Theologin lernt von ihrer Arbeit mit Kindern

Kinder halten den Glauben fit

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Kind mit gefalteten Händen
Nachweis

Foto: istock/christening

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Kinder überraschen die Theologin mit ihren Gedanken und kritischen Fragen. 

Petra Freudenberger-Lötz aus Kassel ist Kindertheologin – sie bearbeitet mit Kindern theologische Fragen. Immer wieder ist sie fasziniert davon, was sie selbst dabei lernen kann.

„Krass, was Kinder für Ideen haben“, dachte sich Petra Freudenberger-Lötz schon öfters. Sie ist Professorin für Religionspädagogik mit dem Schwerpunkt Kindertheologie. Sie traut Kindern viel zu: Sie seien neugierig, wollten die Welt entdecken und kämen unweigerlich zu Fragen über die letzten Dinge: Warum gibt es Leid? Wie sieht Gott aus und wo kann ich ihn finden? Freudenberger-Lötz ist überzeugt: Wenn Erwachsene sich mit Kindern auf den Weg machen, können sie gemeinsam mit ihnen viel lernen. Denn Kinder seien fähig, Wahrheiten zu erspüren. Davon geht das Konzept der Kindertheologie aus.

Kindertheologie ist ein Aspekt der Religionspädagogik, die sich Ende der 1990erJahre entwickelt hat. Es geht darum, Kinder mit ihren theologischen Gedanken ernst zu nehmen. Die Kindertheologie geht davon aus, dass alle profitieren, wenn Erwachsene mit ihnen über Grundfragen ins Gespräch kommen. „Es ist wichtig, bei dem anzudocken,einerwas die Kinder mitbringen, bei ihrem Vorwissen und ihren Ideen. Nur so können sie sich neues Wissen aneignen. Sonst verpufft alles, was wir ihnen erzählen“, sagt sie.

Die Professorin aus Kassel liebt ihre Arbeit. Auch wenn die studierte Grundschullehrerin heute vornehmlich an der Universität beschäftigt ist, kommt sie über Projekte regelmäßig in Kontakt mit Kitakindern, Schülern und Schülerinnen. „Meine Gespräche mit den Kindern haben meinen Glauben immer wieder herausgefordert und lebendig gehalten. Es bedarf dafür einer gewissen Flexibilität im Denken“, sagt sie.

"Es bedarf einer gewissen Flexibilität im Denken"

Sie erinnert sich an eine Szene, bei einem Gespräch über Gottesvorstellungen im Kindergarten. Ein Kind hat immer wieder neue Bilder von Gott beschrieben – mal hatte Gott große Augen und Ohren sowie viele Münder. Er sollte mit allen Menschen gleichzeitig sprechen können und sie hören. Am nächsten Tag hatte es ganz andere Ideen. „Das hat mir noch mal gezeigt, wie situativ Gottesbilder sind, wie sehr sie mit unserer Lebenswelt zusammenhängen. Das muss man sich immer wieder klar machen, dass es nicht eine starre Gottesvorstellung gibt“, sagt die Theologin. Beeindruckend fand sie auch das Bild eines Jungen in der Grundschule. Er hat in sein Religionsheft die Konturen eines Menschen mit einem großen Herzen gezeichnet. In dieses Herz malte er Gott im weißen Gewand. „Das Bild hat die ganze Klasse fasziniert. Wir haben uns die ganze Stunde darüber unterhalten: Wo wohnt Gott eigentlich?“, erzählt Freudenberger-Lötz, die selbst auch Mutter ist.

Erwachsenen rät sie im Gespräch mit Kindern zunächst gut zuzuhören und Freude über die Fragen zu signalisieren. Es sei wichtig, herauszufinden, warum die Frage in diesem Moment für die Kinder bedeutend ist, und ob das Kind vielleicht schon selbst eine Idee hat. So kann der Erwachsene das Kind bei den eigenen Gedanken unterstützen. Dabei ist es wesentlich, authentisch zu bleiben. „Wenn ich unsicher bin, dann sollte ich das sagen. Wir können dann gemeinsam den Weg zu einer Lösung beschreiten, in der Kinderbibel nachschauen oder den Pfarrer fragen.“ Freudenberger-Lötz warnt vor theologischen Floskeln, die man selbst nicht verstanden hat. Das spürten Kinder. 

Die Theologin ist der Meinung, dass es keine Fragen gibt, für die Kinder noch zu klein sind, wenn diese sie selbst ansprechen. „Wenn Kinder mich fragen: ‚Warum lässt Gott das zu, dass Kinder im Krieg getötet werden?‘, dann kann ich doch nicht sagen: ‚Du bist noch zu klein für diese Frage.‘ Stattdessen suche ich mit dem Kind nach einer Lösung. Sobald eine Frage in einem Kind brennt, ist es nicht zu klein dafür“, sagt sie.

"Sobald eine Frage in einem Kind brennt, ist es nicht zu klein dafür"

Freudenberger-Lötz findet es wichtig, dass Kinder einen Ort haben, an dem sie über religiöse Themen sprechen können. „Kinder stellen große Fragen. Sie wollen die Welt erkunden. Da sind existentielle Fragen dabei. Sie brauchen einen Raum, in dem sie diese stellen können.“ Es helfe Kindern bei ihrer Entwicklung, wenn sie erfahren, dass es möglicherweise etwas gibt, das größer ist als sie selbst. „Das ist für uns alle sehr tröstlich. Ich denke, wir kommen im Leben an den Punkt, an dem wir merken, dass es vielleicht mehr gibt als das, was wir berechnen können. Diese Fragen treiben uns um. Wir können einfacher damit leben, wenn wir von klein auf die Möglichkeit haben, darüber nachzudenken, Wissen zu erwerben und Erfahrungen zu sammeln“, sagt sie.

Natürlich müsse sie sich auch oft mit kritischen Fragen auseinandersetzen, gerade bei der Arbeit mit älteren Schülern und Schülerinnen. „Hier finde ich es wichtig, all ihre Fragen zuzulassen, und wirkliches Interesse an dem zu zeigen, was sie denken. Ich will sie nicht zu einer bestimmten Antwort überreden, aber mit ihnen im Gespräch bleiben. Wenn ich sie ernst nehme und von meinen eigenen Erfahrungen erzähle, bewegt sich manchmal etwas.“

Die Theologin freut sich auf die nächsten Gespräche mit großen und kleinen Kindern über Gott und die Welt. Sie strahlt, wenn sie sagt: „Die Arbeit mit den Mädchen und Jungen hält mich in Schwung. Ich lerne, nicht aufzugeben. Wenn Kindern eine Frage drängt, dann forschen sie so lange, bis sie eine Antwort haben. Kinder bringen oft so frische und überraschende Gedanken mit.“

Theresa Breinlich

Zur Person

Petra Freudenberger-Lötz
Foto: Hanno Paul

Petra Freudenberger-Lötz ist Professorin für Evangelische Religionspädagogik an der Universität Kassel. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bereich Theologischer Gespräche mit Kindern und Jugendlichen. Sie war fünf Jahre Grundschullehrerin in der Nähe von Heilbronn.