Leuchtturmprojekte: Wo Kirche in Europa lebt
Hier weht Gottes Geist
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Spanien: Die Kirche, die niemals schließt
Schon früh am Morgen bildet sich eine Schlange vor der Kirche San Antón im Zentrum von Madrid. Wie jeden Tag warten hier bis zu 300 Menschen auf ein kostenloses Frühstück. Es sind vor allem Obdachlose, viele von ihnen Migranten. Es kommen aber auch Spanier. Hauptsächlich ältere Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Rente bis zum Monatsende kommen sollen.
Um 7.30 Uhr öffnet sich die Glastür. Mit einem freundlichen „Buenos días“ leiten Gema Usón und die anderen freiwilligen Helfer der Kirchengemeinde jeden Einzelnen zu einem Stuhl. Usón bringt Croissants, Donuts, Wasser und Obst. Danach macht sie die Runde mit Thermoskannen. Viel Zeit zum Reden hat sie nicht. Es sind einfach zu viele. Doch beim Kaffee-Einschenken versucht sie, zumindest ein paar freundliche Worte zu sagen. „Ihnen ein Lächeln und freundliche Worte zu schenken, ist genauso wichtig wie das Frühstück“, sagt sie. „Das wurde mir bewusst, als ein Mann mir dafür dankte, dass ich ihn wahrnehme und mit ihm spreche. So etwas regt zum Nachdenken und Innehalten an.“
Seit fünf Jahren unterstützt Usón in ihrer Gemeinde die Hilfsbedürftigen. Ein bis zwei Mal pro Woche hilft die Unternehmensberaterin bei der Frühstücksvergabe. Freiwillige Arbeit ist für sie normal. Sie stammt aus einer katholischen Familie aus Nordspanien und kennt das von ihren Eltern. Doch mit der Zeit verlor sie den Glauben an die Kirche, weil das, was gepredigt wurde, nicht gelebt wurde – vor allem die Hilfe für die Vergessenen der Gesellschaft. „Doch durch diese Kirchengemeinde habe ich den Glauben an die Menschen wiedergefunden, die die Kirche ausmachen“, sagt Usón. „San Antón ist eine ganz spezielle Gemeinde, die in der katholischen Kirche als Vorbild gelten sollte.“
Padre Ángel sieht das etwas anders. Seine Kirche sei zwar die einzige in Spanien, die jeden Tag im Jahr rund um die Uhr für alle Menschen und speziell für Hilfsbedürftige geöffnet ist, sagt er: „Aber gerade deshalb ist sie eigentlich eine ganz normale Gemeinde. Eine Gemeinde, so wie sie Jesus forderte und vorlebte.“
Die katholische Kirche sei immer schon Vorreiterin gewesen, wenn es darum ging, Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen, betont er. Sie habe aber auch viele Wunden zu heilen, die sie selbst verursacht habe. Damit meint der Gemeindepfarrer nicht nur die sexuellen Missbrauchsfälle, sondern auch das Versäumnis, die Kirchentüren zu öffnen, das Evangelium zu leben, indem man Hungrige speist und Nackte kleidet. Und genau das lebe man hier vor.
Natürlich hat seine Kirche auch ein normales Gemeindeleben. Es finden Taufen, Hochzeiten und Erstkommunionen statt – und täglich um 19 Uhr ein Gottesdienst. Doch gibt es auch Solidaritäts-Kaffeetreffen vor dem Altar. Die Menschen können hier auf die Toilette gehen, bekommen Essen und können sich kostenlos Lebensmittel abholen, die Gemeindemitglieder spenden. Einer der Beichtstühle wurde in eine Bibliothek mit Bücherspenden umgewandelt.
Am Eingang der Kirche steht ein Automat, an dem man Geschenktickets für ein Mittagessen, einen Haarschnitt, eine Kleiderwäsche oder den Zugang zu öffentlichen Duschen für Bedürftige kaufen kann. Auf den im Kirchenschiff verteilten Bildschirmen schauten die Obdachlosen mit den Gemeindemitgliedern den Papstbesuch im Juni in Madrid und anschließend die Fußball-Weltmeisterschaft. „Und es ist immer einer von uns da, wenn Menschen Hilfe, Lebensmittel oder auch nur einen warmen Kaffee und einen Gesprächspartner brauchen. Auch wenn es tief in der Nacht ist“, versichert Padre Ángel.
