Lieder vor der Krippe und Gedichte am Heiligabend
„Gott schickt uns seinen Sohn“
Foto: privat
Bei der Familie Teuwisse wurde früher zu Weihnachten viel gesungen.
Wenn Irmintraud Teuwisse-Eckard zu Weihnachten an ihre Kindheit und Jugend denkt, zieht sich ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Foto aus den frühen 1960er Jahren, das viele Erinnerungen in einem Bild zusammenfasst. Ihre Mutter hält sie und zwei ihrer Geschwister auf dem Schoß und der Blick aller geht zur Krippe. „Wir singen da ein Lied – wir haben immer massenhaft gesungen im Advent und zu Weihnachten“, sagt die 71-Jährige.
Seit zehn Jahren lebt die pensionierte Lehrerin und freischaffende Künstlerin in Nordhorn. Aufgewachsen ist sie mit fünf Schwestern und Brüdern aber im äußersten Südwesten Deutschlands, in einem 300-Einwohner-Dorf im Markgräflerland. Der Vater arbeitet als Lehrer – und das bestimmt die Adventszeit der Familie. Denn er studiert mit der Schülerschaft das Krippenspiel für den Gottesdienst ein, mit dem der Heiligabend startet. „Meine Mama hat die Gewänder genäht, mit allen Änderungen bis zur letzten Minute.“ Ganz entspannt sind die Wochen vor Weihnachten also nicht immer – zumal die Mutter den Ehrgeiz hat, „mindestens zehn bis 15 Sorten Kekse zu backen. An jedem Adventssonntag gab es eine Schale und „natürlich wurden die auch verschenkt“. Verpackt in Tütchen aus glattgestrichenem Geschenkpapier vom Vorjahr, für Menschen aus dem Dorf und den Nachbarn gegenüber. „Heiligabend durften wir dann soviel essen, wie wir wollten.“ Nach den Blätterteigpastetchen mit Hühnerfrikassee.
Die Weihnachtsgeschichte aus der Familienbibel
Es gibt viele solcher Rituale, von denen Irmintraud Teuwisse-Eckard erzählt. Wie sie vor der Bescherung mit den Geschwistern auf der Holztreppe Gedichte lernt, wie der Papa im „natürlich verschlossenen Weihnachtszimmer“ verschwindet und die Kerzen am Tannenbaum entzündet und wie die Mama das Glöckchen läutet – das eher eine echte Glocke ist. Jetzt liegt sie auf dem Tisch in Nordhorn, die „habe ich geerbt und freu mich immer, wenn ich sie sehe“. Und sie denkt an das Bild vom Vater, der aus der Familienbibel die Weihnachtsgeschichte vorliest, und danach mit den Kindern Blockflöte spielt. Noch ein anderer Brauch ist ihr im Gedächtnis geblieben – dass die Eltern stets zwei verwitwete Frauen aus dem Dorf an Heiligabend eingeladen haben. „Sie gehörten bei uns einfach dazu.“
Dieses Element, an Weihnachten nicht nur auf sich zu gucken – das haben Irmintraud Teuwisse-Eckard und ihr Mann Gerard später übernommen. „Wir haben überlegt – wer ist vielleicht allein und wem würde eine Einladung guttun?“ Das ist mal die alleinstehende Dame aus der Straße oder das Ehepaar, das noch nicht so viel Kontakt hat. Ansonsten hat sie rund um Weihnachten eher vieles reduziert. Was auch daran liegt, dass ihr vor einigen Jahren verstorbener Ehemann Niederländer war und für ihn daher eher „Sinterklaas“, also das Nikolausfest Anfang Dezember, im Focus stand.
Weihnachten war für ihn trotzdem wichtig – aber ohne die Äußerlichkeiten, sondern vor allem mit der Christmette. „Er hat immer gesagt, da feiern wir den Geburtstag von Jesus und das ist das Wesentliche.“ Sie selbst fühlt sich dadurch fast ein bisschen befreit von dem Druck, der sich sonst in vielen Familien aufbaut. „Ich merke, dass ich immer weniger Deko und das ganze Zeugs brauche.“
Orgelspiel in Nordhorner Kirchen
Selbstgebackene Kekse gehören schon dazu, ein kleiner Engel im Regal, einige Lichterketten, eine Kerze auf dem Tisch – und das Wohnzimmer erfüllt mit dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach – „das tut mir gut“. Das gilt auch für das Orgelspielen, mit dem sie nach dem Tod ihres Mannes wieder angefangen hat. Sie begleitet in fast allen Nordhorner Kirchen die Gottesdienste, in der Weihnachtszeit noch mehr als sonst. „Das ist genau stimmig für mich.“
Wie die Kunst, die sie lebenslang begleitet. Sie malt und zeichnet religiöse und spirituelle Motive, hat Fenster und Altäre in Kirchen, Kapellen und Klöstern gestaltet. Kunst und Glaube sind eng verbunden für sie. Jedes Jahr im Advent entsteht ein Bild mit ihrer persönlichen Botschaft. 2025 ist das ein Meer von goldenem Licht, das die Nacht erhellt. Daraus gestaltet sie ihre Weihnachtspost, bis zu 120 Briefe und Karten verschickt sie an Freunde und Familie und will damit etwas von der Freude weitergeben. „Gott schickt uns seinen Sohn, ein größeres Geschenk konnte in der Weltgeschichte nie jemand machen.“
Noch weitere Geschichten über Erinnerungen an Weihnachten lesen Sie in unserer Druckausgabe Nr. 26 auf den Seiten 24 bis 27.