer im Griff.“ In die Kirche zu gehen und die Kommunion zu empfangen, fühlte sich für ihn falsch an: „So, als hätte ich mich zu einer Party geschlichen, zu der ich nicht eingeladen war.“

» Ich bin ein wunschlos glücklicher Mensch. «

Ihm war klar, dass er sich ändern musste. „Ich habe viel mit meiner Frau gesprochen – aber auch mit mir selbst“, sagt Kummeth. Bei täglichen langen Spaziergängen reflektierte er sein Leben und fragte sich: Wo stehe ich gerade? Warum bin ich von meinem Weg abgekommen? Was ist so schiefgelaufen? Er spürte auch: Die katholische Kirche fehlte ihm. „Ich hatte zwar nicht meinen Gottesglauben, aber meine spirituelle Mitte verloren.“

Kummeth betete, las viel in der Bibel – und fand langsam zu sich zurück. „Als ich einmal über einen Zebrastreifen gehen wollte, fuhr mich ein Auto fast über den Haufen“, erzählt er. „Als der Fahrer ausstieg und mir sagte, ich sollte gefälligst besser aufpassen, war mein erster Impuls, ihn zu verprügeln. Aber ich habe es gelassen. Ich bin einfach weitergegangen – auch wenn es mir schwerfiel.“ Ein Moment der Wahrheit, der ihm zeigte, dass er sich ändern konnte.

Letztlich ist er wieder in die katholische Kirche eingetreten. In seiner Pfarrgemeinde engagiert er sich heute als Kommunionhelfer, als Lektor und im Liturgieausschuss. Wenn möglich, besucht er täglich den Gottesdienst. „Ich mag die Werktagsmessen. Die dauern zwar nur eine halbe Stunde, sind aber sehr intensiv für mich“, sagt Kummeth. Sowieso nimmt er den biblischen Spruch „Betet ohne Unterlass“ ernst: „Ich bete nicht dauernd den Rosenkranz, aber ich bin in einem ständigen Dialog mit Gott. Das ist eine unheimliche Bereicherung für mein Leben.“

Auf dieses Leben schaut er heute mit großer Dankbarkeit zurück. „Ich bin ein wunschlos glücklicher Mensch“, sagt er. Hätte er ein Drehbuch für sein Leben schreiben sollen, hätte er nicht gewagt, es so zu formulieren. Kummeth sagt: „Die Schauspielerei, der Erfolg, meine Familie mit meiner Frau, zwei Töchtern und sieben Enkelkindern – all das ist heute für mich noch wie ein Traum.“

Kerstin Ostendorf