Fast 300 freiwillige Gemeindehelfer kümmern sich um die Menschen. Der Grund für das hohe Engagement ist Padre Ángel, der vor über zehn Jahren die Gemeindekirche übernahm. Der 89-Jährige ist vielleicht der bekannteste katholische Priester Spaniens. 1962 gründete er die Hilfsorganisation „Mensajeros de la Paz“ (Botschafter des Friedens), die sich zunächst um benachteiligte Kinder kümmerte und heute Menschen in sozialen Notlagen unterstützt. Hunderte ihrer hauptamtlichen Mitarbeiter helfen ebenfalls in der Kirche von San Antón. Prominente Sportler, Musiker und Schauspieler unterstützen Padre Ángels Arbeit. Allen voran der in Madrid lebende Hollywoodstar Richard Gere, der persönlich in der Kirche von San Antón vorbeischaut und sich regelmäßig an den Solidaritätskampagnen beteiligt.
// Manuel Meyer
Frankreich: Lauter erwachsene Täuflinge
Nathalie B. ist seit Ostern getauft – und glücklich. Die 48 Jahre alte Kindergärtnerin aus Créteil bei Paris hat in ihrem Leben schon viel erlebt: Die Eltern trennten sich früh; durch den Vater hat sie zehn Halbgeschwister, die ein Zirkusleben leben und die sie selten sieht. „Von Zirkusleuten kann man sehr viel lernen“, sagt Nathalie: „nie aufzugeben; sich nicht unterkriegen zu lassen; immer das Beste draus zu machen.“
Sie blieb damals bei der Mutter, die nicht religiös war. Vom Vater kannte sie Jesus. Eines Tages, sie war sechs, nahm ihre Mutter sie mit zur Arbeit, einem Fernsehsender. Allein musste Nathalie dort den Film „Jesus von Nazareth“ von Regisseur Franco Zeffirelli ansehen, der auf einem Bildschirm lief. So viel Hass gegen Jesus, so viel Gewalt – für Nathalie ein Trauma. Seitdem hatte sie Angst vor dem leidenden Christus. Lange ging sie ihren religiösen Weg allein im Stillen. Bis sie vor drei Jahren entschied: Ich möchte getauft werden.
2025 wurden in Frankreich knapp 10 400 Erwachsene getauft, 45 Prozent mehr als 2024. Hinzu kamen 7400 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. Besonders stark zeigt sich das Phänomen in den Pariser Vorstädten, zum Beispiel in Créteil im Süden der Stadt. Und die Zahlen steigen weiter. Wie ist das zu erklären?
Sophie L. ist Schulseelsorgerin an der katholischen Gesamtschule Sainte Marie in Créteil. „Woher das kommt?“, fragt sie und zuckt mit den Schultern: „Frag ihn da oben!“ Sie könnte behaupten, dass sie hier in der Schule einen Super-Job macht. Doch sie sagt: „Das ist es ganz bestimmt nicht.“ Es seien aber auch nicht die sozialen Medien allein. Klar, Videos wie das von dem YouTuber Constant aus Créteil, der inzwischen ins Priesterseminar eingetreten ist, werden über 100 000 Mal geklickt. Er bot zum Beispiel einen Raum zum Stillwerden an, zum persönlichen Gebet.
Doch Tauf- und Firmbegleiter sagen, Informationen und Inhalte aus dem Netz zögen sich die Jugendlichen erst, nachdem etwas oder jemand anderes im Leben ihr Interesse geweckt habe. Ein Freund oder eine Verwandte, die religiös lebt. Ein schicksalhafter Moment. Oder die Großmutter, die sich müht, den Glauben weiterzugeben.
