Schwieriges Verhältnis

Papst Leo XIV. und die US-Politik: „Heuchlerische Reden“

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Trump und Papst Leo
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Fotos: imago/ZUMA Press Wire (Trump) - Lola Gomez/CNS photo/kna (Papst)

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Poltert und pöbelt: US-Präsident Donald Trump. Spricht klug und bedacht: Papst Leo.

Leo XIV. ist der erste Papst aus den USA. Bei seiner Wahl haben viele in ihm einen Anti-Trump gesehen. Tatsächlich kritisiert er häufig die Politik des US-Präsidenten, der seit einem Jahr im Amt ist. Schlagzeilen macht er damit selten, doch seine Worte wirken.

Wenn Papst Leo XIV. die Grundlinien der neuen US-amerikanischen Außenpolitik kritisiert, bezeichnet er sie als „Strategien, die darauf abzielen, Märkte, Gebiete und Einfluss-Sphären zu erobern. Es sind bewaffnete Strategien, eingehüllt in heuchlerische Reden, ideologische Behauptungen und falsche religiöse Motive“.

So geschehen beim Jahresabschlussgottesdienst im Petersdom. Zwar nannte der Papst, der selbst aus den USA stammt, weder den US-Präsidenten noch das Land seiner Herkunft beim Namen. Doch jeder versteht, dass die neue Sicherheitsdoktrin der USA gemeint ist – und die der anderen Imperien, die dabei sind, die Welt nach ihren Interessen unter sich aufzuteilen.

Immer wieder drückt Leo sich so klar aus – und macht doch selten Schlagzeilen damit. Denn nicht nur inhaltlich, auch im Stil ist der Papst aus Chicago das Gegenteil des polternden Präsidenten aus New York. Auf politische Fragen von Journalisten antwortet er oft abwägend – obwohl viele Medienleute ihm immer wieder kurze, einfache Statements zu entlocken versuchen. Zum Beispiel vor den Toren seiner Zweitresidenz in Castel Gandolfo. Bevor er dort ins Auto steigt, um in den Vatikan zurückzukehren, haben die Reporter Gelegenheit, ihm Fragen zuzurufen. 

Da kann es vorkommen, dass Leo die Bemühungen Trumps um einen Waffenstillstand im Gazastreifen lobt. Aber auch, dass er angesichts der neuen US-Politik gegenüber Europa sagt: „Leider würde einiges davon eine große Veränderung in dem bringen, was für sehr viele Jahre eine echte Allianz zwischen Europa und den USA war.“ Manchmal tadelt er: „Einige Bemerkungen über Europa, auch in manchen aktuellen Interviews, versuchen, so scheint mir, das auseinanderzubrechen, was aus meiner Sicht heute und künftig ein wichtiges Bündnis für die Zukunft sein sollte.“

Nach der US-Militäraktion in Venezuela rief Leo zur Achtung der Souveränität des Landes und zum Schutz der Bevölkerung auf und betonte, das Wohl des „geliebten venezolanischen Volkes“ müsse Vorrang vor allen anderen Erwägungen haben. Brian Burch, US-Botschafter im Vatikan, ignorierte diese massive Differenz. Er zitierte selektiv, ließ zentrale Aussagen weg und verfälschte die Aussagen Leos. Der Rechtskatholik tat so, als habe der Papst Trumps Vorgehen gutgeheißen.

ICE-Agenten handeln „extrem respektlos“

„Papst Leo XIV. sagte am Sonntag, dass er die Nachrichten aus Venezuela verfolgt und für den Frieden betet“, schrieb Burch. „Er betonte die Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten, um eine Zukunft für das venezolanische Volk aufzubauen, die auf Kooperation, Stabilität und Harmonie basiert.“ Dank Trumps Führung werde Diktator Nicolás Maduro nun vor Gericht gestellt: „Dies ist ein Moment, um Hoffnung für Millionen zu feiern.“ In Wahrheit hatte der Papst die Trump-Regierung bereits im Dezember aufgefordert, „keinen Militärputsch oder keine Invasion“ in Venezuela zu verfolgen.

Zu Trumps Friedensplan für die von Russland angegriffene Ukraine sagte Leo: „Der Versuch, eine Friedensvereinbarung unter Ausschluss Europas zu erreichen, ist nicht realistisch. Der Krieg ist in Europa, und ich glaube, dass Europa Teil der Sicherheitsgarantien sein muss. Leider versteht das nicht jeder.“

So detailliert spricht Leo nur bei ausgewählten Gelegenheiten zu politischen Themen. Bei seinen Friedensappellen bleibt er oft allgemein. Umso aufmerksamer wird es in der Diplomatie registriert, wenn er sich klar äußert. Ähnliches gilt für seine Einlassungen zu innenpolitischen Themen in den USA. Da kann es vorkommen, dass er Vorschläge für eine liberalere Regelung des assistierten Suizids in seinem Heimatstaat Illinois kritisiert und eine Gesetzgebung fordert, die den Schutz des Lebens in den Mittelpunkt stellt.

Ebenso eindeutig ist der Papst bei der Bewertung des Vorgehens der Anti-Immigrationsbehörde ICE gegen Migranten und ihre Familien. Zunächst überließ er der US-Bischofskonferenz die Aufgabe, mit einer „besonderen Botschaft“ dieses Vorgehen zu kritisieren. Darin wandten sich die Bischöfe „gegen eine undifferenzierte Massenabschiebung“ und beteten für ein „Ende der unmenschlichen Rhetorik und Gewalt“.

Nachdem ihn aber insbesondere aus seiner Heimat Chicago Berichte über unverändert hartes Vorgehen sogar gegen Menschen mit jahrelangem Aufenthalt erreichten, verschärfte der Papst persönlich den Ton. Er nannte das Handeln der ICE-Agenten „extrem respektlos“ und forderte einen „humanen Umgang mit Menschen unter Respektierung ihrer Würde“. 

Die Mahnungen des Papstes für ein Mindestmaß an Humanität sorgten in den USA für ein so lautes Echo, dass sich Trumps Sprecherin Karoline Leavitt veranlasst sah, die Kritik zurückzuweisen. Dass Leos Worte Gewicht haben, liegt an der Stärke des katholischen Wählerblocks: In den USA ist jeder fünfte Wahlberechtigte katholisch.

Ludwig Ring-Eifel