Neu am Theater Osnabrück
Eine Oper für Peter
Bettina Stöß/Theater Osnabrück
In ihrer Heimatstadt Osnabrück wird es für Juden bedrohlich: Familie van Pels plant in dieser Spielszene die Flucht.
Von der Decke hängt ein Stolperstein: ganz in Gold und überdimensioniert groß. Leer, ohne Aufschrift. Dann treten vier Personen auf die Bühne. „Ich bin Peter“, singt der Erste (Florian Wugk). „Das ist Peter, mein Sohn“, singt seine Mutter Auguste (Susann Vent-Wunderlich). „Das ist Peter, den ich wie einen Sohn liebte“, singt Otto Frank (Jan Friedrich Eggers). „Das ist Peter, der ein Fremder war, aber viel mehr wurde“, singt Anne Frank (Susanna Edelmann).
Die vier bestreiten die gut einstündige Oper, gesanglich unterstützt von einem etwa zwanzigköpfigen Chor. „Der Chor treibt die Handlung voran“, sagt Ulrich Mokrusch, der Intendant des Osnabrücker Theaters, der die Oper „Peter van Pels“ selbst inszeniert hat. Der Chor hat aber auch eine schauspielerische Rolle: Mal stellt er Passanten in Osnabrück dar, mal Gefangene im KZ.
Peter van Pels, der bis zur Flucht der Familie nach Amsterdam 1937 in Osnabrück aufgewachsen ist, wäre am 8. November 100 Jahre alt geworden. „Wir fanden, dass die Uraufführung einer Oper angemessen ist, um diesem Tag zu gedenken“, sagt Mokrusch. Und um den Namen Peter van Pels in das Bewusstsein der Stadtgesellschaft zu rücken. „Dass Peter van Daan aus dem ‚Tagebuch der Anne Frank‘ in Wirklichkeit van Pels hieß und aus Osnabrück stammt, wissen die wenigsten.“
Mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung gab das Theater eine Oper in Auftrag. Weshalb eine Oper – zumal das Stück sich ausdrücklich auch an Schülerinnen und Schüler richten soll? „Weil ich finde, dass die Oper große Geschichten groß erzählen kann“, sagt Mokrusch. „Und auch, um gerade dem jungen Publikum die Schwellenangst vor der Oper zu nehmen.“
Die Musik hat Anno Schreier geschrieben. „Das Besondere an dieser Oper ist“, sagt er bei der öffentlichen Probe kurz vor der Premiere, „dass sie aus über 30 einzelnen Szenen besteht. Jede ist ein Schlaglicht aus Peters Leben.“ Und wie die Schlaglichter eines Lebens wechseln zwischen Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, erster Liebe und Verrat, so wechselt auch die Musikfarbe, die das Osnabrücker Symphonieorchester in Szene setzt. Mal möchte man beim Swing mittanzen, mal läuft es einem bei bedrohlichen Kontrabässen kalt den Rücken runter. „Ich war selbst überrascht, wie unterhaltsam das Stück ist“, sagt Intendant Mokrusch. „Aber so war das Leben von Peter: Es gab Momente von Streit und Angst und andere, die einfach nur schön waren.“
Darf eine Oper im Konzentrationslager spielen?
Die Oper gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste spielt in Osnabrück, wo Peter aufwächst, spielt, Fahrradfahren lernt, aber auch die ersten Aufmärsche erlebt und die ersten verschwundenen Mitschüler. Der zweite, längste Teil ist im Hinterhaus angesiedelt, das Otto Frank als Versteck für seine Frau Edith und die Töchter Margot und Anne hergerichtet hatte und in das er auch Familie van Pels und einen befreundeten Zahnarzt aufnahm. Etwas mehr als zwei Jahre lebten die Acht dort auf engstem Raum. Im dritten Teil befindet sich die Handlung im KZ, wohin alle nach einer Denunziation gebracht wurden und wo Peter starb – so wie auch alle anderen außer Annes Vater Otto.
„Wir sind oft gefragt worden, ob eine Oper im KZ spielen darf“, sagt Intendant Mokrusch. „Wir sind deshalb auf die jüdische Gemeinde und die Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit zugegangen.“ Man habe Verantwortlichen das Libretto von Joscha Schaback zu lesen gegeben. „Dass sie zugestimmt haben, hat uns geholfen, das Stück zu machen.“
Die Oper hat viele anrührende Szenen, deren Kraft im Kleinen liegt. Etwa, als Peter noch in Osnabrück mit dem Rad zur Schule fahren will und seine Mutter singt: „Radfahren ist für Juden verboten – schieb es!“ Oder als sie im Hinterhaus ihr Leid klagt: „Ich bin nicht mehr da!“ Oder als Anne und Peter sich einander annähern, mit jugendlicher Begeisterung einen Tanz und schließlich einen vorsichtigen Kuss wagen. Und als Peter, der bald darauf von Anne zurückgestoßen wird, voller Liebeskummer singt: „Anne, bleib da!“
Die Inszenierung ist auf das Wesentliche reduziert: vier Personen, drei Orte, ein Bühnenbild, das vor allem aus einem Stolperstein und einem schneckenförmigen, geschwungenen Podest besteht. „Ich finde gerade die Einfachheit super“, sagt Mokrusch. Hilfreich sind auch die Projektionen auf den goldenen Stolperstein, sie bildlich deutlich machen, wo man sich gerade befindet. „Historische Bilder der Orte und heutige Bilder wechseln sich dabei ab“, sagt Mokrusch. Und das zeigt schon, dass „Peter van Pels“ kein rein historisches Anliegen verfolgt.
Und so endet das Stück so einfach, wie es begonnen hat: mit einem Satz der Hauptdarsteller. „Es ist ein Originalsatz von Otto Frank“, sagt Mokrusch. Er lautet: „Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern. Das Einzige, was wir tun können, ist, aus der Vergangenheit zu lernen.“ Aktuell wie selten.
Hintergrund
Bis Weihnachten wird die Oper noch mehrmals aufgeführt. Außerdem gibt es ein Begleitprogramm, darunter ein Audiowalk zu den Orten von Peter van Pels in Osnabrück und eine Matinee zum 100. Geburtstag am 8. November im Theater am Domhof. Hier gibt es Infos und Karten.