Sommerserie: Zeit meines Lebens Teil 4

Ein Freiwilligenjahr in Estland

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Skifahren in Estland
Nachweis

Foto: privat

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Soziale Arbeit, reisen, Abenteuer erleben: „Das Jahr in Estland hat mich geflügelt“, sagt die 20 Jahre alte Jule Marie Griep-Raming aus Aschendorf.

In unserer Sommerserie nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch viele persönliche Momente. Unter dem Motto „Zeit meines Lebens“ erzählen uns Männer und Frauen von Erlebnissen, Begegnungen, Tagen und Wochen, die sie verändert, geprägt oder ihr Leben reicher gemacht haben. Jule Marie Griep-Raming reiste nach ihrem Abitur nach Estland. Ein „Praktikum im Norden“ ermöglichte es ihr, ein neues Land und eine neue Kultur kennenzulernen – und in dieser Auszeit ihre eigenen Stärken und Talente zu entdecken.

Endlose Wälder, Moore und Inseln – Grün, soweit das Auge reicht. Beim Anflug auf Estland staunte Jule Marie Griep-Raming. Sie hatte nicht mit einem solchen Naturparadies gerechnet. Und überhaupt: Das Land im Baltikum war ein Überraschungspaket für die 20-Jährige aus Aschendorf im Emsland. „Ich wollte gern in einer Schule arbeiten, ansonsten war ich offen für alles“, sagt sie. Daraufhin wurde ihr Estland zugeteilt. „Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, war aber sehr gespannt, neugierig und am Ende sehr zufrieden.“

Logo SommerserieRaus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer hieß es vor einem Jahr. Nach dem Abitur wollte Jule Marie Griep-Raming nicht gleich an die Universität, sondern reisen, neue Kulturen und Menschen kennenlernen. Sie informierte sich und wurde auf das „Praktikum im Norden“ aufmerksam, ein Angebot des Bonifatiuswerkes. „Das fand ich interessant, weil man diese Länder oft gar nicht so auf dem Schirm hat“, sagt sie. Die Auszeit reizte sie aber auch dahingehend, zu erfahren, wie Menschen in der Diaspora ihren Glauben leben und weitergeben. In Estland sind nur 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung katholisch. 

Unterricht
Deutschunterricht in Estland. Foto: privat

Ihr Einsatzort war das katholische Bildungszentrum in Tartu im Südosten des Landes. Dazu gehören neben einem Kindergarten, einer Grundschule und einer Gesamtschule auch ein Kulturhaus und ein Sportclub. Jule Marie Griep-Raming bereitete beispielsweise den Deutschunterricht mit vor, begleitete und unterstützte Schülerinnen und Schüler und half im Kindergarten. Beim Spiel mit den jüngeren Kindern habe es ein paar Sprachbarrieren gegeben, erzählt die junge Frau. In der Schule hingegen habe es mit der Verständigung besser geklappt, dort sei es ein großer Vorteil gewesen, dass es ab der ersten Klasse Englischunterricht gibt. 

Das „Praktikum im Norden“ ist beliebt. Die meisten jungen Freiwilligen bundesweit kommen bislang aus dem Bistum Osnabrück. Sie stellen ein Stück ihrer Lebenszeit in den karitativen Dienst, erweitern ihren Horizont und helfen in ihren Einsatzstellen mit Eigeninitiative und engagierter Arbeit. 

Selbstständiger und mutiger geworden

„Ich bin auf jeden Fall selbstständiger, selbstbewusster und mutiger geworden – generell reifer“, sagt Jule Marie Griep-Raming. „Das ganze Jahr hat mich beflügelt.“ Sie ist durch Estland gereist, war in der Hauptstadt Tallinn, auf einer Insel, aber auch in einer Grenzstadt zu Russland, wo die Spannungen und das tiefe Misstrauen gegenüber dem aggressiven Nachbarn besonders spürbar waren. Russische Provokationen, etwa Drohnen, beunruhigen; „manche Eltern wollen deshalb nicht, dass ihre Kinder allein nach Hause fahren“. Dennoch machen sich die meisten Esten im Alltag keine großen Sorgen. „Sie sind sehr stolz auf ihr unabhängiges Land.“

Tartu
Tartu in der Weihnachtszeit. Die Stadt war 2024 europäische Kulturhauptstadt. Foto: privat

Gereist ist Jule Marie Griep-Raming auch in die nordischen Länder zu ihren Mitfreiwilligen – und hat sich „ein bisschen in die schöne Stadt Bergen in Norwegen verliebt“. Auch in die Polarlichter im gesamten Norden, die sie zu ihren Highlights zählt.

Was die Religiosität betrifft: Die meisten Esten sind Atheisten, „das fand ich krass“, sagt die 20-Jährige. Sie besuchte häufig den englischen, aber auch den estnischen Gottesdienst und staunte, wie jung und multikulturell es dort zugeht. „Das erlebe ich bei mir zu Hause so nicht.“ Und sie stellte fest: „Es sind zwar nicht viele Gläubige, aber wenn die Menschen glauben, dann intensiv.“ 

Polarlichter
Polarlichter über dem Emajõgi in Tartu. Foto: privat

An die Fischsuppe musste sie sich erst gewöhnen

Gibt es etwas, das sie weniger vermissen wird. Sie lacht – und denkt an die Kalasupp, eine traditionelle estnische Fischsuppe. Teil der estnischen Esskultur. Ein cremiger Eintopf mit frischem Fisch, Gemüse und Gewürzen. „Daran musste ich mich ein bisschen gewöhnen“, gibt sie zu. „Die Suppe wird überall gegessen, auch in der Schule.“

Seit einigen Wochen ist Jule Marie Griep-Raming wieder im heimischen Emsland. Ihre beruflichen Pläne sind inzwischen sehr konkret. Vor ihrem Auslandsjahr hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Lehramt zu studieren – und nach den Unterrichtserfahrungen entschieden, dass das doch keine Lebensaufgabe für sie ist. Stattdessen wird sie ab dem Herbst soziale Arbeit studieren. Denn: „Mit Menschen zu arbeiten, das hat mir wirklich gut gefallen.“

Anja Sabel
Sommerserie 2026

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Teil 1: Erst kirchlich geheiratet und dann ins Zeltlager: Für Thomas und Kerstin Wernemann aus Groß Hesepe war das eine "Zeit ihres Lebens". Hier lesen
 

Zur Sache

Jedes Jahr machen sich mehr als 20 junge Menschen aus Deutschland auf den Weg nach Nordeuropa und ins Baltikum, um sich sozial zu engagieren. Seit Praktikumsstart im Jahr 2011 haben mittlerweile schon mehr als 250 junge Menschen den Freiwilligendienst absolviert. Das „Praktikum im Norden“ ist ein Kooperationsprogramm zwischen dem Bonifatiuswerk und dem Newman-Institut im schwedischen Uppsala. Seit vergangenem Jahr ist für das Programm eine Anerkennung als „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend möglich.