Der Theologe Anpalagan hat seine Kriegsdienstverweigerung widerrufen

„Ich will die Kranken und Schwachen verteidigen“

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Stephan Anpalagan
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Foto: Benjamin Jenak

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Stephan Anpalagan (42), evangelischer Theologe, Moderator und Autor

Der evangelische Theologe Stephan Anpalagan hat seine Kriegsdienstverweigerung widerrufen. Was hat ihn dazu gebracht?Wie vereinbart er seine Entscheidung mit seinem Glauben? Und was genau ist es, für das er im Ernstfall mit der Waffe kämpfen will?

Sie haben mit Anfang 20 den Kriegsdienst verweigert. Warum?

Ich hatte mehrere Gründe. Der erste war, dass ich als Säugling 1984 mit meinen Eltern – wegen des Bürgerkrieges in Sri Lanka – nach Deutschland gekommen bin. Ich bin in Wuppertal aufgewachsen und habe die 1990er-Jahre als bedrückend erlebt, insbesondere wegen der rechtsextremen Angriffe auf Asylbewerberheime. Die Konservativen, die in dieser Zeit in Teilen „Kinder statt Inder“ forderten oder „gegen Ausländer“ unterschreiben ließen, waren dabei keine Hilfe. Im Jahr 2000 habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen – trotz allem bewusst und gern. Aber ich habe mich damals noch schwer damit getan, dieses Land mit der Waffe zu verteidigen.

Was war der zweite Grund?

Ich war immer schon in meiner evangelischen Kirchengemeinde aktiv und fühlte mich als Pazifist. Da kam der Zivildienst in der Diakonie mir gerade recht. Er war sehr prägend und wichtig für mich.

Wann haben Sie angefangen zu zweifeln, ob die Kriegsdienstverweigerung richtig war?

Ehrlicherweise habe ich immer gezweifelt – an meiner Haltung und meiner Beziehung zu diesem Land. Denn trotz all der rassistischen Ausgrenzungen wusste ich: Deutschland ist meine Heimat. Die Menschen hier sind meine Mitmenschen und meine Landsleute. Hier leben meine Familie und meine Freunde. Ich will und kann hier nicht weg. Dann kam noch eine Erkenntnis dazu.

Welche?

1998 stimmte der Bundestag der Beteiligung der Bundeswehr am bewaffneten NATO-Einsatz in Jugoslawien zu, dem ersten Kampfeinsatz in der Nachkriegsgeschichte. In den Debatten damals wurde mir klar: Wenn es einen Völkermord gibt, kommen wir irgendwann mit Reden nicht mehr weiter. Dann braucht es eine militärische Antwort. Diesen Gedanken hatte ich vorher nicht so richtig zugelassen. Aber je älter ich geworden bin, desto mehr hat er sich in mir entfaltet. Erst recht, als Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Beeinflusst hat mich zudem noch ein ganz persönliches Problem. 

Erzählen Sie!

Mein Vater ist schwer an Demenz erkrankt. Vorher hatte ich gedacht: Wenn wir angegriffen werden, dann fliehe ich halt. Jetzt habe ich mich gefragt: Was passiert dann mit all den Menschen, die nicht fliehen können, mit den Alten und Kranken – und mit meinem Vater? Es muss Menschen geben, die sie verteidigen. So wuchs mein Wunsch, für Frieden zu kämpfen.

Wie vereinbaren Sie den Widerruf Ihrer Kriegsdienstverweigerung mit Ihrem Glauben? 

Dass Pazifismus der Kern des Christentums sein soll, ist nicht falsch – wenn man Pazifismus als hoffnungsstiftende Vision begreift, auf die wir alle hinarbeiten müssen. Aber Pazifismus kann nicht bedeuten, dass wir einem Volk wie der Ukraine, das angegriffen wird, nicht beistehen. Denn zum Kern des Christentums gehören Solidarität, Empathie und Nächstenliebe.  

Manche Christen sagen: Wir wollen doch nur Frieden!

Ich will auch nicht in einer Welt leben, in der Militär und Generäle das Sagen haben. Aber ich will, dass das Überleben von Menschen nicht davon abhängt, ob ihre Länder zu den starken, großen, militärisch am besten ausgestatteten gehören. Ich möchte eine Welt, die auf dem Völkerrecht fußt. Das ist für mich zutiefst christlich. Die Alliierten, die unser Land von den Nazis und ihrem Faschismus befreit haben, die haben doch nichts Unchristliches getan. Sondern sie haben sich für die Verfolgten und die Schwachen eingesetzt – so wie es Jesus gefordert hat. 

Welche Konsequenzen hätte der Widerruf Ihrer Kriegsdienstverweigerung im Ernstfall?

Ich habe mich zur Reserve bei der Bundeswehr gemeldet. Das bedeutet, dass ich im Kriegsfall dieses Land mit der Waffe verteidigen würde.

Was genau ist es, was Sie in diesem Land verteidigen wollen?

Ich will vor allem die Menschen verteidigen, die hier leben – und alles, was ich hier schätze und liebe. Meine Familie. Die Menschen in meiner Umgebung. Die Kranken und Schwachen, die sich nicht selbst verteidigen können.  

Haben Sie Angst vor dem Ernstfall und vor dem, was dann auf Sie zukommt?

Ich bin Kind von Flüchtlingen und habe meine ersten Jahre hier in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. Ich habe erlebt, dass diese Welt voller Ungewissheit und Umbrüche ist. Anders als manch eine westdeutsche Familie habe ich nicht die letzten achtzig Jahre in Stabilität, Frieden, Freiheit und Wohlstand verbracht. Dadurch habe ich eine Resilienz entwickelt. Ich nehme die Welt, wie sie ist – und versuche, so gut wie möglich damit umzugehen.

Interview: Andreas Lesch

Buch Anpalagan

Zur Sache

Stephan Anpalagan: Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung. Verlag S. Fischer, 192 Seiten, 18 Euro 

Foto: S. Fischer Verlage