Wie die Kirche Menschen auf Reisen besondere Momente schenkt
Mit Gott im Urlaub
Foto: kna/Christiane Tauer
Beste Laune: Urlauberseelsorger Ralf Winterberg und Touristin Anita Wendt.
Seelsorge am Meer
„Manche kommen gezielt, manche bleiben zufällig stehen“
Es soll einer der ersten richtig heißen Tage dieses Sommers werden. Anita Wendt geht mit einer Bekannten die Strandpromenade des schleswig-holsteinischen Ostseebads Dahme entlang. Es ist Vormittag und der Seewind hält die Temperaturen noch erträglich. „Moin, die Damen!“, ruft Pater Ralf Winterberg ihnen zu. Er hat gerade das hölzerne Absperrgitter an seinem Strandkorb geöffnet. Wenn der 64-Jährige dort Platz nimmt, blickt er nicht aufs Meer. Der katholische Geistliche schaut auf die Menschen, die an den Cafés und Boutiquen entlang schlendern, und grüßt sie freundlich.
Die beiden Frauen bleiben stehen, ein Gespräch beginnt. Schließlich setzt sich Wendt zu Winterberg in den Strandkorb. „Ich bin zwar evangelisch, aber das macht ja nichts“, sagt sie und lacht. Eine gute Viertelstunde spricht sie mit ihm, während das Urlaubsleben auf der Promenade seinen Lauf nimmt und einige Passanten zu ihnen hinüberschauen. „Ah ja, dieser Zuhör-Korb“, sagt eine Frau leise zu ihrem Mann, als sie den Schriftzug am Kopfteil des Strandkorbs entdeckt.
Der Strandkorb des Ordensmanns ist kein normaler Strandkorb, sondern der Zuhör-Korb der Tourismusseelsorge Ostholstein. Winterberg sieht auch nicht aus wie ein typischer Pater. Mit Schirmmütze, blauem T-Shirt und Shorts erinnert er eher an einen Touristen-führer, den Urlauber nach dem Weg fragen können.
Niedrigschwellig und ohne Zeitdruck
Seit drei Jahren sitzt er als Tourismusseelsorger der Pfarrei Sankt Vicelin während der Urlaubssaison immer mittwochs im Zuhör-Korb in Dahme. In einigen anderen Nord- und Ostseeorten wie Tossens, Langeoog oder Kühlungsborn gibt es ähnliche Angebote. Sie richten sich an alle, die einfach mal mit jemandem sprechen möchten, der ein offenes Ohr für sie hat.
Der Zuhör-Korb ist Seelsorge to go – außerhalb von Gottesdienst und Kirchengebäude. Niedrigschwellig, ohne Zeitdruck und unabhängig von Konfession oder Gesprächsthema. „Manche kommen gezielt zu mir, weil sie ein Anliegen haben. Manche bleiben zufällig stehen“, sagt Winterberg. Einige kämen später sogar noch einmal vorbei und berichteten, was sich seit dem Gespräch verändert habe.
„Nächstes Jahr ist es mein 50. Sommer“
Warum sich Anita Wendt heute zu dem Ordensmann gesetzt hat? „Einfach so, vielleicht wegen des frischen Windes“, sagt die 85-Jährige. Außerdem habe sie den Pater schon einmal in einem der ökumenischen Gottesdienste in Dahme gesehen. Seit Pfingsten sei sie da und werde bis Mitte Oktober in ihrem kleinen Häuschen bleiben, erzählt die Hamburgerin. „Nächstes Jahr ist es mein 50. Sommer.“
Früher sei sie mit ihrem Mann hergekommen. Doch seit seinem Tod vor vier Jahren komme sie allein. Mit Winterberg habe sie sich über ihren ursprünglichen Herkunftsort Leipzig unterhalten und darüber, warum sie dialektfreies Hochdeutsch spreche: Wendt arbeitete früher im Fernmeldeamt und verband Menschen telefonisch miteinander.Das Angebot des Zuhör-Korbes findet sie gut: „Kirche muss sich öffnen und Leute ansprechen.“ Es könne gar nicht genug solcher Angebote geben. Ob katholisch oder evangelisch, spiele dabei keine Rolle.
