Migration
Gesichter der Migration
Foto: Daniela Elpers
Erzbischof Heße beim Besuch von Flüchtlingsfamilien in Mexiko 2026.
„Wir schaffen das.“ Der Satz der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 wurde zum Symbol der Willkommenskultur für Flüchtlinge, die aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien in großer Zahl nach Mitteleuropa und Deutschland kamen. Auch die katholische Kirche wollte damals ein Zeichen setzen und ernannte Erzbischof Stefan Heße zum ersten Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen. „Das Amt wurde geschaffen, um dem Thema ein Gewicht zu geben und deutlich zu machen, wie bedeutsam das Schicksal der geflüchteten Menschen ist und dass die Kirche von ihrem Auftrag her an der Seite der Flüchtlinge stehen muss“, so Heße.
Er entwickelte das Amt des Flüchtlingsbeauftragten maßgeblich selbst. Zu seinen Aufgaben zählten die Koordination kirchlicher Aktivitäten, die Vernetzung der Diözesen und die Organisation von Flüchtlingsgipfeln. Ihm stand ein neu gebildeter Arbeitskreis aus Fachleuten zur Verfügung und er initiierte jährliche Erhebungen über das Engagement der Kirche im Bereich der Flüchtlingshilfe. „Ich habe immer wieder den Bischöfen davon berichtet und habe sie ermuntert, dem Thema und den Menschen Aufmerksamkeit zu schenken.“
Ein besonderes Anliegen war ihm immer die Nähe zu den Betroffenen. Jährlich reiste er in Länder, in denen Flucht eine große Rolle spielt, und suchte den direkten Kontakt zu den Menschen: „Am beeindruckendsten sind für mich die Begegnungen mit den Geflüchteten selbst. Wenn man ihre Geschichten hört, erfährt, woher sie kommen und was Leben auf der Flucht bedeutet, dann wird man ganz still und staunt, was Menschen alles leisten können und wozu die Not sie antreibt.“
Das Klima ist rauer geworden.
Er betont: „Jede Region hat ihre eigenen Herausforderungen und Gesichter der Migration.“ Und so hatte jede Reise des Flüchtlingsbeauftragten auch andere Schwerpunkte: die Migration in Mexiko durch die US-Grenzmauer, Flucht über das Mittelmeer nach Sizilien, Migration aus Afrika über Marokko, Binnenflucht und Ausreise in der Ukraine nach dem Kriegsausbruch sowie die Fluchtbewegungen aus dem Sudan nach Ägypten.
Besonders eindrücklich war für ihn auf seiner letzten Reise als Flüchtlingsbeauftragter die Begegnung mit einem Polizisten, der in den USA an einem Gericht arbeitet, an dem über die Abschiebung von Menschen entschieden wird. „Er erzählte uns, er habe noch nie ein positives Ergebnis gehabt, sondern alle Leute würden dort, wo er arbeite, abgelehnt. Er erlebe, wie die Familien zerrissen würden, wie der Vater direkt ins Flugzeug gesetzt und ausgeflogen werde und die Mutter mit den Kindern allein bleibe. Das, was er jetzt dort im Gericht erlebe, traumatisiere ihn so, dass er nicht wisse, wie lange er das noch aushalten solle.“
Was Erzbischof Heße auf seinen Reisen immer wieder beeindruckt, ist der Einsatz der Menschen vor Ort: „Ich bin vor zwei Jahren in Kenia in einem riesigen Flüchtlingslager mit ein paar hunderttausend geflüchteten Menschen gewesen. Und ich habe noch immer den asiatischen Jesuiten vor Augen, der dort mitten im Flüchtlingslager lebt, um bei den Menschen zu sein und sie zu unterstützen.“
Oft feierte Heße auf seinen Reisen Gottesdienst mit den Menschen und merkte immer wieder, wie wichtig der Glaube für die Betroffenen ist. Besonders bewegend war für ihn das Bekenntnis eines Geflüchteten: „Ich habe alles verloren. Nur meinen Glauben nicht. Und der trägt mich.“
Wir müssen von gelungener Integration erzählen.
In den vergangenen zehn Jahren hat er einen Wandel der gesellschaftlichen Stimmung beobachtet: „Damals 2015 wurden die Menschen mit ,Refugees Welcome‘ begrüßt. Das ist heute längst nicht mehr so. Das Klima ist rauer geworden, auch für die Helferinnen und Helfer.“ Viele Länder haben in der vergangenen Zeit außerdem die finanziellen Leistungen im Bereich der Flüchtlingshilfe drastisch zurückgefahren. „Ich wundere mich, und das habe ich auch jetzt gerade in Mexiko erlebt, wie viel trotzdem aus eigener Kraft möglich ist. Ich habe großen Respekt davor, was die Menschen in der Flüchtlingshilfe in den Herkunftsländern und auch bei uns zu Wege bringen.“
Deshalb sei die Unterstützung durch die Kirche heute besonders notwendig: „Als Kirche stehen wir auf der Seite der Menschen, sind Anwalt der Menschlichkeit. Unsere Aufgabe ist es, seelsorglich für die Menschen da zu sein. Wichtig scheint mir auch, dass wir positive Geschichten erzählen von gelungener Integration.“
Persönlich zieht der Erzbischof nach zehn Jahren als Flüchtlingsbeauftragter eine positive Bilanz: „Mir hat das sehr viel Freude gemacht. Am Anfang wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde. Aber das ist ein reiches Feld und absolut notwendig, vor allem, wenn man sich vorstellt, dass die Zahl der Migranten weiterwächst.“
Sein Amt wird künftig in der neuen Kommission für Weltkirche und Migration weitergeführt. Heße bleibt dem Thema verbunden: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich damit nichts mehr zu tun haben werde. Flüchtlingshilfe ist eine wichtige Aufgabe für die Kirche.“
Zur Person
Erzbischof Stefan Heße war zehn Jahre lang der erste Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen in der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Vorsitzender der Kommission für Migration. Bei der Herbstversammlung wurde er nun zum Vorsitzenden der Kommission für Familie, Jugend und Bildung gewählt.