Nachwuchssorgen: Theologiestudium muss attraktiver werden
Gemeinsam statt einsam

Foto: kna/Harald Oppitz
Theologiestudierende: Es werden immer weniger.
Dirk Ansorge begann 1980 mit seinem Theologiestudium – in Bochum als Priesteramtskandidat des Bistums Essen. „Damals waren wir über alle Semester rund hundert Leute allein für das Priesteramt, dazu die anderen, die Theologie auf Diplom studierten, und die vielen Lehramtsstudierenden“, sagt er. Heute lehrt er selbst: Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. „In meiner Christologie-Vorlesung sitzen in diesem Semester 12 bis 15 Studierende.“
Es habe einen „Einbruch durch Corona gegeben. Und durch den Missbrauchsskandal“, sagt Ansorge, der auch Vorsitzender des Katholischen Fakultätentags ist, eines Zusammenschlusses der theologischen Einrichtungen und ihrer Professorinnen und Professoren. Aber kleinere Zahlen seien nicht die einzige Veränderung. „Als ich studierte“, sagt der Theologe Ansorge, „kamen praktisch alle aus der Mitte der Gemeinden, haben Jugendarbeit gemacht, waren Messdiener oder im Pfarrgemeinderat und gingen sonntags in die Kirche.“ Heute könne er selbstverständliche Grundkenntnisse in kirchlicher Theorie und Praxis nicht mehr voraussetzen. „Und das Zweite Vatikanische Konzil, das für uns noch nah dran war, ist für junge Leute heute eine uralte Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.“

Foto: Sankt Georgen
In Deutschland kann man an elf staatlichen und acht kirchlichen Universitäten das theologische Vollstudium absolvieren – in der Regel braucht es dafür Professuren in rund einem Dutzend theologischer und philosophischer Fächer. Dazu kommen 34 Institute an anderen Fakultäten, an denen man sich vor allem für das Lehramt an Schulen qualifiziert. „Ich kann schon verstehen, dass bei manchen Universitäten und Landesregierungen die Frage gestellt wird, ob das bei geringerer Auslastung noch angemessen ist“, sagt Ansorge. „Allerdings ist meines Wissens zurzeit kein Standort an einer staatlichen Einrichtung konkret gefährdet. Ich würde auch für jede Fakultät kämpfen.“
Allerdings ist allen Beteiligten klar: Es müssen neue Zielgruppen erschlossen werden. Deshalb hat Sankt Georgen einen hybriden Bachelor-Studiengang entwickelt als Weiterqualifikation für Menschen, die bereits im kirchlichen Dienst sind. „Er läuft jetzt zum zweiten Mal und wir haben jeweils 30 Studierende“, sagt Ansorge.
„Grenzgänge sind extrem bereichernd“
Die Zukunft liege aber vor allem „in noch stärkeren Kooperationen, in einem noch stärkeren interdisziplinären Ansatz“, sagt er. In den vergangenen Jahren sind diverse Studiengänge „mit Theologie“ an den Start gegangen. So bieten in Bonn die Theologische Fakultät und die Wirtschaftswissenschaften einen gemeinsamen Abschluss an; in Passau verbindet ein Masterstudium Theologie, Caritaswissenschaft und werteorientiertes Management; in Dortmund kann man Religion, Ethik und Politik studieren; an diversen Orten kooperieren Theologie und Kulturwissenschaften; es gibt Theologie und Soziale Arbeit, ökumenische und interreligiöse Angebote.
Für Ansorge ist all das nicht nur aus der Not geboren. „In andere Disziplinen zu schauen, ist das Lebenselixier der Theologie“, sagt er. „Grenzgänge sind extrem bereichernd. Nur wenn man auch in die anderen Wissenschaften schaut, egal ob Geistes-, Sozial- oder Naturwissenschaften oder Technik, gibt es auch in der Theologie Innovation.“ Aber gilt das auch umgekehrt? Haben auch die anderen Wissenschaften Interesse an der Theologie? „Das ist natürlich unterschiedlich“, sagt Ansorge. „Aber eigentlich findet man in den anderen Fakultäten immer Leute, die wertschätzen, was wir beitragen können.“
In diesem interdisziplinären Ansatz sieht sich Ansorge nun auch von höchster Stelle bestätigt – vom Papst, der im Dezember in Rom zu Theologinnen und Theologen aus aller Welt sprach. Dabei forderte er dazu auf, die Theologie mit anderen Disziplinen zu kombinieren, „einschließlich Philosophie, Literatur, Kunst, Mathematik, Geschichte, Recht, Politik und Wirtschaft“. Sie müssten „sich gegenseitig befruchten, denn wie bei den Sinnen des Körpers hat jeder seine eigene Funktion, aber sie brauchen einander.“
„Zu kooperieren ist bei uns schon lange üblich“, sagt Ansorge, der in Rom dabei war. Genau wie das üblich ist, was der Papst außerdem betonte: „Eine rein männliche Theologie ist eine unvollständige Theologie.“ In Deutschland, so Ansorge, seien inzwischen 27 Prozent der Professuren weiblich besetzt. „Das klingt wenig, ist aber international ein Spitzenwert.“
Ist die deutsche Theologie also weltweit gesehen doch voraus? „Zumindest hat sie eine gute institutionelle Basis und eine große Freiheit in der Forschung“, sagt Ansorge. Er nimmt aber auch Skepsis wahr: „Alle lesen Rahner oder Ratzinger, aber sonst ist Deutsch keine theologische Sprache mehr.“ Auch zur Promotion oder Habilitation schicken manche Bischöfe aus Afrika oder Asien ihre Priester inzwischen lieber woanders hin. Umso wichtiger ist es Ansorge, gegen Vorurteile anzuarbeiten: „Während der Weltsynode haben wir in Rom am Campo Santo einen Workshop angeboten. Wir wollten zeigen: Wir sind keine Ketzer. Wir können auch konstruktiv.“
Zur Person
Dirk Ansorge lehrt Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen und ist Vorsitzender des Katholischen Fakultätentags.