Dem Firmbegleiter Thierry C. sind viele solcher Beispiele begegnet. Er und seine Frau Cathérine wollen anderen auf ihrem Weg zum Glauben helfen. Ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter wie sie sind zwei Jahre persönliche Lehrer und Berater für die Tauf- oder Firm-Anwärter. Man trifft sich von Zeit zu Zeit, spricht über Themen, Fragen und Nöte. Ein Mann erzählte ihm, mit der Taufe sei sein Glaubensweg damals abgebrochen. Nun wolle er „die Übertragung zu Ende bringen“. Ein anderer, so berichtet Thierry, sei schon lange auf der Suche nach einer religiösen Lebensgestaltung gewesen und habe gesagt: „Ich mag Fußball – aber ich hab’ meine Mannschaft noch nicht gefunden ...“
Ein wichtiges Prinzip: Freiwilligkeit, auf beiden Seiten. „Wir sind nicht ihre Mutter!“, betont Béatrice M. aus Vincennes, einer Pfarrei mit derzeit 60 Firmbewerbern. „Wir sind nur Begleiter auf einem Stück Weg – und wenn jemand nicht mehr kommen mag oder kann, dann können wir das nicht verordnen.“
Danièle S. arbeitet im Rathaus und ist dort befasst mit den Kirchenaustritten von Bürgern. Privat dagegen begleitet sie Firmanwärter und freut sich, sagen zu können: „Unsere Zahl ist größer als die andere!“ Frankreichs Kirchenverantwortliche und Bischöfe stehen staunend vor dem Phänomen. Doch mehr und mehr werden Weichen so gestellt, dass die Neuen gut ankommen und bleiben. Im Juni fand eine landesweite Kirchenversammlung mit mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt, um über die geistliche Begleitung von Taufanwärtern und Neugetauften nachzudenken. Im Oktober soll der Prozess fortgesetzt werden und in konkrete Vorschläge für die Bistümer münden.
Die Begleiterin Danièle berichtet, für viele der Neuen seien die Taufe und der Glaube etwas Persönliches und nicht etwas, das man in Gemeinschaft leben müsse: „Für die meisten von uns ist die Taufe ein Beginn – für andere aber auch der Abschluss von etwas.“ Nicht so für die Kindergärtnerin Nathalie B. Seit ihrer Taufe genießt sie das Gemeindeleben noch mehr als zuvor. Schon bald will sie helfen, Kindergottesdienste zu gestalten, und irgendwann will sie selbst andere Menschen zur Taufe begleiten.
// Alexander Brüggemann
Italien: Gott wohnt in der Stille
In Italien sind Gottesdienste oft laut, lebhaft, chaotisch. Aber es gibt Ausnahmen. Eine davon findet sich im Süden von Rom. Auf halber Strecke zwischen Stadtzentrum und Autobahnring liegt unweit des Vergnügungsparks Luneur eine Oase der Stille und des Gebets. Der Weg zu dieser Oase führt durch einen steinernen Tordurchgang und eine schattige Allee zu einem grasbewachsenen Innenhof. Von dort aus sind drei Kirchen zu sehen. Hier ist es so ruhig, dass das Gemurmel des Wassers in einem Brunnen das Grundrauschen von Hunderten Automotoren in der Ferne übertönt.
Die durch ihr Alter und ihre Einfachheit auffälligste der drei Kirchen, eine romanische Basilika, lädt ein zu mehr. In sechs Sprachen, darunter Russisch und Chinesisch, wird im Aushängekasten „Silenzio“ (Schweigen) eingefordert – und das Ausschalten der Handys. Im Inneren empfängt die Besucher eine architektonische Schlichtheit, wie sie in Rom nur selten anzutreffen ist.
Ein dreifacher Glockenschlag durchbricht die Stille, dann nähert sich der erste Mönch in der schwarz-weißen Ordenstracht der Trappisten der Altarstufe, verbeugt sich tief und geht schweigend zu seinem Platz. Weitere Mönche folgen, dann auch einige Nonnen in gleicher Tracht. Nun öffnet ein Mönch eine Gittertür und lädt mit einer schweigenden Geste die Besucher ein, näherzutreten. Manche sitzen nur wenige Meter vom Chor der Beter entfernt, ein Klopfen des Priors auf dem hölzernen Gestühl gibt das Startzeichen zum monoton-melodischen Psalmenwechselgesang.
Der aus männlichen und weiblichen Stimmen gemischte Chor klingt ungewohnt, wenn man klassische gregorianische Gesänge kennt, aber auch frischer. An einer kleinen Orgel begleitet Pater Emanuele mit wenigen Akkorden die Singenden. Am Ende, nach Fürbitten und Marienhymnus, verlassen die Mönche und Nonnen schweigend den Altarraum und gehen in ihre benachbarten Klöster.
