Starke Frauen Teil 3

Ihr Engagement führte sie bis vors Gericht

Image
Schwester Mechthild Thürmer im Porträt
Nachweis

Foto: kna/Christoph Rentzikowski

Wir stellen fünf Ordensfrauen vor, die sich kraftvoll für Gutes einsetzen. Sie ringen um Reformen, zeigen Mut im Angesicht von Krieg. Sie schützen Geflüchtete, setzen sich für den Klimaschutz ein oder unterstützen Kranke.

Schwester Mechthild erkennt die Stimme von Waala sofort: „Am Telefon sagt er immer: ‚Danke, Mama, danke für alles.‘“ Und dass bei ihm alles gut sei. Es sind kurze Gespräche, aber Schwester Mechthild Thürmer, die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Maria Frieden in Kirchschletten, freut sich über diese Anrufe. Waala war der erste Mann, den sie ins Kirchenasyl aufnahm. Zehn Jahre ist das her. „Damals stand eine junge Frau, die in der Flüchtlingsunterkunft half, mit diesem verängstigten Mann vor unserer Tür“, sagt Schwester Mechthild. Sie bat sie herein und hörte Waalas Geschichte: Als IS-Terroristen sein Dorf im Irak überfielen, floh er, ohne Papiere oder Kleidung.

„Ich habe erst mal geschluckt.“

Seine Flucht führte ihn über das Mittelmeer bis nach Scheßlitz, eine Kleinstadt in Oberfranken, acht Kilometer vom Kloster entfernt. Nach einigen Monaten dort erhielt er einen Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. „Er sollte abgeschoben werden, nach dem Dublin-Verfahren“, sagt Schwester Mechthild.

Kirchenasyl: Nicht einfach, sondern herausfordernd

Waala war in Ungarn kurzzeitig inhaftiert und dort registriert worden. „Er wollte nicht zurück, hat die Krise gekriegt“, sagt Schwester Mechthild. Er berichtete von der willkürlichen Haft in Ungarn, der dunklen Zelle, Hunger, Gewalt und Schlägen. „Und dann hat er mich gefragt, ob er nicht bei uns Kirchenasyl bekommen könnte“, sagt Schwester Mechthild. „Ich habe erst mal geschluckt.“

Hilfe für die Ordensschwestern: Waala aus dem Irak hilft den Frauen in der Landwirtschaft. Foto: Privat

Kirchenasyl – davon hatte sie in ihrer Schulzeit gehört: „Damals habe ich gedacht, wie schön das ist, dass die Kirche solchen Menschen Schutz bietet, aber ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mal angefragt würde.“ Mittlerweile haben mehr als 30 Flüchtlinge Kirchenasyl in Kirchschletten gefunden. „Diese Menschen haben mich schlichtweg erbarmt“, sagt Schwester Mechthild. „Wenn es einem so schlecht geht, wenn ich die Aussichtslosigkeit und die Verzweiflung in ihren Augen sehe. So etwas kann man nicht spielen.“

Das Kirchenasyl ist herausfordernd: die Bürokratie, die vielen Schreiben an die Behörden, an den Erzbischof von Bamberg, an das Katholische Büro in München. „Ich muss zeigen, dass dieser Mensch vor mir ein Härtefall ist. Dass er oder sie die Aufnahme ins Kirchenasyl verdient hat“, sagt Schwester Mechthild. Auch im Kloster muss alles organisiert sein. Die Flüchtlinge leben auf dem Gelände, sie helfen in der Küche oder in der Landwirtschaft. Schwester Mechthild kümmert sich außerdem um Deutschkurse.

„Ich könnte jetzt einen Satz aus der Bergpredigt zitieren: Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan“, sagt Schwester Mechthild über ihre Motivation. „Aber darüber denke ich gar nicht nach. Ich habe mich um diese Menschen einfach kümmern müssen.“ Ihr Kampf für die christliche Nächstenliebe führte sie vor einigen Jahren bis vor Gericht.

Ihr drohte eine Haftstrafe

Sie war angeklagt wegen Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt in mehreren Fällen. Als sie sich weigerte, eine Geldstrafe zu akzeptieren, drohte ihr eine Haftstrafe. Sie erhielt Unterstützung aus der ganzen Welt; Menschen schrieben ihr, dass sie für sie beten. „Ich hatte keine Angst. Ich habe alle Regeln eingehalten“, sagt sie. Letztlich wurde das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt.

Ein Dämpfer ihres Engagements? „Nein“, sagt Schwester Mechthild. „Wir sind alle Schwestern und Brüder, unabhängig davon, welche Hautfarbe, welche Sprache oder welche Kultur wir haben.“
 

Kerstin Ostendorf