Schwester Katharina Ganz wird neue Caritas-Präsidentin
Expertin für Sozialarbeit und Frauenrechte
Foto: Julia Steinbrecht/kna
Katharina Ganz wird neue Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes. Der Caritas-Aufsichtsrat wählte die 56 Jahre alte promovierte Theologin und Sozialpädagogin am Mittwoch in Freiburg. Die Ordensschwester übernimmt das Amt im Februar von Eva Maria Welskop-Deffaa, die seit 2021 an der Spitze von Europas größtem Wohlfahrtsverband stand. Sie wird in den Ruhestand gehen.
Der Vorsitzende des Caritasrats, Frank Johannes Hensel, erklärte: "Schwester Katharina wird mit ihrer Führungserfahrung, ihrer theologischen und spirituellen Verankerung, ihren praktischen Erfahrungen in der sozialen Arbeit und ihrem politischen Gestaltungswillen eine große Bereicherung für den Deutschen Caritasverband sein."
Ganz nimmt auch vor dem Papst kein Blatt vor den Mund
Die aus Franken stammende Ganz war bis 2025 Leiterin der Ordensgemeinschaft der Oberzeller Franziskanerinnen mit Niederlassungen in Deutschland, Südafrika und den USA. Zuvor arbeitete sie als Sozialpädagogin und begleitete Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Ganz tritt für mehr Rechte von Frauen in der Gesellschaft und in der katholischen Kirche ein. Für sie ist klar: "An der Frauenfrage entscheidet sich die Zukunft der katholischen Kirche." Das begründete sie auch in ihrem Buch "Frauen stören".
Von 2012 bis 2025 war Ganz Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen mit Niederlassungen in Deutschland, Südafrika und den USA. Immer wieder sorgte die Ordensfrau Ganz für Schlagzeilen, etwa 2019 bei einer Papst-Audienz in Rom für die Leiterinnen von Frauenordensgemeinschaften aus aller Welt. Dort sprach sie den Papst mit "Bruder Franziskus" an und sagte ihm, man dürfe die Frage, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können, nicht nur aus der Geschichte und der Dogmatik heraus beantworten. Der Papst antwortete mit dem Verweis auf die Offenbarung, die Katholiken zu respektieren hätten, und dem unvollendeten Satz "Aber wenn eine von Ihnen eine andere Kirche gründen will ..." Ganz nahm es erst mit Humor, bewertet es heute aber als "knallende Ohrfeige".
Frauen müssen Machtfrage stellen
Weniger Paternalismus und Bevormundung, das ist ihr Credo. In einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Ganz 2019: "Kommunikation in der katholischen Kirche geschieht asymmetrisch von oben nach unten. Und die Deutungshoheit über das, was Kirche ist, haben ausschließlich geweihte Männer. Also müssen Frauen die Machtfrage stellen."
Schwester Katharina ist Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Beim Synodalen Weg zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland wirkte sie unter anderem im Frauen-Forum mit.
Die künftige Caritas-Präsidentin mit dem einnehmenden Lachen kam 1970 in Franken zur Welt und wuchs als Erika Ganz in einer Messner-Familie auf. Kirche habe sie damals als Ort der Freiheit und Entfaltung erlebt. Und Erika hatte schon früh Entfaltungsdrang: "Ich komme vom Dorf und wollte immer weg vom Dorf", erzählt sie. Ihre Motivation sei Bildung gewesen. "Als erstes Mädchen aus unserm Dorf bin ich aufs Gymnasium gegangen. Das war nicht selbstverständlich."
Nach der Schule studierte sie Theologie in Würzburg, wo sie mit feministischer Theologie in Berührung kam, und bald auch Sozialpädagogik: "weil ich sehr bald gemerkt habe, als Frau in der Kirche brauchst du ein zweites Standbein."
Prägendes Jahr in Zentralafrika
Während des Studiums führte ein Praktikumsjahr Ganz in eine Missionsstation französischer Ordensleute in der Zentralafrikanischen Republik. Eine Zeit, die sie prägte. Dort entdeckte sie die franziskanische Spiritualität für sich: "mitten in der Welt zu sein, bei den Armen und nicht zurückgezogen in einem Kloster zu leben." 2002 trat sie in Würzburg bei den Oberzeller Franziskanerinnen ein.
Sie arbeitete zunächst mehrere Jahre als Sozialpädagogin im Antonia-Werr-Haus des Ordens für Frauen in Krisensituationen. Dort begleitete sie unter anderem Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Später leitete sie das Bildungshaus im Kloster Oberzell und wurde 2013 schließlich zur Leiterin, zur Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen gewählt.
"Ich bin immer ins kalte Wasser geworfen worden, und oft war ich überfordert", sagt sie rückblickend. "Aber ich bin an den Aufgaben gewachsen." Ganz hat Stehvermögen. "Von den geistigen Fähigkeiten ist der Wille immer mein starker Motor gewesen."
Als sie im vergangenen Sommer das Amt der Generaloberin abgab, nahm sie sich danach eine Auszeit und pilgerte in Italien auf den Spuren des Heiligen Franziskus. Es sei ihr auch um ein bewusstes Loslassen der eigenen Macht gegangen, erzählte sie in einem Podcast im März. Zudem habe sie eine Clownerie-Fortbildung gemacht. Gefragt, was nun komme, antwortete Schwester Katharina: "Ich glaube, dass das Leben noch viele Überraschungen bringt, und ich freue mich, hoffentlich auch in Kirche, Gesellschaft - und Politik vielleicht - weiter meine Stimme zu erheben."