Töne, Trauer, Taktgefühl

Musikalische Trauerarbeit

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aufgeschlagenes Liederheft
Nachweis

Foto: Lisa Discher

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Offenes Singen gegen Trauer auf dem Osnabrücker Johannisfriedhof

Wenn Worte fehlen, kann Singen wohltuend sein. Für trauernde Angehörige nach einem Todesfall, aber auch für Sterbende selbst. Ein Blick in die musikalische Trauerarbeit in Osnabrück – auf dem Friedhof und im Hospiz.

15 Menschen, bunte Regenjacken, Liedblätter und Grabsteine. Wenn es auf dem Osnabrücker Johannisfriedhof plötzlich nach Tony Sheridan und den Beatles klingt, dann geht es vielleicht gerade um gemeinsame Trauerbewältigung. Und die muss nicht traurig sein – sie darf Freude machen, auch ganz ausgelassen sein. Leichtigkeit ist das Ziel – trotz Trauer. Genau das wollen Trauerbegleiter Steffen Brockmeyer aus dem Osnabrücker Hospiz und Musiktherapeutin Sabine Weymann ausprobieren und jährlich zum gemeinsamen Singen auf den Friedhof einladen – an diesem Tag findet es zum ersten Mal statt.

Singen gegen Trauer – das machen Brockmeyer und Weymann schon länger, gründeten einst einen eigenen Chor. Geplant war er für ein Jahr, daraus wurden vier. Vergangenes Jahr dann die Auflösung. „Die Gruppe hat sich selbst getragen, über den Chor hinaus“, sagt Brockmeyer. Zwar war das Interesse groß, neue Mitglieder kamen bis zuletzt. Doch für die, die von Anfang dabei waren, wurde es zunehmend schwer. Was passiert sei, wie es einem gehe – solche Fragen wollten und konnten sie nach den Jahren nicht immer wieder aufs Neue beantworten.

Die meisten, die sich an diesem Tag zwischen alten Gräbern und Bäumen zum Singen zusammengefunden haben, kennen sich nicht. Ihre Verbundenheit ist der Verlust. Im Halbkreis stehen sie um Sabine Weymann herum. Die Musiktherapeutin schaut in die Runde: Lächeln und Begrüßen und Aufwärmen; Arme und Beine, die schlackern. Leute pressen laut Luft durch halb geöffnete Münder, dann geht es los. Erst leise, dann selbstbewusst. Wiegen sich von links nach rechts. Singen. „My Bonny is over the ocean“, hallt es über den Friedhof, „my Bonny is over the sea“.

Laut, leise, schreien oder weinen. „All das darf sein“, sagt Weymann. Das gemeinsame Singen auf dem Friedhof sei ein Angebot, das angenommen werden dürfe, nicht müsse. So kann es etwa passieren, dass jemand mitten im Lied sagt, er könne das gerade nicht mitsingen, weil es zu emotional sei. Das ist jedoch kein Problem. „Auf jeden wird eingegangen, auf jeden wird Rücksicht genommen.“ Und das ist wichtig, denn „Trauer ist individuell, so individuell wie die Menschen selbst“, erklärt Brockmeyer. Ihn trug etwa die Musik von Jupiter Jones durch seine Verlusterfahrungen, erzählt er. „Manchmal hat mir auch Punk-Musik ganz gutgetan, so konnte ich Dinge einfach mal rausschreien.“ Das Lied, das Sabine Weymann durch das Leben begleitet? What a Wonderful World, sagt sie.

Singen auf dem Friedhof
Trauerbegleiterin Sabine Weymann (Foto) und ihr Kollege Steffen Brockmeyer sind überzeugt, dass Trauerarbeit nicht unbedingt traurig sein muss. Foto: Lisa Discher

Trauer ist vor allem eine Geschichte von Liebe, sagt Brockmeyer. „Und es gehört dazu, dass Menschen diese Geschichten beim Trauern miteinander teilen können.“ Darum soll das gemeinsame Singen ein Raum sein, in dem nicht nur Gesang, sondern auch Austausch stattfindet. „Dabei geht es nicht nur um das Sprechen über Verlust, es geht darum, sich etwas Gutes zu tun.“ Denn gerade in haltlosen Zeiten, so Brockmeyer, kann Singen Halt geben.

„Musik spricht einen Teil des Gehirns an, der etwa bei Demenz als letzter seine Funktion einstellt“, sagt die Musiktherapeutin Sabine Weymann, sie ist überzeugt: Ist die Musik im Kopf aus, sind auch wir nicht mehr. Und auch, wenn das Leben zu Ende geht, kann Gesang Halt geben. Das kann auch Steffen Brockmeyer bestätigen. Er erzählt von einem Gast im Hospiz und einem Erlebnis, das ihn bis heute berührt. Eine ältere Dame hatte eine besondere Verbindung zur Musik, sagt Brockmeyer. Sechzig Jahre hatte sie in einem Chor gesungen. Das Abschiedslied nach jeder Probe? Möge die Straße uns zusammenführen, ein irischer Segenswunsch. Kurz bevor die Frau verstarb, versammelte sich der ehemalige Chor auf der Terrasse ihres Hospizzimmers und sang für die Frau, als sie selbst nicht mehr singen konnte. Die alten Lieder – und zum Abschied den irischen Segenswunsch. „Vielleicht hat es ihr geholfen zu gehen“, sagt Brockmeyer.

Musik wirkt als starker Erinnerungsspeicher

Dass Singen Sterbende friedlicher gehen lassen kann, weiß die Ergotherapeutin Lisa Saurin. Die Osnabrückerin hat sich zusätzlich ausbilden lassen, um Musik als therapeutisches Mittel einsetzen zu können. Sie arbeitet unter anderem mit demenziell Erkrankten, begleitet jedoch auch Menschen am Ende ihrer Leben – bei ihnen zu Hause, aber auch im Hospiz. Saurin erinnert sich an eine Frau, die sie bis kurz vor ihrem Tod begleitete, für die sie dabei sang. Als sie das Lied Geh aus mein Herz und suche Freud anstimmte, öffnete die Frau ihre Augen noch ein Mal – sie erkannte ihr Lieblingslied. Friedlich habe die Frau gehen können. „Bis zum letzten Moment“, sagt Saurin, „haben wir zusammen gesungen“.

Musik wirkt als starker Erinnerungsspeicher, kann schöne Erinnerungen wecken, reguliert die Atmung, senkt den Blutdruck – und kann hierdurch eine beruhigende Wirkung haben. Auch Glückshormone werden ausgeschüttet. Beim Singen, aber auch beim Zuhören. Außerdem wirkt Musik direkt auf das limbische System, der Ort im Hirn, der Gefühle verarbeitet. Das erklärt, warum Singen Emotionen weckt. Saurin sagt: „Mir passiert es schon einmal, dass mir die Stimme wegbricht oder mir ein Tränchen über die Wange läuft.“

Die Gruppe, die an diesem Tag auf dem Friedhof singt, wirkt hingegen fröhlich. In der Pause versammeln sich einige um einen mitgebrachten Holztisch. Eine Frau hält einen dampfenden Becher Tee in beiden Händen. Sie heißt Claudia, ihr Mann starb vor fünf Jahren. „Wie zugeschnürt“ war ihre Kehle damals, singen konnte sie nicht. Heute und hier ist das anders, sagt Claudia: „Ich konzentriere mich auf das Singen und das ist das Schöne daran.“
 

Lisa Discher

Das Osnabrücker Hospiz bietet ein Mal im Jahr ein offenes Singen gegen Trauer auf dem Johannisfriedhof an. Kontakt: trauer@osnabruecker-hospiz.de