Für sie folgt nun eine weitere halbe Stunde stillen Gebets, an ihm können die Gäste nicht teilnehmen. Schweigend weist ein Mönch den Gästen den Weg aus der Kirche. Einige Besucher gehen in den Klosterladen, um das in Tre Fontane produzierte Trappistenbier oder das Olivenöl vom klostereigenen Olivenhain zu kaufen. Andere kehren zurück in den Gästebereich des Klosters. Zehn einfache Zimmer gibt es dort, seit Jahren sind sie fast immer ausgebucht. Maximal drei Tage können Gäste bleiben, Priester und Ordensleute doppelt so lange. Außer einem Schlafplatz, Mahlzeiten und der Teilnahme an den Gebetszeiten ist das Angebot überschaubar: Wer will, kann mit einem der Mönche sprechen oder eine Beichte ablegen.
Pater Emanuele betreut den Gästebereich. Er berichtet, vor allem junge Menschen fragten dieses Angebot nach, zu den Sonntagsmessen kämen überwiegend Rentner. Das schweigende, aufs Wesentliche reduzierte spirituelle Angebot der Trappistenabtei übe eine besondere Anziehungskraft aus, sagt er.
Vor zwei Jahren legte Bruder Pietro sein Ordensgelübde ab. Er ist ein Glücksfall für den Konvent, der zuletzt einige ältere Mitbrüder durch Tod verlor und seine Reihen auch durch jüngere Mönche aus Brasilien, Nigeria und Indonesien auffüllte. Pietro ist gebürtiger Römer, wuchs in der Nähe des Klosters auf und hat Ingenieurwissenschaften mit dem Schwerpunkt Robotik und Künstliche Intelligenz studiert. Er arbeitete in einem Raumfahrtunternehmen, bevor ihn bei einem Klosteraufenthalt der Ruf ereilte, Mönch zu werden.
Die fünf Schwestern, die aus der Trappistinnen-Abtei in Vitorchiano nördlich von Rom entsandt wurden, haben ebenfalls dazu beigetragen, die Abtei Tre Fontane zu dem zu machen, was sie ist: ein ebenso stiller wie lebendiger Ort, an dem es kaum Überflüssiges gibt und Gottes Gegenwart umso reichlicher spürbar wird.
// Ludwig Ring-Eifel
Polen: „Die Kirche müsste junge Menschen begleiten, statt sie zu belehren“
In Polen waren lange Zeit 90 Prozent der Menschen katholisch. Doch seit einigen Jahren sinkt die Zahl rapide. Der Dominikanerpater Tomasz Dostatni, einer der profiliertesten katholischen Intellektuellen des Landes, erklärt, woran das liegt – und wie die Kirche auf ihren Bedeutungsverlust reagieren sollte.
Pater Tomasz, Polen galt lange als eines der katholischsten Länder Europas. Erleben wir heute nur einen Rückgang der Kirchenbindung oder einen kulturellen Bruch?
Ich würde Polen heute als ein Labor von Glauben und Unglauben bezeichnen. Diesen Begriff habe ich während meiner Jahre in Tschechien kennengelernt. Dort lag die Betonung eher auf dem Unglauben, in Polen traditionell auf dem Glauben. Jetzt erleben wir einen tiefen Wandel. Rund 72 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich weiterhin als gläubig. Das sind allerdings deutlich weniger als noch vor zehn Jahren – der Anteil ist um 16 Prozent gesunken. Zugleich ist die Kirche regional sehr unterschiedlich.
Warum geht dieser Wandel so schnell?
Es gibt mehrere Gründe. Einer sind die Missbrauchsskandale. Zahlreiche Bischöfe, etwa 15, wurden vom Vatikan wegen ihres Umgangs mit Fällen sexuellen Missbrauchs bestraft. Für die Öffentlichkeit war das ein Schock. Die Kirche hat Glaubwürdigkeit verloren. Und dabei zeigte sich: Vieles, was wir für Glauben hielten, war in Wirklichkeit Kultur und Tradition. Der persönliche Glaube war oft weniger stark, als wir angenommen hatten.
