Begegnet
„Erde, die von uns erzählt“
Foto: Marco Heinen
Natalie Jakobsen in ihrem Atelier, hinter ihr das Bild zu den Lübecker Märtyrern.
Natalie Jakobsen, die von ihren Freunden Natascha gerufen wird, hat zwei Marzipanbrote auf einen Teller gelegt, dazu gibt es Wasser. Draußen ist es sengend heiß, in ihrem Atelier, einem Kellerraum im Lübecker Gesellenhaus neben der Propsteikirche Herz Jesu, ist es schön kühl. Wer in der Stadt der sieben Türme seinen Gästen im Hochsommer Marzipan serviert, muss Lübecker sein. Dabei ist die 33-Jährige in der Ukraine aufgewachsen, in Horodyschtsche, „einem ganz winzigen Dorf“ in der Mitte zwischen Lwiw (Lemberg) und Kiew. „So 300 Kilometer in jede Richtung. Da ist halt nichts“, sagt Jakobsen. Gekocht wurde auf dem Holzofen, Wasser gab es aus dem Brunnen und Milch von der Kuh hinterm Haus. Es gibt viel Ackerland.
Pechschwarz ist dort die Erde, so wie Jakobsens erstes Bild, bei dem sie das Material mit einer speziellen Technik auf Leinwand gebannt hat. Es ist ihr Lieblingsbild, unverkäuflich. Die Erde stammt vom Feld der Familie, wo Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren wachsen. 20 Jahre ihres Lebens hat sie dort mitgearbeitet. Wenn sie auf das Bild blickt, sieht Jakobsen die im Frühjahr umgepflügte Erde. Sie sieht das Grün, das dort bald sprießt „und diese Fruchtbarkeit, die wunderbar ist.“
So schön das Land, so beengt waren die Verhältnisse des Dorflebens, wo jeder jeden kennt. Eine junge Frau, die mit Anfang 20 noch nicht verheiratet ist, wird dazu gedrängt. Also heiratete sie. Sie studierte Musik, hatte eine Stelle als Musiklehrerin an einer Schule. Doch sie fühlte sich überfordert. Eine Familie zu gründen, wie es ihr Mann wollte, dazu war sie noch nicht bereit. Die Ehe zerbrach. Natalie Jakobsen wollte etwas von der Welt sehen. Und dann war da noch die Annektion der Krim.
Über ein Werbebanner erfuhr sie von einem Au-pair-Programm und ihre Entscheidung stand fest. Sie wollte einfach weg. Sie fand eine Familie in Lübeck, „die so lieb war. Ich hatte wirklich ein so großes Glück.“ Sie kam mit 100 Euro – in der Ukraine fast ein Vermögen – und ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Die Gastfamilie fühlte sich der damaligen Gemeinde St. Birgitta verbunden, vor allem die Kinder, um die sie sich kümmerte. Bei ihnen lernte sie Deutsch. Sie musste die Sprache lernen, ohne ging es ja nicht. „Die Kinder waren tolle Lehrer, das waren die Besten“, erzählt sie lachend. Jakobsen ist ein sonniger Mensch. Nur als sie über den frühen Tod ihres Bruders und über den Krieg spricht, ziehen dunkle Wolken über ihr Gesicht. Nachrichten liest sie nicht mehr, aus Selbstschutz, sagt sie.
Der orthodoxe Glaube, wie er in ihrem Dorf und von ihrer Mutter gelebt wurde, blieb Natalie Jakobsen eher fremd. In St. Birgitta hörte sie vom Glauben an einen liebenden, nicht strafenden Gott. „Ich fand das so erleichternd“, sagt die junge Frau, die bald in der Kirchenband mitsang. Die Au-pair-Zeit endete, aber an eine Rückkehr in die Heimat dachte die Ukrainerin nicht. „Ich habe mich schon im ersten Jahr hier zu Hause gefühlt.“ Sie absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kita St. Franziskus und entschloss sich zu einem Geografie-Studium in Bochum. Ihr ukrainischer Uni-Abschluss war die Eintrittskarte, mit einem Masterabschluss kehrte sie an die Trave zurück und fand eine Anstellung in der IT-Branche. 2025 wurde Jakobsen eingebürgert. Ihr Nachname ist eine deutsche Variante ihres Mädchennamens Jakovez.
Mittlerweile ist Natalie Jakobsen wieder liiert. Mit ihrem Partner war sie dreimal auf dem Jakobsweg. Beim ersten Mal, sagt sie, „da habe ich Gott kennengelernt“. 2022 war das, das Jahr der Invasion Russlands in die Ukraine. „Ich merkte, dass ich einen ziemlich großen Rucksack hatte.“ Also eigentlich zwei – den auf dem Rücken und den viel schwereren. „Der mentale Rucksack, das war fast nicht auszuhalten.“ Der Krieg, der Tod des Vaters, die Trauer um ihren Bruder. Von ihrem Patenkind hatte sie einen Stein bekommen, um ihn am Cruz de Ferro abzulegen. „Ich weiß noch, wie ich weinend gesagt habe: So, lieber Gott, ich kann das alleine nicht tragen. Ich vertraue dir und gebe es an dich ab.“ Es war ein Moment, als alles leichter wurde. Ein Urvertrauen habe sie damals entwickelt, ein Vertrauen, dass alles gut wird. „Der liebe Gott hat ja was mit mir vor.“
Als „Weg der Heilung“ beschreibt Jakobsen den ersten Pilgerweg. Beim zweiten Mal entschied sie sich für die Kunst. „Ich bin Künstlerin, das spüre ich.“ Bei einem Spaziergang kam sie auf die Idee, mit Erde zu arbeiten. Später, auf einer Studienreise nach Lanzarote, hatte sie Werke von César Manrique gesehen, gestaltet aus Sand und Erde. Sie war beeindruckt. Als Geografin war sie mit der Materie vertraut. Was braucht es noch an Fingerzeigen? Natalie Jakobsen bat ihre Mutter, schon mal ein bisschen Heimaterde für sie zu trocknen.
Gerade erst ist Natalie Jakobsen vom dritten Pilgerweg zurück. Im Gepäck zwei Kilo Erde und Sand von unterwegs. Spätestens 2027, so ist es mit ihrem Partner abgemacht, wird sie entscheiden, ob sie alles auf die eine Karte Kunst setzt. Das Zeug dazu hat sie. Für ihr Bild über die Lübecker Märtyrer hat sie Erde aus dem Garten an der Kirche genommen. Dort fand sie auch alte Ziegelsteine, die sie fein zermalen hat. So wie die von der Lutherkirche, wo Pastor Stellbrink wirkte. „Abenteuerlich“ sei es gewesen, an Erde vom Gefängnis Holstenglacis zu gelangen, wo die vier Geistlichen hingerichtet wurden. In ihrem Bild fließt alles ineinander, wie das Blut der Märtyrer. Jakobsens Bilder sind wohlüberlegt, die Ausführung aber bleibt spontan. Das bringen das Material und die Technik mit sich. Jedes ihrer Bilder lässt sich geografisch verorten, weil sie an jedem Ort war. „Und das hat ja immer eine Bedeutung, weil Erde, naja, schon sehr viel erlebt hat. Diese Erinnerungen – ich glaube, für alle anderen hat diese Erde eine andere Erinnerung.“
Zur Sache
Natalie Jakobsens Werke sind in der Schau „Erde, die von uns erzählt“ vom 29. August bis 20. September in der Propsteikirche Herz Jesu (Parade 4) in Lübeck zu sehen. Bilder unter @njakobsenart bei Instagram und unter www.natalie-jakobsen.de im Internet.