Impuls zur Sonntagslesung am 12. April 2026
Streck deine Hand aus!
Foto: privat
Im Wallfahrtsort Telgte berühren die Gläubigen die Füße der Muttergottesstatue.
Die Muttergottes
Wie wichtig und prägend eine Berührung sein kann, hat Richard Schu-Schätter bei seiner Mutter erlebt. Die durfte 1933 als Fünfjährige bei der Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier die Reliquie berühren. „Schon damals war das eigentlich verboten. Nur kleine Kinder wurden zum Rock hochgehoben“, sagt er. Seine Mutter hätte noch auf dem Sterbebett von diesem Moment erzählt. „Diese kurze Berührung hat sie ihr ganzes Leben begleitet.“
Schu-Schätter arbeitet als Pilgerseelsorger im münsterländischen Telgte. Er kann nachvollziehen, warum es den Gläubigen, die etwa mit den großen Fußwallfahrten aus Osnabrück oder Altenrheine in die Stadt kommen, so wichtig ist, das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes zu berühren. „Die Leute haben einen kilometerlangen, anstrengenden Marsch hinter sich. Jetzt sind sie angekommen und können all das, was ihnen unterwegs durch Kopf und Herz gegangen ist, vor Maria abladen.“ Für viele sei es schon ausreichend, das Gnadenbild zu sehen, und in den Kirchenbänken zu verweilen. „Für manche ist aber auch die Berührung wichtig. Das ist nochmal intensiver“, sagt Schu-Schätter.
Der Pastoralreferent hat beobachtet, wie die Gläubigen nach vorne kommen, den Fuß oder den Sockel der Statue berühren, kurz innehalten, vielleicht eine Kniebeuge machen, das Kreuzzeichen schlagen. Die Berührung sei ein Zeichen der Verbundenheit – mit dem eigenen Glauben, mit Maria und mit all den Pilgern, die in den Jahrhunderten zuvor nach Telgte gekommen sind. „Es ist ein urmenschliches Bedürfnis etwas zu berühren. Wir begreifen durch Berührung“, sagt Schu-Schätter. Die Muttergottes anzufassen, sei ein Beten mit dem Körper.
Dabei müsse man immer im Blick haben, das kunsthistorisch wertvolle Stück zu schützen. „Noch gibt es keine Veränderungen am Sockel. Da ist nichts abgenutzt oder blank geputzt“, sagt der Seelsorger. Die Konservatorinnen hätten ein wachsames Auge darauf. „Aber es ist eben auch kein Museumsstück, sondern ein Andachtsgegenstand und der lebt davon, dass Menschen in Beziehung mit ihm sind.“
// Kerstin Ostendorf
Die Mesusa
Die Sache mit dem Berühren ist im Judentum gar nicht so einfach, sagt Rabbiner Daniel Fabian. Denn manches „ist einfach zu heilig, als dass man es berühren dürfe“. Die längst verschollene Bundeslade zum Beispiel. „Wenn sie transportiert wurde, trug man sie auf Stangen.“
Heute erkennt man diese Idee an dem Yad, einer Art Zeigestock, der in einem kunstvollen Finger endet, und den diejenigen benutzen, die im Gottesdienst aus der Tora-Rolle vorlesen. „Einerseits weil der eigene Zeigefinger die Tinte verschmieren könnte“, sagt Fabian. „Wichtiger ist aber, dass die Torarolle, das Wort Gottes, so heilig ist, dass man sie nicht anfassen soll.“
Was viele Juden berühren, ist die Mesusa, die kleine Kapsel, die sie am Türstock ihrer Wohnungen befestigt haben. Darin steckt ein Pergament mit den ersten beiden Absätzen des jüdischen Glaubensbekenntnisses Schma Israel. Fabian sagt: „Eine Mesusa an der Tür zu haben, ist eine Vorschrift aus der Tora. Sie beim Hinein- oder Hinausgehen zu berühren, davon ist keine Rede.“ Warum wird es trotzdem oft gemacht? „Es hilft, sich den Glauben bewusst zu machen, ihn nicht zu vergessen“, sagt Fabian. Deshalb berühren orthodoxe Juden, die die traditionellen Gebetsriemen tragen, sie mehrmals während des Gebets. „Auch in den kleinen Kästchen am Arm und vor der Stirn steckt das Schma Israel. Wenn wir sie berühren, wollen wir uns das Gebet vergegenwärtigen, es bewusst spüren.“
Näher zu Gott zu kommen, indem man etwas berührt, diese Vorstellung gibt es im Judentum dagegen nicht. Für einen Glauben, der sogar Bilder verbietet, wäre das befremdlich. Vielleicht hat der Jude Thomas den auferstandenen Jesus deshalb schlussendlich doch nicht berührt. Vielleicht war er einfach zu heilig, um ihn anzufassen.
// Susanne Haverkamp
Die Ikone
Foto: kna/Cornelius Gollhardt
Wer jemandem zur Begrüßung einen Kuss schenkt, sagt: Du bedeutest mir viel, ich liebe dich. Für Christinnen und Christen der byzantinischen Tradition ist das Küssen auch eine Geste für Gott.
Zum Beispiel, wenn sie eine Kirche betreten. Nahe hinter dem Eingang steht ein kleiner Tisch, Tetrapod genannt. Darauf liegt eine Ikone, die entweder Jesus, die Gottesmutter Maria, die Kirchenpatrone oder die Heiligen des Tages zeigt. Die Gläubigen treten heran, bekreuzigen sich, beugen sich zu der Ikone herunter und küssen sie.
„Indem ich die Ikone küsse, verehre ich Gott und die Heiligen, die auf der Ikone dargestellt sind“, sagt Nazariy Yasinovskyy, der Pfarrer der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde in Osnabrück. „Die Ehre, die wir dem Bild erweisen, geht auf das Urbild über. Es ist wie mit dem Foto eines geliebten Menschen“, sagt Yasinovskyy. „Wir schauen das Foto an und küssen es, es ist ein Ausdruck der Liebe zu diesem Menschen.“
Ihm ist wichtig, dass die Geste nicht der Ikone an sich gilt. „Ikonen sind keine Götterbilder“, sagt er, wer sie küsst, ehrt nicht das Bild, das Holz oder das Kunstwerk, sondern Gott und die Heiligen, die durch die Ikonen gegenwärtig sind.
Das Küssen der Ikonen ist byzantinischen Christinnen und Christen so wichtig, dass es ein eigenes Fest dafür gibt. Mit dem Fest der Orthodoxie am ersten Fastensonntag erinnern sie an das Jahr 787, in dem es wieder erlaubt wurde, Ikonen zu verehren. Bis dahin fürchtete man, dass Ikonen als Götterbilder missverstanden werden.
Für Pfarrer Yasinovskyy ist die Sache klar: „Mit dem Kuss sage ich Gott, dass ich mit ihm verbunden bin und dass ich ihm noch näher sein möchte.“
// Barbara Dreiling