Impuls zur Sonntagslesung am 24.05.2026

Pfingsten: Eine Kraft, die bewegt

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Pfingstrose
Nachweis

Foto: imago/Rolf Poss

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Die Pfingstrose als Symbol für den Heiligen Geist

Wie sieht der Heilige Geist aus? Die Bibel spricht über ihn in Bildern, beschreibt ihn als Taube, Feuer oder Wind. Doch die Botschaft aller Symbole ist dieselbe: Man erkennt den Geist an seinen Wirkungen.


Taube

Die meisten Menschen werden auf die Frage, wie sie sich den Heiligen Geist vorstellen, mit dem Bild der Taube antworten. In vielen Kirchen und Gemälden wird der Heilige Geist so dargestellt. Der Ursprung dieser Vorstellung liegt in den vier Evangelien, in der Erzählung von Jesu Taufe am Jordan: Als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er „den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen“, beschreibt etwa Matthäus die Szene. Die Taube wurde so zum prägenden Symbol des Geistes. 

Der Vogel galt in der Antike als besonders rein und arglos und wurde gern als Opfertier im Tempel genommen. Im Gegensatz zu Adler, Löwe oder Stier, die in der Bibel für Kraft und Herrschaft stehen, ist die Taube wehrlos und zart. Ist der Heilige Geist also schwach – oder die Taube doch das falsche Symbol? Nein, denn der Heilige Geist will nicht durch Stärke oder Macht überzeugen. Er wirbt, er berührt, er zwingt niemanden zum Glauben. Die Taube zeigt, mit welcher Sanftheit Gott wirkt.

Feuerzunge

Die Lesung aus der Apostelgeschichte an diesem Sonntag beschreibt, was die Jünger am Pfingsttag erleben: Sie alle waren zusammen, als Zungen wie von Feuer erschienen und sich auf jeden von ihnen eine niederließ. „Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt“, heißt es. 

In der Bibel ist das Feuer immer wieder ein Zeichen für die Gegenwart Gottes, etwa im Alten Testament, als Gott sich Mose im brennenden Dornbusch zeigt. Oder als er in der Feuersäule das Volk Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten herausführt.

Die Feuerzungen, die am Pfingsttag über die Jünger kommen, wurden schon von Johannes dem Täufer angekündigt. „Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“, heißt es bei Matthäus. Dabei ist die Form des Feuers entscheidend: Es sind nicht einfach Flammen, sondern Zungen. Als die Jünger davon berührt werden, ist jede Sprachbarriere aufgehoben: Jeder in Jerusalem kann die Jünger in seiner Muttersprache hören und verstehen.

Es ist das Gegenteil von dem, was im Buch Genesis beim Turmbau zu Babel erzählt wird (Gen 11). Dort ist beschrieben, wie Gott die Menschen verwirrt, ihnen die gemeinsame Sprache nimmt und sie über alle Welt zerstreut, als sie versuchen, sich ihm gleich zu machen. An Pfingsten kommen nun alle zusammen und jeder kann mit jedem sprechen. Der Geist heilt, was die Sünde zerbrochen hat.

Öl und Salbung 

Öl wird in der Bibel meist dann benutzt, wenn ein König, ein Priester oder ein Prophet gesalbt wird. Beim Propheten Samuel etwa heißt es, dass er das Horn mit dem Öl nahm und David salbte, „mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.“ (1 Sam 16,13) Die Salbung ist ein Zeichen, dass der Geist Gottes auf dem Menschen ruht – und zugleich eine Beauftragung, in seinen Dienst zu treten. 

So wird auch heute noch bei der Taufe, bei der Firmung, bei der Weihe und der Krankensalbung Öl benutzt. Es riecht, es glänzt auf der Haut, es zieht ein, heilt und schützt – so wie der Geist. Er durchdringt jede Pore des Menschen, er lässt alles Böse an der glatten Oberfläche abgleiten, er heilt Wunden und stärkt die Zuversicht. 

Wind oder Atem 

„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus“, heißt es in der Apostelgeschichte. Der Wind ist am Pfingsttag das erste Zeichen für den Heiligen Geist: Er kündigt an und bereitet vor, dass nun Großes passieren wird. 

Das hebräische Wort ruach und das griechische Wort pneuma bedeuten jeweils Wind, Atem und Geist. Schon in den ursprünglichen Sprachen der Bibel ist das Symbol Wind also mit dem Heiligen Geist verknüpft. 

Und es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten: Wind ist unsichtbar, er lässt sich nicht besitzen oder eindämmen, er ist kräftig und treibt Mühlen oder Segelschiffe an. So ist es auch mit dem Heiligen Geist. Wir können seine Wirkung spüren, in unseren Gebeten, in der Gemeinschaft mit anderen, in der Kirche.

Handauflegung 

Schon die Apostelgeschichte zeigt: Die Handauflegung ist der zentrale Akt der Geistübertragung. Petrus und Johannes kommen nach Samaria und legen den Menschen nach ihrer Taufe die Hände auf. So empfangen sie den Geist (Apg 8,17). In Ephesus tauft Paulus zwölf Männer und legt ihnen die Hände auf (Apg 19,6) und Stephanus und weitere Männer werden durch Handauflegung der Apostel in ihr Amt eingeführt (Apg 6,6).

Der Heilige Geist ist nicht irgendeine abstrakte Kraft, die wir Christen uns herbeiwünschen. Er wird empfangen – durch einen konkreten Akt und durch eine Person. Doch nicht allein auf die Berührung kommt es an. Genauso entscheidend ist das Gebet: Komm, Heiliger Geist! Ohne diese Bitte würde die Handauflegung zum Hokuspokus. 

Kerstin Ostendorf