Strategien zum Umgang mit Dauerkrisen
Was tun, wenn der Fernseher schreit: "Die Welt ist schrecklich?"
Wenn die schlechten Nachrichten zu viel werden...
Foto: imago
Haben Sie schon mal die Nachrichten ausgeschaltet, weil Ihnen alles zu viel geworden ist?
Nicht, weil ich sie nicht mehr ertragen konnte. Aber ich habe sie reduziert. Ich lese Zeitung, und ich versuche, einmal am Tag Nachrichten im Fernsehen zu schauen, um mich zu orientieren. Den Dauerbeschuss von Push-Nachrichten, die aufs Handy kommen, vermeide ich.
Können Sie verstehen, dass Menschen die Nachrichten zu viel werden?
Ja, klar. Als Berater sind meine Kollegen und ich ja selbst vom Dauerkrisenmodus der Welt betroffen. Die Leute kommen mit den gleichen Fragen, die wir auch haben.
Was für Fragen sind das?
Sieht man Krieg im Fernsehen, fragt man sich: Könnte das, was dort passiert, nicht auch hier bei uns passieren? Gerade mit Blick auf den Krieg in der Ukraine fände ich es tatsächlich blauäugig zu sagen: Okay, der ist weit weg, der wird niemals weiter nach Westen kommen. Dazu kommen Herausforderungen durch die Klimakrise, die Aushöhlung unserer Demokratie und eine unberechenbare weltpolitische Lage.
Was passiert mit uns, wenn wir ständig Nachrichten von Krisen, Kriegen und Chaos aufnehmen?
Das kann zu einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins führen. Aus der Forschung weiß man: Ohnmacht ist ein mächtiges, fieses Gefühl. Super hilfreich ist dann, wenn man etwas dagegen tun kann.
Wie bleibe ich informiert, ohne ohnmächtig zu werden?
Da hilft es, sich mit Menschen auszutauschen, die nicht nur schwarz-weiß denken, sondern sagen: Ja, es ist gerade viel. Gleichzeitig gibt es konkrete Dinge, die ich beeinflussen kann.
Und wie bleibe ich hoffnungsvoll, wenn der Fernseher schreit, dass die Welt schrecklich ist?
Wenn möglich: durch eine andere Haltung beim Konsumieren von Nachrichten. Ich kann mir klarmachen: Es läuft nicht alles auf der Welt schief. Es gibt gute Nachrichten. Zum Beispiel, dass kürzlich bei der Wahl in Ungarn der demokratische Kandidat gewonnen hat. Oder dass Papst Leo sich nicht von Donald Trump einschüchtern lässt.
Wenn es gerade keine guten Nachrichten gibt – darf ich Fernseher, Handy und Radio abschalten und vor der Nachrichtenflut fliehen?
Flucht klingt so negativ. Ich kann das Weltgeschehen nicht retten, indem ich frustriert vor dem Fernseher sitze, weil ich denke, ich muss informiert sein.
Wann wird Rückzug ungesund?
Wenn ich nicht mehr rausgehe und mich nicht mehr um mich kümmere. Dann muss ich mich fragen: Ist das noch eine hilfreiche Strategie?
Und wann ist Rückzug gesund?
Wenn jemand in eine Kur geht oder alle Termine in einer Woche absagt, weil es einfach zu viel wird. Wenn es also eine Auszeit ist – nicht Resignation.
Was machen Sie, wenn Sie selbst von der Nachrichtenlage überfordert sind?
Mir hilft es, rauszukommen. Meine Frau und ich versuchen regelmäßig, gemeinsam durch den Wald zu gehen. Sich bewegen, frische Luft atmen und zu zweit eine gute Zeit haben. Außerdem treffe ich mich gerne mit Menschen, die nicht immer nörgeln, sondern konstruktiv sind.
Nachrichten komplett zu ignorieren, ist für Sie keine Option?
So ganz ohne Information – das funktioniert vielleicht eine Zeitlang. Aber wenn ich auf Dauer nichts mehr mitbekomme von dem, was in der Welt passiert, kann ich mich eben auch nicht mehr einbringen.
Wie viel Information brauche ich überhaupt?
Ich würde mich bei einer Nachricht immer fragen: Ist sie wirklich relevant? Betrifft sie mich oder die Menschen um mich herum? Hilft sie mir, etwas besser zu verstehen oder ein Problem zu lösen? Ich befürchte zudem, dass eine solche Abkapselung das Aufkommen von Verschwörungstheorien verstärkt.
Kommen in Ihre Beratung oft Menschen, die sich in unserer Krisenwelt machtlos fühlen?
Selten melden sich Menschen mit genau diesem Thema an. Oft zeigt sich erst im Gespräch, wie anstrengend die Welt für sie ist und wie sehr das zu ihrer Überforderung beiträgt.
Wie helfen Sie diesen Menschen?
Ich habe Schwierigkeiten damit, kurze, schnelle Tipps zu geben. Wenn ich irgendwo eine Liste mit zehn Tipps sehe, wie man besser mit Weltschmerz und schlechten Nachrichten umgehen kann, bin ich skeptisch. Was ich sagen kann, ist: Ich versuche, Menschen klarzumachen, dass sie nicht komplett ohnmächtig und hilflos sind. Es hilft zu verdeutlichen, dass das Nicht-mehr-Weiterwissen nicht gleich persönliches Scheitern bedeutet. Es gibt Möglichkeiten, selbst wirksam zu sein. Und sei es nur im Kopf.
Aber auf den Krieg im Iran, den ich in der Tagesschau sehe, habe ich doch keinen Einfluss, oder?
Der Mensch muss sich nicht in Bezug auf die Krise selbst als selbstwirksam erleben, sondern merken: Ich kann mein eigenes Leben in bestimmten Formen gestalten und muss die Krisen trotzdem aushalten.
Warum muss ich sie aushalten?
Weil ich diese Krisen nicht auflösen kann. Sie passieren, ob ich will oder nicht. Ich verstehe, dass Menschen einfache Lösungen wollen. Doch die gibt es in den meisten Fällen leider nicht. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Leute dahingehend zu ermutigen.
Wie machen Sie das?
Indem ich mit Menschen auf die Suche gehe nach ganz konkreten Möglichkeiten, wie sie in ihrem Leben Dinge gestalten oder sich in die Lage versetzen können, das sehend auszuhalten, was derzeit nicht zu ändern ist.
Zur Person
Stephan Trillmich (54) ist Freier Redner, Paarberater und Mediator. Seit 2024 arbeitet er im Referat für Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück.