Impuls zur Sonntagslesung am 24. August 2025

Heilung statt Gewalt

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Liebe statt Hiebe
Nachweis

Foto: imago/chromorange/Martin Schroeder 
 

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Gewalt ist kein Mittel guter Erziehung – nicht für Gott, aber auch nicht für die Menschen. Daran erinnert dieses Schild bei einer Demo gegen Rassismus.

„Wen der Herr liebt, den züchtigt er …“, heißt es im Hebräerbrief an diesem Sonntag. Straft Gott also? Und wenn ja, wie? Die Religionspädagogin Annette Edenhofer erklärt, wie die Vorstellung vom strafenden Gott missbraucht wird und welchen erzieherischen Ansatz sie in der Bibel findet. Ein Interview von Michael Kinnen.

Frau Professorin Edenhofer, ist Gott ein Sadist?

Wenn man die Religionskritiker wie Feuerbach oder Nietzsche hört, dann könnte man das meinen. Aber: Nein, Gott ist nicht sadistisch. Gott bietet Raum und Grenzen durch die Schöpfung. Da ist viel Freiraum, der uns Menschen als Geschöpfe in unserer Freiheit ernst nimmt. Aber wenn ich die Freiheit überreize, die Grenzen überschreite, dann wird es schädlich, zerstörerisch und schmerzlich. Im Raubbau bestrafe ich mich selbst. 

Wie meinen Sie das?

Entscheidend ist das Gottesbild: Ich glaube nicht, dass die Männerprojektion einer strafenden Instanz aus dem Jenseits stimmt – schon gar nicht, wenn menschliche Autoritäten sozusagen stellvertretend für Gott anderen eine Strafe aufbürden. Die Bibel ist mit vielen Schriften aus anderen Religionen der Ansicht, dass die Strafe der Gottheit zu überlassen ist. Das ist nicht Menschenaufgabe.

Wie straft Gott – im Hier und Jetzt oder später?

Jedenfalls nicht im menschlichen Sinn. Es ist meiner Meinung nach eine menschlich gesetzte, fast gotteslästerliche Vorstellung, dass Gott mit Gewalt straft und erzieht. Das ist eine Projektion und Rechtfertigung der eigenen Hilflosigkeit, wenn man das Gott zuschreibt. Es ist ja oft so, dass ich keine Lust habe, fair zu streiten oder geduldig zu erziehen auf der Suche nach kreativen Möglichkeiten. Im Stress greife ich zu Gewalt. Da ist Gott anders: langmütig und barmherzig.

Manche Bibelstellen sind aber sehr gewaltvoll.

Es kommt darauf an, ob ich mir einzelne Sätze herausgreife oder versuche, die Bibel im Ganzen mit der Brille Jesu zu lesen. Die Brille Jesu wird scharf gestellt durch die Bergpredigt. Das kann keine Gewalt-Pä­dagogik rechtfertigen.

Der Spruch „Ein paar Schläge haben noch niemandem geschadet“ ist dann aus christlicher Sicht also auch falsch?

Kindererziehung war und ist heute noch mancherorts so. Aber ich halte es für absolut falsch. Der Satz hat nur insofern einen kleinen wahren Kern, dass man durch einen Schmerz auch Heilung erfahren kann: Es tut weh, die rechthaberischen Anteile zu überwinden und aus Konflikten gemeinsam zu lernen. Das wäre ein kreativer Heilungsschmerz. Das ist aber kein Argument für Gewalt in der Erziehung.

Welche Auswirkungen hat das für eine gute Pädagogik?

Man kann pädagogisch die Grenzen markieren und sagen: Du wirst dich selbst strafen, wenn du so weitermachst wie bisher. Dann kann man durch das Spiegeln des Kontraproduktiven zeigen, dass ein bestimmtes Verhalten zu viel ist und geändert werden sollte. Ob das in der Schule bei schwierigen Schülern ist oder wenn ich an den ausbeuterischen Umgang mit der Natur denke: Aus dem klaren und wiederholten Aufzeigen der Selbst-Schädigung im eigenen Verhalten können wir lernen.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Beim Klima etwa: Wenn wir die Zwei-Grad-Erderwärmung überschreiten, weil wir den Freiraum, die Erde gut zu bestellen, ständig überreizen, hat das für uns negative Folgen. Darauf kann ich hinweisen; ich darf aber keine Gewalt anwenden, auch nicht, um andere erziehen zu wollen. Und es ist auch keine von Gott geschickte Strafe. 

Die Stelle im Hebräerbrief vergleicht ein Strafen Gottes mit menschlicher Erfahrung in der Familienerziehung. Inwiefern kann ein Mensch da Werkzeug Gottes sein?

Werkzeug Gottes kann ich nie sein, wenn ich Gewalt anwende. Die christliche Botschaft ist vielmehr: Wann immer ihr dem Bösen begegnet – besiegt das Böse mit dem Guten! Das ist kein elitär-philosophisches Programm. Das betrifft alle Menschen und jedes Alter, das Gute zu verfolgen.

Auch mit der Gefahr eines missbräuchlichen Umgangs damit?

Ja, ich sehe die Gefahr, dass man mit den höchsten Werten missbräuchlich umgeht – subtil oder offen brutal: ob das die Feindesliebe ist, Demut oder Hingabe, bei den bekannt gewordenen Fällen von körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt etwa in der katholischen Heimerziehung. Da wurde vieles pervertiert im Schafspelz der vermeintlich guten Sache. Da wurde vorgebliche Zucht in der Erziehung zur Unzucht.

Wie kann ich das unterscheiden?

Missbräuchlichen Umgang in der Erziehung erkenne ich daran, dass sie die Welt weiter spaltet, neue Gewalt entsteht und ein Beteiligter auf Kosten eines anderen Vorteile zieht und damit dem anderen schadet, im Machtgefälle oder in gewaltvoller Praxis. Solche Gewalt ist gottlos.

Woran erkenne ich dann den guten Umgang?

Man erkennt es an der Wirkung: Wenn die Früchte Frieden und Gerechtigkeit sind, ist es gut.

Auch wenn der Weg dorthin schmerzlich ist?

Wir erleben ja oft keine heile Welt. Das Lernen im Leben ist natürlich auch ein schmerzlicher Prozess. Aber das ist etwas anderes als eine Lust an Dominanz und am Schmerz um des Schmerzes willen. Nur wer wirklich bedauernd sagen kann „leider tut die Liebe manchmal weh“, spürt einen Schmerz auf dem Weg der Heilung: Mitgefühl zeigen, wo Desinteresse war, ist ein heilsamer Lernschmerz. Da ist Gott auch eine Zumutung für uns.

Michael Kinnen

Annette Edenhofer Zur Person:

Annette Edenhofer ist Professorin für Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB). Sie forscht zu gewaltfreier Kommunikation aus spiritueller Motivation und ist Autorin eines Religionspodcasts.

Foto: Florian Boillot