Aktion in Lüneburg
Erinnerung an jüdischen Friedhof
Foto: Andres Wulfes
Nahe der Gedenkstätte werden die Grabsteine im Halbkreis aufgerichtet.
Zerstört, überwuchert und vergessen: Die Geschichte des markanten Grabsteins stand über Jahrzehnte sinnbildlich für einen verdrängten Teil der Lüneburger Stadtgeschichte. Nur zufällig wurde der beschädigte Stein von Emma und Adolf Lindemann unter einem Gebüsch entdeckt. Denn über ihn wie über den ganzen alten jüdischen Friedhof war im wahrsten Sinne des Wortes Gras gewachsen. Das ändert sich: Die Anlage wird zum Ort des Gedenkens, der Erinnerung und zum Lernort. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) hat den alten Friedhof neu gestaltet.
„Das wird aber keine reine Gedenkstätte zur Erinnerung“, betont Christoph Dohmen, Vorsitzender der Gesellschaft. Auf dem Gelände soll auch wieder jüdisches Leben möglich sein: Auf einem bisher nicht belegten Teilstück sind ab sofort wieder jüdische Beerdigungen möglich. „Anfragen gibt es bereits“, sagt Dohmen. „Wir haben in Lüneburg zwar keine jüdische Gemeinde mehr, aber jüdische Bürger.“
Die Arbeiten, um die Anlage wieder würdig zu gestalten, sind nahezu abgeschlossen. Mit einer Feierstunde auf dem Friedhof und einem Empfang im Rathaus übergibt die GCJZ den Friedhof am 28. Mai an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen – dessen Rabbiner Tobias Jona Simon wird künftig auch für die Beerdigungen zuständig sein. „Zu der Feier haben sich schon rund 40 Nachfahren jüdischer Lüneburger aus den USA, aus Kanada und Israel angemeldet“, sagt Christoph Dohmen. Am Sonntag, 7. Juni, gibt es eine öffentliche Eröffnung als Tag der offenen Tür. Denn das ist Dohmen wichtig: Der Friedhof mit der bereits 2023/2024 restaurierten Trauerhalle soll wieder ins Bewusstsein der Stadtgesellschaft rücken und nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern in die Zukunft weisen. „Das wird kein Museum, sondern ein Begegnungs- und Lernort“, so Dohmen.
1940 wurden die Grabsteine entfernt
Der jüdische Friedhof hat eine bewegte Geschichte. Erst 1823 erhielt die jüdische Gemeinde nach jahrzehntelangem Bitten die Erlaubnis, ihre Toten in Lüneburg selbst zu bestatten. Zuvor mussten Verstorbene auf entfernte Friedhöfe, meist nach Harburg, gebracht werden. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Gemeinde – und mit ihr der Friedhof. Auch nach dem Novemberpogrom 1938 gab es den Friedhof, die letzte Beisetzung fand 1939 statt. Kurz darauf begann die eigentliche Zerstörung – durch die Stadt selbst. Der damalige Oberbürgermeister ließ das Gelände 1940 „säubern“. Grabsteine wurden entfernt, teilweise an einen Steinmetz verkauft oder 1944 sogar als Fundamente für Behelfsheime verwendet, die auf dem Gelände errichtet wurden.
Beim Abriss der Baracken 1967 wurden die Grabsteine zwar geborgen. 13 Grabsteine wurden auf der Anlage in einer Reihe platziert – ohne Bezug zu den ursprünglichen Grabstätten. Das ändert sich nun. Sie werden nahe der Gedenkstele in einem Halbkreis aufgestellt, um deutlich zu machen, dass sie nicht mehr die Gräber anzeigen. Eine fast drei Meter hohe Grabstele, vor knapp 60 Jahren in mehrere Würfel zerlegt, wird wieder zusammengesetzt.
Außerdem werden sechs Stelen mit den Namen der 170 auf der Anlage Bestatteten aufgestellt. Dieses Projekt der „Namensnennung“ ist nach Worten Dohmens auf große Resonanz gestoßen und wurde unter anderem von der katholischen St.-Marien-Gemeinde unterstützt. „Ein starkes Zeichen, gerade angesichts des wiedererstarkenden Antisemitismus“, sagt Dechant Carsten Menges.