„Vor allem für die Jugend muss man viel mehr tun“, sagt Wendt, die zwölf Jahre lang Kirchenvorsteherin ihrer Gemeinde war. Die Urlauberin weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Seelsorge ist: „Viele Leute schimpfen über die Kirche und die Kirchensteuer.“ Sie selbst sehe das anders: „Irgendwoher muss man ja seine Kraft holen.“ Als ihr Mann starb, hätten ihr viele geraten, einen Therapeuten aufzusuchen, um die Trauer zu bewältigen. Sie aber habe gedacht: „Nein, das machst du mit dir selbst aus. Und wenn was ist, setzt du dich auf die Kirchbank.“
Dort habe sie intensive Gespräche mit ihrer Pastorin geführt – über Verlust und Verlassenheitsgefühle, aber auch über viele andere Themen ihres Alltags: „Da merkt man erst, dass man nicht verlassen ist, sondern behütet.“ Die Kirche sei für sie zu einer Kraftquelle geworden.
„Ich liebäugle noch mit Heiligenhafen“
Ähnliches könne auch der Dahmer Strandkorb bieten, wenngleich Winterberg das Angebot eher als Möglichkeit für einen ersten Kontakt mit Urlaubern versteht. Sich selbst sieht er als Botschafter der Kirche, der seinen Gesprächspartnern beispielsweise zeigt, welche Angebote es auch in ihren Heimatorten gibt.
Im Schnitt führt der Geistliche an einem Vormittag ein bis zwei Gespräche pro Stunde. Außer in Dahme ist er einmal pro Woche in Grömitz mit einem Seelsorgeangebot vertreten, eine Kollegin ist auf Fehmarn im Einsatz. „Ich liebäugle noch mit Heiligenhafen“, sagt Winterberg. Dort könne er sich vorstellen, seinen Strandkorb an einem zentralen Ort aufzustellen, an dem viele Menschen vorbeikommen: auf dem Marktplatz.
// Christiane Tauer
Seelsorge im Gebirge
„Nimm wahr mit allen Sinnen: Gottes Schöpfung bietet Wunderbares“
Die Sonne lacht wie neugeboren vom blauen Himmel über Berchtesgaden, frischer Schnee aus einer Kaltfront hat die Spitzen der Berge weiß gepudert. Eine Szene wie gemalt: Tourenwetter.
Auf der Rossfeld-Panoramastraße knattern Motorräder an Rennradlern vorbei. Gar nicht so leicht, an einem Ferienwochenende kurz vor Mittag noch einen der 400 Parkplätze an den Aussichtspunkten zu ergattern. Beim Ahornkaser gibt es einige Lücken. Glück gehabt. Oder ist eine höhere Macht im Spiel?
Die jüngste Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist unterwegs im äußersten Südostzipfel Bayerns. Sie nennt sich Gipfelkreuz und ist seit 2020 ein bundesweites Sammelbecken für christliche Alpinistinnen und Alpinisten: Freikirchliche Kletterer treffen auf katholische Schneeschuhwanderer und evangelische Erlebnispädagogen.
Daniel Jägers (39), Pfarrer der bayerischen Landeskirche in Budapest, scharte vor sieben Jahren elf Gleichgesinnte um sich. Aus den Zwölf der ersten Stunde ist eine Gemeinschaft von 7500 Mitgliedern geworden. Bei allen Unterschieden verfolgen sie eine Idee: Bergsport mit Glauben zu verbinden, hoch oben tiefe Erlebnisse miteinander zu teilen. Gelegenheiten zu schaffen, Gott zu begegnen.
„Hier sind wir willkommen“
Vor dem Start zu einer Ausbildungstour gibt es einen Segen: „Gehe und höre, schau, nimm wahr mit allen Sinnen: Gottes Schöpfung bietet Wunderbares.“ Erhard Steiger (72) betet vor. Er ist der Senior unter den angehenden Tourenleitern, die Jüngsten sind Anfang 20. Der ehemalige Priester, Mönch und Erwachsenenbildner aus der Pfalz hat seine Ehefrau Rita mitgebracht. Sie leitete viele Jahre den Alpenverein in Pirmasens.
Dort habe es für sie beide nicht mehr so recht gepasst, erzählt das Paar. Bei den Gipfelkreuzlern haben sie eine neue Heimat gefunden. Ab dem ersten Kontakt hätten sie gespürt: „Hier sind wir willkommen, hier sind wir richtig.“
Die Wege zur neuen Sektion sind so verschieden wie die des Herrn: Mundpropaganda im Hauskreis, ein Kontakt am Gipfelkreuz-Stand auf der „Mehr“-Konferenz des Augsburger Gebetshauses, Sektionswechsel und attraktive Mitgliedsbeiträge sorgen für stetes Wachstum.