Welche Rolle spielt die enge Verbindung von Kirche und Politik?
Eine sehr große. Teile der hierarchischen Kirche haben sich stark mit einer politischen Seite verbunden, vor allem mit dem nationalkonservativen Lager. Das ist keine moderne Beziehung zwischen Kirche und Staat. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollte es Autonomie und Zusammenarbeit geben, aber keine Bindung an eine einzelne Partei und kein aktives parteipolitisches Engagement. Christentum darf nicht darauf beruhen, andere auszuschließen. Gesellschaft müssen wir mit anderen gemeinsam gestalten, auch mit Menschen anderer Herkunft, Religion oder Überzeugung.
Sie sprechen von „galoppierender Säkularisierung“. Hat die Pandemie diese Entwicklung beschleunigt?
Ja. Mein Freund, der tschechische Theologe Tomáš Halík, sprach von einer Zeit der Kirchen ohne Menschen, von leeren Kirchen. Viele haben damals erfahren: Ich kann die Messe im Internet verfolgen. Andere sagten: Ich brauche das überhaupt nicht. Gewohnheiten wurden unterbrochen, und viele Menschen sind nicht zurückgekehrt.
Besonders stark verliert die Kirche junge Menschen. Warum?
Weil wir ihre Sprache verloren haben. Viele kirchliche Begriffe erreichen sie nicht mehr. Sie reagieren nicht automatisch auf Autorität oder Hierarchie. Entscheidend sind Glaubwürdigkeit und Authentizität. Die Kirche müsste junge Menschen begleiten, statt sie zuerst zu belehren. Ein Beispiel: Jean-Claude Hollerich, der Kardinal aus Luxemburg, fährt mit Jugendlichen nach Afrika und baut dort mit ihnen Häuser für arme Menschen. Er tritt nicht als Kardinal auf, sondern arbeitet mit ihnen. Irgendwann kommen die jungen Leute zu ihm und stellen Fragen. So kann Glaubensvermittlung heute funktionieren: erst Beziehung, dann Gespräch.
Muss sich die Kirche also stärker an die moderne Kultur anpassen?
Nicht anpassen, aber in Dialog treten. Es gibt keinen anderen Weg als das Gespräch mit der zeitgenössischen Kultur. Menschen haben weiterhin religiöse und metaphysische Bedürfnisse. Sie suchen Sinn. Darauf kann die Kirche nicht nur mit Moral und mit einem Schema von Ja oder Nein antworten. Sie muss in Kultur, Kunst und Gesellschaft präsent sein.
Die Zahl der Priester und Seminaristen sinkt. Kommt Polen nun in eine ähnliche Entwicklung wie Deutschland oder Frankreich?
Die polnische Kirche ist noch immer sehr klerikal. Das wird sich ändern müssen. Wenn es weniger Priester gibt, müssen Laien mehr Verantwortung übernehmen. Ein Priester muss nicht zugleich Ökonom, Sekretär und Verwalter sein. Auch der Ständige Diakonat sollte stärker entwickelt werden. Pfarreien werden bereits zusammengelegt. Daraus können aber kleinere und bewusstere Gemeinschaften entstehen. Solche Gemeinschaften gibt es in Polen bereits. Sie sind eine Hoffnung für die Kirche.
Bei Themen wie Abtreibung, Sexualmoral, Rolle der Frauen und künstliche Befruchtung stehen kirchliche Positionen und gesellschaftliche Wirklichkeit weit auseinander. Wie sollte die Kirche damit umgehen?
Für mich ist das entscheidende Bild: Die Kirche sollte ein offenes Tor bieten, aber keine belagerte Festung sein. Wenn man sie als Burg versteht, wird jede Kritik als Angriff empfunden. Dann fällt auch die Aufarbeitung eigener Fehler schwer. Kirche muss offen sein und auf die Menschen zugehen. Das gilt auch für den Missbrauch. Manche Bischöfe verstehen, dass eine ernsthafte Aufarbeitung notwendig ist. Aber vieles geht zu langsam voran. Solange Kritik und die Aufarbeitung von Skandalen als Herabwürdigung der Kirche oder als Angriff verstanden werden, wird das Problem bestehen bleiben.
Interview: Ludger Möllers