Karneval in schwierigen Zeiten

Lachen hilft, gerade jetzt

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Rosenmontag, Karneval
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Foto: kna/Theo Barth

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 Sich in den Armen liegen und feiern – beim Rosenmontagsumzug vergessen viele ihre Alltagssorgen.

Karneval ist die Zeit, um ausgelassen zu feiern und alle Sorgen zu vergessen. Manche schauen mit Vorfreude darauf, anderen ist angesichts der Krisen nicht zum Feiern zumute. Dabei tut es gerade in schweren Zeiten gut zu lachen.

Jetzt ist doch der perfekte Zeitpunkt, Witze zu machen“, sagt Tahsim Durgun, nachdem Pläne von Rechtsextremen veröffentlicht worden waren, die massenhaft Menschen deportieren wollen. Der 28-Jährige mit kurdischen Wurzeln lud auf Instagram und TikTok ein Video hoch, in dem er scherzhaft drei Orte vorschlägt, an denen sich seine Followerinnen und Follower verstecken könnten, falls sie abgeschoben werden sollten. Ein Vorschlag: „Direkt bei der AfD, da seid ihr sicher“. In all seinen Videos verbindet er ernste Themen mit Ironie. „Humor und Schmerz gehören für mich zusammen“, sagte er zuletzt im Interview mit „ZEIT Online“.

Schmerz über Kriege, Naturkatastrophen, die antidemokratischen Strömungen und Schmerz aus ganz persönlichen Enttäuschungen tragen wir immer mit uns herum. Mal mehr, mal weniger. Doch sollte uns das davon abhalten, zu lachen und zu feiern – besonders jetzt an Karneval? Man könne immer Gründe finden, nicht zu feiern, sagte der Münsteraner Pfarrer und Karnevalist Thomas Frings der Katholischen Nachrichtenagentur. 

Dabei weiß jeder von uns, wie erleichternd es ist, auch mal lauthals zu lachen. Kichern, glucksen, losprusten – das alles befreit. Wenn wir uns nach einer Beerdigung beim Kaffee daran erinnern, welche Charakterzüge des Verstorbenen wir besonders geliebt haben oder welche uns besonders provoziert haben zum Beispiel. Oder wenn bei politischen Diskussionen am Mittagstisch ein kleiner Scherz Schärfe aus der Debatte nimmt. Lachen kann befreien. Sich für ein paar Stunden die Freiheit nehmen, die Sorgen des Alltags und die Katastrophen in der Welt zu vergessen – das tut der Seele gut und macht den Kopf frei für Neues.

Auf den Karnevalsfeiern an diesem Wochenende geht es noch um mehr. Karneval sei die beste Gelegenheit, um Spaß zu haben und sich gleichzeitig politisch zu äußern. Frings sagt: „Ich habe in den vergangenen Wochen keine Sitzung erlebt, in der nicht von der Bühne aus jemand eindeutig Position bezogen hat gegen Rechtsextremismus und für die Demokratie.“

Jecken fahren eigene Geschütze auf

2022 fiel Rosenmontag in die Woche direkt nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Noch kurz vorher hatte in Westeuropa niemand wahrhaben wollen, dass die russischen Truppen es wagen würden, Kiew anzugreifen. Alle waren schockiert. Plötzlich war wieder Krieg in Europa. Anstatt Karnevalsumzüge abzusagen, fuhren die Jecken ihre eigenen Geschütze auf: In Köln küsste ein gewaltiger künstlicher Putinkopf auf einem Karnevalswagen den Teufel und in Düsseldorf badete eine Putinfigur in einer mit Blut gefüllten Badewanne mit der ukrainischen Flagge darauf.

Einerseits sind diese Darstellungen makaber, weil sie einen wahren Kern haben. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer erleben seit Kriegsbeginn wirklich die Hölle. Andererseits fühlen wir uns leichter, wenn wir uns über Wladimir Putin lustig machen. Unser Leben geht weiter – trotzdem verdrängen wir nicht, dass Krieg tobt. Oder, wie es in einem kölschen Karnevalslied heißt: „An den Sorgen schunkeln wir nicht vorbei.“

Luzia Arlinghaus