Zwei Abiturientinnen gehen für ein Jahr nach Peru
Nach dem Abi geht’s in die Ferne
Foto: Adrienne-Janine Marske
Von Hildesheim nach Lima: Für Kea Lou von Baumbach (l.) und Tieneke Sobanja beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Es liegt etwas in der Luft. Eine kribbelige Spannung ist zu spüren, als ob elektrische Teilchen durch den Seminarraum in der ersten Etage der Dombibliothek in Hildesheim sausen. Dabei ist es vor allem das kribbelige Gefühl von Aufbruch, Entdeckergeist und Reisefieber, das Tieneke Sobanja und Kea Lou von Baumbach verbreiten und miteinander teilen.
Die beiden jungen Frauen verbindet aber noch mehr: Sie bereiten sich auf ihren Auslandseinsatz im internationalen Freiwilligendienst des Programms Weltwärts im Bischöflichen Generalvikariat Hildesheim vor.
Gemeinsam geht es im August für ein Jahr nach Lima in Peru, zum Schwesterorden der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim. Die Vinzentinerinnen engagieren sich seit 1969 in Lima. Zu dieser Zeit wurden das Regionalhaus und angrenzend die katholische, peruanisch-deutsche Schule „Reina del Mundo“ im wohlhabenderen Stadtteil La Molina gegründet. Dort im Schuldienst und in einer Kindertagesstätte in Manchay, wo sozial benachteiligte Menschen leben, werden die frisch gebackenen Abiturientinnen eingesetzt.
„Ich wollte wirklich weit weg und raus aus meiner Komfortzone“, sagt Tieneke Sobanja, die in St. Mariä Himmelfahrt in Buxtehude die Messdienerinnen anleitet, Jugendfreizeiten begleitet und „einfach überall mithilft, wo man Gruppenleiter braucht“. Von klein auf ist sie „in die Gemeinde hineingewachsen“ – ihre Mutter ist pastorale Leitung und ihr Vater engagiert sich ebenfalls in der Pfarrgemeinde.
Darum sei für sie schnell klar gewesen, dass ihr Auslandsaufenthalt einen kirchlichen Hintergrund haben sollte: „Ich möchte andere Glaubensgemeinschaften kennenlernen, die zwar das Gleiche glauben wie ich, aber den Glauben anders ausleben.“ Hier geht sie etwa normal gekleidet in den Sonntagsgottesdienst, „ich mache mich nicht schick, ich gehe hin, wie ich hingehe“. Aber in anderen Ländern wie in Peru werde der christliche Glaube viel präsenter gelebt. Dort bedecke man etwa Schultern und Knie in der Kirche und Brüder und Schwestern hätten einen höheren Stellenwert als bei uns.
Der partnerschaftliche Ansatz des Freiwilligenprogramms überzeugte Tieneke Sobanja schnell: „Es wird sehr viel Wert auf den Austausch gelegt. Ich finde gut, dass ich nicht auf eine Quasi-Weltrettermission geschickt werde.“ In Peru möchte sie nicht nur andere Menschen und Kulturen kennenlernen, das Land bereisen, sondern sich selbst weiterentwickeln: „Ich hoffe, dass ich es schaffe, mein Welt- und Menschenbild zu öffnen, keine Scheuklappen mehr aufzuhaben, um die Welt wahrzunehmen, wie sie ist, und nicht in meiner Bubble zu bleiben.“
Ähnlich spricht auch Kea Lou von Baumbach, wenn sie an die kommenden Monate in Peru und an ihren Freiwilligendienst denkt – ähnlich wie Tieneke Sobanja ist die junge Protestantin aus Gelnhausen in ihrer Heimat in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit, der evangelischen Jugend Kinzigtal, verankert. „Ich spüre wie Tieneke diese Reise- und Entdeckerlust und wir möchten beide aus unserer Bubble herauskommen. Wir haben beide im Hinterkopf, aus diesem privilegierten Deutschland einmal herauszukommen und unsere eigenen Lebensrealitäten zu reflektieren“, so die 19-Jährige, die im Abitur Spanisch als Leistungskurs gewählt hatte.
Eine Freundin habe ihr von ihrem eigenen Freiwilligendienst in Bolivien erzählt und ihr das Programm des Bistums Hildesheim empfohlen. Letztlich habe es sie überzeugt, „weil es eine sehr enge Betreuung gibt und ich das Gefühl habe, dass gut auf uns aufgepasst wird und wir begleitet werden“.
Wenn Kea Lou von Baumbach an ihre Arbeit mit den Kindern an der von den Vinzentinerinnen gegründeten Schule denkt, sprudeln aus ihr Vorfreude, aber auch Demut: „Ich freue mich schon sehr darauf, mit den Kindern zu arbeiten. Aber ich habe auch Respekt, weil wir gerade aus der Schülerposition kommen und demnächst dann vielleicht sogar Vertretungsunterricht machen werden.“
Vor ihrer Abreise betreut sie als Teamerin im fünften Jahr noch einmal die Ferienspiele rund um die Marienkirche in Gelnhausen. Wehmut mit Aufbruchstimmung klingen an, als Kea Lou von Baumbach davon spricht, dass sie „noch ein letztes Mal“ bei den Stadtferien ihrer evangelischen Kirchengemeinde dabei sei. Dann heißt es Abschiednehmen von Familie und Freunden und neue Horizonte eröffnen – in Peru.
In Lima werden die beiden jungen Frauen zunächst auf dem Gelände der Vinzentinerinnen eine Wohngemeinschaft in einem Selbstversorgerhaus gründen. Und wie in einer guten WG wollen sie sich gegenseitig unterstützen und freuen sich auf gemeinsame Entdeckungsreisen.
Beiden gemein ist auch der Blick auf den entwicklungspolitischen Aspekt ihres Peru-Einsatzes. „Wir sind uns bewusst, dass wir diese Erfahrung zum Großteil für uns selbst machen“, sagt Kea Lou von Baumbach. Und Tieneke Sobanja ergänzt, dass sie sich nicht auf Rettungsmission sehen, denn: „Es läuft auch ohne uns.“
Das Bistum Hildesheim entsendet auch im kommenden Jahr wieder junge Leute als Freiwillige in internationale Partnerländer wie zum Beispiel Peru. Mehr Informationen gibt es im Internet:
www.bistum-hildesheim.de/kirche-gesellschaft/internationale-freiwilligendienste/