„Megacooler Vers“
Im Hauptverein mit seinen über 1,6 Millionen Mitgliedern war die Gründung nicht unumstritten. Schließlich sind die Untergliederungen des Alpenvereins weitgehend lokal organisiert und nicht überregional oder thematisch. Die Gipfelkreuz-Pioniere mussten sich mit Vorbehalten auseinandersetzen. Sie hörten Sätze wie: „Aber ihr Christen seid doch keine diskriminierte Minderheit.“ Oder: „Wenn wir das erlauben, dann kommen auch die Schäferhundebesitzer und wollen ihre eigene Sektion.“ Doch das ist Geschichte. Nach einem Jahr war die Aufnahme perfekt.
Der Weg zum Purtschellerhaus führt über eine nicht enden wollende hölzerne Stiege. Rita Endres-Steiger protestiert, ihr ist das Tempo zu schnell. Es wird also Zeit für eine Verschnaufpause – und einen frischen spirituellen Impuls.
Jakob, Maschinenbauingenieur in Stuttgart, hat ein handgemaltes DIN-A4-Blatt dabei: darauf ein Berg, ein Skitourengeher und eine Bibelstelle aus dem Buch der Sprüche, in der es um Gottvertrauen geht. Jakob spricht von einem „megacoolen Vers“. Er erzählt, der Vers bestärke ihn bei kniffligen Entscheidungen in den Bergen, etwa bei Lawinengefahr nicht in den falschen Hang einzufahren. Dabei ist ihm klar: Gottvertrauen ersetzt Planung und Risikoabwägung nicht, aber es kann vielleicht ein verführerisches Bauchgefühl korrigieren.
Das Purtschellerhaus liegt mitten auf der deutsch-österreichischen Grenze. Nach 1945 war die Schutzhütte der einzige Treffpunkt für Leute von hüben und drüben, solange am Schlagbaum niemand durchgelassen wurde. Grenzen überwinden, das hat sich auch der Gipfelkreuz-Vorstand vorgenommen – und Toleranz gegenüber Andersdenkenden in der Satzung verankert.
Konfessionelle Eigenheiten sollen das Miteinander bereichern, nicht hemmen. Wenn aber nur eine Minderheit die Lieder ohne Noten aus dem zusammenkopierten Heft kennt, wird der gemeinsame Gesang schnell dünn. Musikalisch sei noch „Luft nach oben“, räumt der Vorsitzende ein.
„Manchmal erkenne ich Jesus nicht“
Oben bietet sich eine spektakuläre Aussicht vom Dachstein bis zum Untersberg. Direkt hinter der Hütte ragt der Hohe Göll mit seiner schroffen Nordflanke auf. Die Gruppe packt ihre Brotzeitbeutel aus.
Andrea, Elektrotechnikstudentin aus Augsburg und Absolventin einer Bibelschule, interpretiert die Emmaus-Geschichte. „Also ich weiß nicht, wie es euch geht“, sagt die 23-Jährige. „Aber manchmal erkenne ich Jesus einfach in meinem Leben nicht.“ Den beiden Jüngern gingen ja auch erst im Nachhinein die Augen auf, wer sich da unterwegs zu ihnen gesellt hatte. „Vielleicht erzählt ihr euch auf dem Abstieg, wo ihr Jesus schon mal erlebt hat. Ich finde es jedenfalls immer superermutigend, wenn ich darüber staunen darf, wie Gott anderen begegnet ist.“
„Ströme lebendigen Wassers“
Beim nächsten Halt leitet Anna aus Lüdenscheid eine Sinnesübung an: Je fünf Minuten schweigend gehen, erst den Körper spüren, dann riechen, hören, sehen. Tatsächlich verstummen die Gespräche ringsum. Der Hexenschuss von letzter Woche? Tut gar nicht mehr weh. Feinkörniges Geröll unter der Sohle? Jetzt mal schön sorgfältig auftreten. Da – ein Kuckuck ruft. Der wäre beim Plausch über Erfahrungen mit Jesus oder den noch nicht erklommenen Traumgipfel kaum bemerkt worden.
Aus einer Quelle gluckert klares Nass in einen Trog. „Ströme lebendigen Wassers, das ist das Motto meiner nächsten Pilgerwanderung im Lechtal“, erzählt Erhard Steiger nach der Rückkehr ins katholische Jugendhaus Marktschellenberg. Geschafft, zufrieden – und voller Vorfreude.
// Christoph Renzikowski